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Künftig hinter verschlossenen Türen?

Stammzellforscher Hans Schöler verlangt Verschwiegenheit

Von Marieke Degen

Hans Schöler spricht nicht mehr mit Journalisten. (MPI-Münster)
Hans Schöler spricht nicht mehr mit Journalisten. (MPI-Münster)

Stammzellforschung. – Ein renommierter deutscher Forscher streitet mit einem ebenso renommierten deutschen Presseorgan. Der Münsteraner Stammzellforscher Hans Schöler hat sich über einen Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geärgert und verlangt von Journalisten künftig auf wissenschaftlichen Kongressen Verschwiegenheit.

Der Streit begann auf einem Stammzell-Kongress in Dresden, wurde auf den Wissenschaftsseiten der "FAZ" und der "Süddeutschen" fortgeführt und endete gestern mit einem kleinen Eklat auf dem Internationalen Genetikkongress in Berlin. Hans Schöler, Stammzellforscher vom Max Planck Institut für Biomedizin in Münster, brach seinen Vortrag mitten im Satz ab und weigerte sich fortzufahren, solange Journalisten im Raum sind.

Im Großen und Ganzen ging es dabei um nichts Geringeres als die potenzielle Wunderwaffe gegen schwere Krankheiten: Stammzellen, also Zellen, die sich in viele verschiedene Zelltypen umwandeln lassen. Das Problem: Um an Stammzellen heranzukommen, müssen Embryonen getötet werden. Eine mögliche Lösung: Die Reprogrammierung von Körperzellen zu Stammzellen. Dass das funktioniert, haben Forscher aus Japan vor zwei Jahren gezeigt. Sie wandelten die Hautzelle einer Maus in eine Stammzelle um. Doch das hat Nachteile, sagt Gerhardt Ehninger, Stammzellexperte von der Uniklinik Dresden.

"Es gibt die Möglichkeit, Hautzellen zu nehmen, dort sind aber erhebliche genetische Veränderungen, zusätzliche Gene einzuführen."

Um den Reprogrammierung anzustoßen, müssen die Forscher Gene in die Hautzellen schleusen. Doch diese Gene könnten beim Menschen Krebs auslösen. Das Ziel der Forscher ist es deshalb, mit weniger Genen auszukommen, oder irgendwann ganz auf sie zu verzichten. Genau das ist Hans Schölers Team jetzt offenbar gelungen. Bei Zellen aus dem Mäusehoden. Ehninger:

"Einfacher scheint es gewesen zu sein, Hodenzellen zu nehmen, wo die Vorläufereigenschaften noch wesentlich besser erhalten ist, weil die Zellen ja auch eine hohe Teilungsrate und sehr nahe an ihrem Ursprung noch liegen. Diese Zellen sind nicht mehr ganz Stammzellen, aber auch noch keine richtige Körperzellen. Sie ließen sich deshalb im Reagenzglas wieder zu Stammzellen umwandeln - ganz ohne den Einsatz der gefährlichen Gene."

Hans Schöler ist aber nicht als erster auf diese Idee gekommen. Schon vor zwei Jahren hat ein Team aus Göttingen Hodengewebe in Stammzellen umgewandelt. Es gelang ihnen sogar, aus den Stammzellen Herzmuskelzellen zu züchten. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachblatt "Nature". Allerdings hatten sie nicht so genau angegeben, wo genau sie die Zellen im Hoden herhatten. Und das, berichten zumindest einige Tagungsteilnehmer, habe Schöler in Dresden diskutieren wollen. Doch die Göttinger sind nicht angereist. Stattdessen folge ein Schlagabtausch der beiden Forschergruppen auf den Wissenschaftsseiten von "FAZ" und "Süddeutsche". Hans Schöler fühlte sich von der Presse falsch zitiert und fordert jetzt - laut "Spiegel-Online" - eine Schweigepflicht für Wissenschaftsjournalisten. Eine Auseinandersetzung mit Boulevardcharakter. Aber an der Qualität der Ergebnisse lässt sich bei beiden Gruppen nicht rütteln, sagt Ehninger:

"Dieser Zweig der Stammzellforschung ist von eminenter Bedeutung, weil wir Alleskönnerzellen natürlich von embryonalen Zellen gewinnen können, und es scheint auch möglich zu sein, aus fertigen Gewebezellen das zu machen, indem Genschalter umgelegt werden, oder es scheint auch möglich zu sein, aus Hoden Zellen zu isolieren und in der Zellkultur zu differenzieren, dass Alleskönner draus werden. Das sind unterschiedliche Wege zu einem Ziel, welcher Weg letztendlich bedeutsamer für die klinische Entwicklung sein wird, muss man absolut offen lassen."

Auf die Arbeit mit anderen Stammzellquellen werden die Forscher nämlich auf keinen Fall verzichten können. Schließlich verfügen nur Männer über ein Stammzelldepot im Hoden - eine ähnliche Quelle bei Frauen ist nicht in Sicht.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:30 Uhr