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Lange Nacht Im Auge der Sonne

Eine 'Lange Nacht' über Malta und die Kulturhauptstadt 2018, Valletta

Von Harald Brandt

Die Kulturhauptstadt 2018, Valletta, Malta (© ullstein bild/Unkel)
Die Kulturhauptstadt 2018, Valletta, Malta (© ullstein bild/Unkel)

Am 7.7. widmet sich die ,Lange Nacht‘ der Kulturhauptstadt 2018, Valletta, auf der Mittelmeerinsel Malta. Seit der Ermordung einer regierungskritischen maltesischen Journalistin steht die Insel im Fokus der Medien.

Als die Mittelmeerinsel Malta noch britische Kolonie war, besuchte ein englischer Offizier ein Fest in einem alten Stadtpalast in der Hauptstadt Valletta. Es wurde viel getrunken und getanzt und beim Weggehen vergaß der Offizier seine Armbanduhr, die er auf einem Tischchen abgelegt hatte. Am nächsten Morgen bemerkte er den Verlust und begab sich zu dem Haus. Keiner ließ ihn ein, aber mehrere Nachbarn, die sein Klopfen gehört hatten, sagten ihm, dass dieses Haus schon seit vielen Jahren nicht mehr bewohnt sei. Aufgrund seiner Stellung in der britischen Armee gelang es dem Offizier, sich dennoch Zugang zu verschaffen. Alle Fenster waren verschlossen, die Möbel mit Tüchern verhängt, die Parkettböden glanzlos und mit Staub bedeckt. Aber auf einem kleinen Tisch im Ballsaal lag seine Armbanduhr.

Diese Geschichte ist typisch für Malta. Raum und Zeit scheinen sich auf der gerade mal 246 Quadratkilometer großen Hauptinsel anders ineinanderzufügen als im Rest der Welt. Im zweiten und dritten Jahrtausend vor Christus entstanden auf Malta und der Nachbarinsel Gozo Megalithtempel und unterirdische Heiligtümer, die heute zum Weltkulturerbe gezählt werden. Die Kultur der Tempelbauer erlosch um 1500 vor Christus. Später kamen die Karthager, die Römer, die Byzantiner und die Araber, deren Präsenz bis heute in der maltesischen Sprache zu spüren ist. 1530 übergab Kaiser Karl V. die Inseln als Lehen dem Johanniterorden, der die Befestigungsanlagen am Hafen verstärkte und die Inseln gegen osmanische Angriffe verteidigte. Infolge der Großen Belagerung im Jahr 1565 wurde 1566 die Festungsstadt Valletta gegründet, die nach dem damaligen Großmeister des Ordens, Jean Parisot de la Valette, benannt ist. Die neue Stadt mit ihren ausgeklügelten Verteidigungsanlagen und der Ausbau des Hafens machten Malta in wenigen Jahrzehnten zu einer Drehscheibe des europäischen Handels.

1814, nach einem kurzen Zwischenspiel napoleonischer Truppen, wurde die Inselgruppe britische Kronkolonie. Im Zweiten Weltkrieg spielte Malta eine wichtige Rolle als ‚unversenkbarer Flugzeugträger‘ der Briten, von dem aus Nachschub und Vormarsch des deutschen Afrikakorps behindert wurde. Valletta und der Hafen wurden durch deutsche und italienische Bomberverbände massiv angegriffen, die Erinnerung an diese Zeit ist bis heute im kollektiven Bewusstsein verankert. 2004 trat Malta der Europäischen Union bei.

Nach der Ermordung der regierungskritischen Journalistin Daphne Caruana Galizia im Oktober 2017 steht die kleine Mittelmeerinsel im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Veröffentlichung der ‚Paradise Papers‘ belegt, dass Malta eine Steueroase ist, von der auch deutsche Firmen profitieren. Wer die Auftraggeber des Mordes waren, ist bis heute nicht aufgeklärt. Aber der Druck aus der Zivilgesellschaft wächst. Immer wieder kommt es zu Großdemonstrationen in den Straßen von Valletta. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten fordern ihre Regierung auf, endlich Licht in eine Affäre zu bringen, die den Ruf Maltas nachhaltig schädigt. Sie hoffen, dass der Status als Kulturhauptstadt genutzt wird, um die europäischen Werte zu stärken, die lange Zeit das Zusammenleben der Malteser mit den Rittern des Johanniterordens und später mit den britischen Kolonialherren bestimmten.

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Deutschlandfunk Kultur
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7.7. Im Auge der Sonne
Eine Lange Nacht über Malta und die Kulturhauptstadt 2018, Valletta

14.7. Im Labyrinth der Seelen
Eine Lange Nacht über Ingmar Bergman

21.7. Bello e impossibile
Eine Lange Nacht der italienischen Cantautori

28.7. "Ich bin so reich und doch fehlt mir so viel"
Eine Lange Nacht über die Schriftstellerin Fanny zu Reventlow


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juli 2018

 

Letzte Änderung: 27.06.2018 15:00 Uhr

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