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Lange Nacht Sprachwurzellos

Eine ,Lange Nacht‘ über den Schriftsteller und Nervenarzt Hans Keilson

Daniela Herzberg

Der Schriftsteller und Arzt Hans Keilson (© Marita Keilson-Lauritz)
Hans Keilson (© Marita Keilson-Lauritz)

Am 23.6. widmet sich die ,Lange Nacht‘ dem Schriftsteller und Nervenarzt Hans Keilson, seinem literarischen Werk und seiner therapeutischen Arbeit mit Kindern.

Der verfolgte Schriftsteller und Arzt Hans Keilson weigerte sich zu hassen. In Gedichten, Essays und Romanen suchte er nach dem Tropfen Liebe, dem Quäntchen gegenseitiger Faszination, das ihn mit den Nationalsozialisten verband. In seiner praktischen Arbeit als Nervenarzt und Psychoanalytiker stand er an der Seite der Opfer und blieb ein Leben lang jenen Menschen verbunden, die als jüdische Kinder die deutsche Besetzung der Niederlande überlebt hatten.

Hans Keilson, 1909 in Bad Freienwalde geboren, ging 1928 zum Medizinstudium nach Berlin, wo er für seinen Lebensunterhalt in Tanzkapellen Trompete spielte. Spielfreude und Eleganz zeichnen auch den Schriftsteller Hans Keilson aus. Seinen ersten Roman ‚Das Leben geht weiter‘ veröffentlichte er bereits 1933, mit 23 Jahren, als letzter jüdischer Debütant im S. Fischer Verlag. Gertrud, die Frau an seiner Seite, sorgte dafür, dass sie beide 1936 in die Niederlande emigrierten, wo Hans eine psychologische Beratungspraxis für Kinder eröffnete. 1943 schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. Mit gefälschtem Pass reiste er kreuz und quer durch das besetzte Land und besuchte jüdische Kinder in ihren Verstecken, um Konflikte mit den Pflegefamilien zu mildern. Neben der konspirativen Arbeit komponierte er die Novelle ‚Komödie in Moll‘ über ein niederländisches Paar, das einen Untertaucher versteckt, und schrieb ein aufwühlendes, fiebriges Tagebuch, das von seiner Liebe zu einer jungen jüdischen, ebenfalls untergetauchten Niederländerin erzählt.

Nach dem Krieg kehrte er zu Gertrud und der gemeinsamen Tochter zurück. Vergraben im Garten warteten die ersten 50 Seiten seines großen Romans ‚Der Tod des Widersachers‘, der in den USA ein Erfolg wurde, als er 1962 in englischer Übersetzung erschien. Die deutsche Originalausgabe war 1959 kaum beachtet worden.

Keilson schrieb weiter auf Deutsch, während er in den Niederlanden heimisch wurde. In seiner psychoanalytischen Praxis begleitete er Menschen, die als jüdische Kinder die Verfolgung überlebt hatten. In seiner einzigartigen Langzeitstudie ‚Sequentielle Traumatisierung bei Kindern‘ dokumentierte er über 200 Lebenswege dieser Überlebenden. Unter all den Gedichten, Essays, Prosatexten, Rezepten und Diagnosen, die er verfasst hatte, betrachtete er diese Studie als sein wichtigstes Werk, sein Kaddisch für seine in Auschwitz ermordeten Eltern. 1979, mit fast 70 Jahren, reichte er sie als Promotionsschrift ein und bemerkte trocken zu den Verwirbelungen seines Lebenslaufes: "Meistens promoviert man ja zu früh."

Er wusste, was es bedeutet, als Verfolgter unter Lebensgefahr anderen Verfolgten beizustehen. Das machte seine Ideen hilfreich in Kriegsgebieten und im Widerstand gegen Diktaturen. Therapeuten, die mit Folteropfern in Chile arbeiteten oder demobilisierte Kindersoldaten in Afrika begleiteten, entwickelten sein Traumakonzept weiter. Seine Sprache, die stets nach Differenzierung strebt, und seine geduldige Suche nach Heilungschancen für Kriegsopfer, Flüchtlinge und Überlebende extremer Gewalt machen sein Werk auch heute brisant.

Da Hans Keilson 101 Jahre alt wurde, erlebte er noch, wie die deutsche Öffentlichkeit sein literarisches Schaffen wiederentdeckte. 2005 erschien eine Werkausgabe im S. Fischer Verlag. Keilson erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter 2008 den Literaturpreis der Tageszeitung Die Welt. Das Publikum erlebte bei solchen Anlässen einen zarten, elegant gekleideten Herrn, der sich der Rolle des Opfers entzog, indem er freudig von seinen jungen Jahren als Jazztrompeter und Sportlehrer berichtete, um sich schließlich doch der Frage zuzuwenden, wie unerträgliches Leid sich ertragen lässt und wie vom Unsagbaren ein wenig in Worte gefasst werden kann. Die ,Lange Nacht‘ stellt Hans Keilsons literarisches Werk ebenso vor wie seine therapeutische Arbeit mit Kindern. Er selbst und viele seiner jüngeren Freunde und Weggefährten kommen zu Wort.

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Deutschlandfunk Kultur
Samstag, 0.05 Uhr
Lange Nacht

Deutschlandfunk
Samstag, 23.05 Uhr
Lange Nacht
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2.6. Sonnenuntergang im Wienerwald
Eine Lange Nacht über Ödön von Horváth

9.6. Hochseil
Die Lange Peter-Rühmkorf-Nacht

16.6. Von Utopia nach Arabien
Eine Lange Nacht über Israel

23.6. Sprachwurzellos
Eine Lange Nacht über den Schriftsteller und Nervenarzt Hans Keilson

30.6. Flamenco, Sackpfeifen und teuflische Dämonen
Eine Lange Nacht der spanischen Musik


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juni 2018

 

Letzte Änderung: 24.05.2018 10:34 Uhr

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