Marathon mit Bauhelm und festen Stiefeln

Mit Umsteigerland beim Trassenausbau in Ibbenbüren

Von Markus Dichmann

Der Trassenausbau ist ein heikles Thema, weil er vielen Parametern standhalten muss. (AP)
Der Trassenausbau ist ein heikles Thema, weil er vielen Parametern standhalten muss. (AP)

Umsteigerland braucht neue Leitungen, um den Strom aus Windkraft im Norden oder Solaranlagen im Süden auch in den Rest der Republik zu transportieren - und zwar Tausende Kilometer. Um aus Planung Realität werden zu lassen bedarf es einiger Anstrengung.

"Muskelarbeit. Es gibt keinen Fahrstuhl, und das ist ein sehr anstrengender Job, da oben."

Und das passiert auf etwa 40 Metern Höhe. Der Arbeiter besteigt den Strommast wie ein Bergsteiger mit Karabinerhaken. Von unten beobachtet ihn Dirk Wöhl, technischer Leiter der Anlage.

"Der Kollege hat halt Nacharbeiten zu leisten, der Mast wurde letzte Woche gestellt, wechselt Schrauben aus, zieht Schrauben nach, damit der Mast am Ende auch sicher steht und wir auch eine 100-prozentige Qualität bekommen."

Von morgens um sieben bis in den Nachmittag klettern die Männer auf dem Stahlkoloss herum - 70 Meter hoch, größer als die Freiheitsstaue. 130 Tonnen schwer – durch ein massives Fundament aus Beton und Erde im Boden verankert.

Es ist ein Mammutprojekt, dass der Netzbetreiber Amprion umzusetzen hat.

"Die Ziele sind sportlich, das ist klar, und es dürfen auch keine großen Verzögerungen eintreten, dann schaffen wir’s nicht. Aber auf den meisten Projekten sind wir derzeit noch gerade im Plan."

Andreas Preuß, energiepolitischer Referent des Netzbetreibers, spricht über den Plan der Bundesregierung: 800 Kilometer muss allein Amprion bis 2020 zusätzlich ausbauen.

"Das Netz war früher nicht dafür ausgebaut, den Strom über so weite Wege zu transportieren. Man hat Kraftwerke in der Nähe der Verbraucher gebraucht, maximal über 200, 300 Kilometer den Transport. Und daher haben wir überhaupt keine großen Verbindungen von Norden nach Süden."

Aber mit der werden doppelte Strecken nötig – um Strom von Solaranlagen im Süden oder Windparks im Norden in die ganze Republik zu bringen. Deshalb entsteht auch der neue Mast in Ibbenbüren.

Aber der Trassenausbau ist ein heikles Thema. Er muss vielen Parametern standhalten: Dem Naturschutz, dem Landschaftsbild und nicht zuletzt den Anwohnern. Der Protest von Bürgerbewegungen ist lautstark.

"Und wenn da jemand wohnt, der die Leitung nicht neu haben will und vor Gericht zieht, dann ziehen wir den Kürzeren. Das ist einfach so."

Amprion wollte dem Gericht deshalb von vornherein aus dem Weg gehen und ging früh auf alle Betroffenen zu. Nicht nur aus Nächstenliebe: Verzögerungen sind schlecht für’s Geschäft. Und eine Klage kostet etwa ein Jahr.

Andreas Preuß hat deshalb eine Einheit für den Widerstand gefunden: Beschwerden pro Kilometer.

"Wo wir auf 20 Kilometer etwa 30 Einwände haben von Bürgern. Vergleichbar ist das mit anderen Projekten, von anderen Netzbetreibern, wo 1000, 2000 oder noch mehr Einwände vorliegen."

Einwände, aber keine Klagen. Auch, weil Amprion einen Standortvorteil hat: Der Netzbetreiber muss im Westen viele Trassen nur modernisieren und hinterlässt keine neue Furchen in der Landschaft. Es gibt aber auch energietechnische Bedenken gegen den Ausbau. Zum Beispiel, ob man das Stromnetz nicht lieber dezentralisieren sollte. Lieber Energien aus der Region, anstatt den Strom aus Riesenkraftwerken quer durchs Land zu jagen.

"Nein, das ist keine Alternative. Das reicht natürlich um Haushalte mit Strom zu versorgen. Aber wenn sie irgendwo eine Aluhütte haben, die sie mit Strom versorgen wollen, das schaffen sie aus der Region nicht. Und das gleiche gilt für eine Stadt wie Köln, nehmen Sie Dortmund, Berlin. Wie wollen sie die mit Energie aus der Region versorgen, ohne dass sie Leitungen bauen?"

Alternativlos, sagt Andreas Preuß. Und Amprion zieht weiter: Ist der Ausbau in Ibbenbüren erst beendet, werden die nächste Etappe beackert. Denn bis zum Ziel, sind es noch 800 Kilometer.


"Umsteigerland": Auf der Suche nach der Energiewende



Mehr bei deutschlandradio.de

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr