"Man ging in West-Berlin ins Kino"

Mauerstücke - August '61: Vor 50 Jahren wurde die Mauer gebaut (Teil 5)

Von Jörg Hafkemeyer

Günter Kunert ging vor dem Mauerbau regelmäßig nach West-Berlin ins Kino oder Verwandte besuchen. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Günter Kunert ging vor dem Mauerbau regelmäßig nach West-Berlin ins Kino oder Verwandte besuchen. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Sowjetische und ostdeutsche Stabsoffiziere haben den Verlauf der Trennung Berlins Anfang August 1961 längst festgelegt. Davon bekam damals auch der Schriftsteller Günter Kunert im Ostberliner Stadtteil Treptow nichts mit und glaubte weiter an den Sonderstatus der Stadt.

Die erste Augusthälfte 1961. Uwe Johnsons Buch "Zwei Ansichten" spielt in den Wochen vor und nach dem Bau der Mauer, erzählt die Geschichte des westdeutschen Fotografen B. und der ostdeutschen Krankenschwester D. - Es liest der Autor aus seinem 1965 zum ersten Mal veröffentlichten Band:

"Die Städte Berlin waren für sie immer Nachbarschaft gewesen, die Gegend nebenan, genutztes Eigentum, und es war ihr nicht recht gewesen, wenn B. in West-Berlin immer für sie bezahlte mit seinem Geld, als wäre das nicht ihre Stadt, und Ost-Berlin vermied, als würde das seine nicht."

In diesen Tagen haben sowjetische und ostdeutsche Stabsoffiziere den Verlauf einer Barriere durch die Mitte Berlins längst festgelegt und auf Generalstabskarten eingetragen. Der englische Historiker Frederick Taylor schreibt über diese Tage im August vor 50 Jahren:

"Dazu gehörten 18 200 Betonpfosten, 150 Tonnen Stacheldraht (ein im Ostblock sehr kostbares Gut), fünf Tonnen Bindedraht und zwei Tonnen Krampen. Außerdem wurde das Material für eine provisorische Barriere auf der gesamten Länge des "Rings um Berlin" von 155 km beschafft.

West-Berlin sollte nicht nur vom Ostteil der Stadt, sondern durch eine weniger beeindruckende Sperranlage auch vom Hinterland abgeschnitten werden. Dafür benötigte man weitere 300 Tonnen Stacheldraht."

Günter Kunert im östlichen Stadtteil Treptow bekommt von diesen Vorbereitungen an der noch offenen Grenze Anfang August nichts mit. Glaubt weiter an den Sonderstatus der Stadt:

"Berlin war ja nicht die DDR also Ost-Berlin. Und natürlich war man immer unterwegs. Man ging in West-Berlin ins Kino, Bekanntschaft und Verwandtschaft lebte in West-Berlin, man machte Besuche, wurde besucht."

Noch sind die Grenzübergänge offen. Von den Ereignissen in und um Berlin bekommt der Schriftsteller Erich Loest nichts mit. Seit vier Jahren sitzt er im Zuchthaus Bautzen II ein. Der politische Gefangene hat Zeit zum Nachdenken. Ist verurteilt mit seinen Freunden Wolfgang Harich, Walter Janka und Gustav Just als Konterrevolutionär.

Erich Loest: "Er, ich, wir waren ja nun Nazis gewesen, Nazisoldaten, er war sogar Leutnant gewesen, weil er ein bisschen älter ist, und wir sind dann mit fliegenden Fahnen in das neue Leben hinein gegangen und wollten nun auch wieder gut machen, was wir da angerichtet hatten mit in diesem Krieg."

Worauf sie sich im System DDR einlassen, merken die Freunde erst nach und nach. Schließlich kommen sie im Gefängnis, in Bautzen II an:

Erich Loest: "Es klang ja auch alles sehr, sehr schön und eine kurze Zeit der Diktatur und da müssen wir durch. Na gut, aber dann kommt der große, freie Sozialismus, dann scheint die Sonne überall und plötzlich knirscht das Unternehmen am 17. Juni 53, dann knirscht es noch mal. Wir versuche, uns einen Kopp zu machen, was da nun los ist. Versuchen, uns eine eigene Meinung zu bilden. Schon mal falsch. Im Kommunismus eine eigene Meinung haben zu wollen und sind dann hineingekommen."

Die einen werden von der DDR-Staatsmacht weggesperrt. Andere versuchen, zu flüchten. Die Situation auf der ostdeutschen Seite der Grenze brutalisiert sich.

Uwe Johnson schreibt in seinen "Zwei Ansichten":

"In den Zeitungen erschienen die ersten Berichte über gescheiterte Fluchtversuche aus Ost Berlin, Leichenbilder, gelungene Durchbrüche an den Grenzen Westberliner Stadtteile, von denen er nicht einmal die Namen kannte."

Günter Kunert im östlichen Stadtteil Treptow, will die DDR nicht verlassen, fährt noch immer zwischen ihr und Westdeutschland hin und her. Hat wie Erich Loest und Gustav Just die Nazizeit überstanden, überlebt.

Günter Kunert: "Das heißt also, man war ein gebranntes Kind aus der Nazizeit und hatte auch selbstverständlich seine Aversion gegen eine gewisse Restauration konservativ rechten Denkens und der entsprechenden Mitglieder und Teilnehmer im Westen. Das war aus politischen und psychischen Gründen keine Alternative."

Linktipps bei dradio.de:
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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr