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"Machen Sie es wie ich: Lesen Sie ihn lange und laut!"

Klaus Buhlert über seine Arbeit am "Ulysses"

"Ulysses": Regisseur Klaus Buhlert und Dietmar Bär in der Rolle des Leopold Bloom (SWR / Hörverlag / Conny Fischer)
"Ulysses": Regisseur Klaus Buhlert und Dietmar Bär in der Rolle des Leopold Bloom (SWR / Hörverlag / Conny Fischer)

Er macht vieles selbst, aber nicht alleine: Der Regisseur des "Ulysses", Klaus Buhlert, komponierte auch die Musik und bearbeitete den Text für die Hörspielproduktion.

Klaus Buhlert, geboren 1950 in Oschersleben in Sachsen-Anhalt, flüchtete 1972 in den Westen. Nach einem Studium der Musik, Akustik und Informatik ging er an das Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/USA und bekam kurz darauf eine Gastprofessur für Elektronische und Computer-Musik an der TU Berlin.

1983 lernte er in London den Regisseur George Tabori kennen und schrieb für ihn bis 1995 zahlreiche Bühnenmusiken. Danach arbeitete er als Komponist fürs Theater, u. a. für Amelie Niermeyer, sowie fürs Kino, u. a. Didi Danquart, und war 1995 mit seiner Musik im Film "Natural Born Killers" von Oliver Stone vertreten. Seit 1992 arbeitet Buhlert zumeist in Personalunion als Autor oder Bearbeiter, Komponist und Regisseur für verschiedene Hörspielabteilungen der ARD. Zahlreiche Auszeichnungen: Deutscher Hörbuchpreis für "Moby Dick" und für "Der Mann ohne Eigenschaften" (Robert Musil); Hörspiel des Jahres 1995 für Raoul Schrotts "Hotels" und 2004 für "Mosaik" nach Konrad Bayer; Preis der Akademie der Künste 2001 für "Die Reise" nach Bernward Vesper. Klaus Buhlert lebt in Berlin.

Vielen gilt der "Ulysses" als ein unverständliches und schwieriges Werk. Wie sehr teilen Sie diese Einschätzung?

Klaus Buhlert: Allen, die diesen Roman unverständlich und schwierig finden, kann ich vielleicht nachfolgenden hilfreichen Ratschlag geben, ohne natürlich aufdringlich erscheinen zu wollen: Machen Sie es wie ich: Lesen Sie ihn lange und laut! Ich habe mich für einige Monate mit etwas beschäftigt, was die Meisten abschreckt. Es liegt deshalb nahe, dass ich nach Abschluss dieser Produktion als eine Art Experte in Sachen "Ulysses" gelte und auch so behandelt werde.

Zum Beispiel werden mir fremde Menschen sich entschuldigend anvertrauen, dass sie den Roman nur teilweise oder gar nicht ... aber nächste Woche dann, besonders jetzt, wo man das Hörspiel... Ich habe aber immer noch nicht die leiseste Ahnung, wie man den "Ulysses" richtig lesen sollte, wenn man das überhaupt kann. Das Einzige, was ich behaupten darf, ist, dass wir den Roman im Tonstudio lange und laut gelesen haben. Und einigen, die das Ergebnis hören, wird das wohl großen Spaß machen.

Was macht den "Ulysses" für eine Hörspielbearbeitung so reizvoll?

Buhlert: Über reizvolle Hörspielbearbeitungen zu reden ist in der Regel bequemer, als so eine Bearbeitung - zum Beispiel aus dem "Ulysses"-Roman - zu fertigen. Es gilt, unzählige Einzelheiten zu entscheiden. Unter Produktionsdruck muss manches notdürftig und schnell passieren. Und dazu sind leider ein paar Kenntnisse nötig, die gewissermaßen solche Entscheidungen erst möglich machen. Aber bei einem Werk wie dem "Ulysses" äußern sich Theoriespezialisten auf Nachfrage oder Nachschlagen hin meist präzise und allgemeingültig - und wenn es unbedingt erforderlich ist, auch verständlich.

Der Reiz für eine Hörspielbearbeitung des "Ulysses" besteht wohl darin, den Schreibmustern im Roman, ihrer Poesie und ihrem Rhythmus und nicht zuletzt diesem Jonglieren mit Stilistik und Form, nachzuspüren und akustische Entsprechungen dafür zu finden.

Worin bestand die größte Herausforderung bei der Realisierung des Hörspiels?

Buhlert: Das Lesen des Romans stellt den Leser, wie wir alle erfahren haben, vor gewisse Anforderungen. Man kann sich vorstellen, dass diese Anforderungen nicht gerade kleiner werden, wenn man den Roman ein weiteres Mal - nun aber laut - lesen möchte. Geht man noch einen Schritt weiter und beschließt, sich den Roman von anderen Menschen vorlesen und vorspielen zu lassen, wird man schnell vom komplexen Hintergrund solch eines Vorhabens überzeugt sein. Gott sei Dank waren es in meinem Falle außergewöhnlich gute Schauspieler!

Bei Joyce kommt noch erschwerend hinzu: Im Text des Romans wird die Illusion spontaner Mündlichkeit niemals zerstört - und das, obwohl immer vom Autor scharf kalkulierte Schriftlichkeit zugrunde liegt. Wir alle kennen den Satz: "Schreibe, wie du sprichst!" Und der wird bei Joyce ins Gegenteil verkehrt. Das macht die Arbeit für die Schauspieler und den Regisseur im Studio nicht einfacher.

Das Hörspiel ist mit erstklassigen Schauspielern besetzt. Wie bereiten Sie den Einsatz der Schauspieler vor?

Buhlert: Alles, was ich tun kann, ist, mich selbst vorzubereiten. Mit den meisten Schauspielern unseres "Ulysses" verbindet mich langjährige Erfahrung in der Arbeit, zum Teil auch Freundschaft. Man kann sich aufeinander verlassen, auch wenn es manchmal reichlich unübersichtlich wird im Studio.

Schauspieler bereiten sich ganz individuell und auf ihre Weise auf solche nicht alltäglichen Texte vor. In dieser Richtung mache ich überhaupt keine Vorgaben mehr. Manchmal, wenn es 'tricky' werden könnte, dann trifft man sich zu einer Vorbesprechung oder auch kleineren Probe vor der eigentlichen Aufnahme.

Wichtig für mich ist, dass bei den eigentlichen Aufnahmen viel von der spontanen Individualität des Schauspielers erhalten bleibt. Trotz meines Bauplans und der damit verbundenen Vorstellungen über Inszenierung und Figuren im Kopf.

Bei der Musik greifen Sie auch auf Kompositionen zurück, die Joyce selbst gesungen beziehungsweise am Piano begleitet hat. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Buhlert: Joyce war ein begabter Tenor und begleitete seinen Gesang selbst am Piano. Das war Familientradition, denn auch von seinem Vater wird berichtet, dass er eine überdurchschnittliche Tenorstimme besaß. Zu diesem Thema gibt es eine nette Geschichte: Ein Zeitgenosse aus Dublin soll auf die Frage, ob er den Schriftsteller James Joyce gekannt habe, geantwortet haben: "Schriftsteller? Ich kenne einen James Joyce, aber das war ein Tenor." Um dann nach einigem Nachdenken hinzuzufügen: "Ach, ja ein paar Bücher soll er auch geschrieben haben!"

Joyce' musikalischer Nachlass landete in mehreren Schuhkartons verpackt in einer Universitätsbibliothek in den USA. 1982 kam ein "James Joyce Songbook" heraus, das den dankenswerten Versuch unternimmt, diese Sammlung loser Blätter zu bündeln und in Beziehung zum literarischen Gesamtwerk von James Joyce zu setzen. Dieses "Songbook"-Material wurde zur musikalischen Quelle für uns.

Und einige gute Beispiele dafür sind sicherlich in Kapitel 11 hörbar. Kapitel 11 trägt übrigens den programmatischen Titel "Sirenen". Wie der Name andeutet, stehen Musik und musikalische Techniken in seinem magnetischen Zentrum. Klänge, Metaphern, Rhythmen werden von diesem Magneten gleichsam angezogen und zu Sprache und Gesang geordnet. Nicht einfach zu entschlüsseln und dennoch faszinierend in seiner Art.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:52 Uhr