Startseite > Über uns > Unternehmen > Personen > Gesichter von Deutschlandradio > Radiomenschen > Beitrag vom 25.04.2019

Marcus Pindur

Vom Raketenzähler zum Korrespondenten für Sicherheitspolitik

Marcus Pindur (© Deutschlandradio / Christian Kruppa)
(© Deutschlandradio / Christian Kruppa)

Wir wurden "Raketenzähler" genannt – wenn es gut gemeinter Spott war. Wir, das waren die Assistentinnen, Assistenten und studentischen Hilfskräfte an der ‚Arbeitsstelle für transatlantische Außen- und Sicherheitspolitik‘ am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.

Wer sich Ende der 1980er-Jahre mit Sicherheitspolitik befasste, der galt als exzentrisch. Sicherheitspolitik war was für Eigenbrötler. Heute würde man ‚Nerds‘ sagen. Ein kurioses Biotop, dem man auf Studentenpartys bestenfalls mit toleranter Milde entgegentrat und oft genug mit unverhohlener Ablehnung. Ich muss das wissen, noch als Abiturient war ich friedensbewegter Unterzeichner des Krefelder Appells. Und natürlich im Besitz überlegener Erkenntnis. Ich war ja 18. Also erwachsen.

Ein Fan irgendwelcher Tschingderassabum-Sentimentalität wurde ich nie. Aber durch das Studium der Geschichte und der Politikwissenschaften an der FU Berlin lernte ich dazu. Zum ersten Mal befasste ich mich kritisch mit der eigenen Haltung und ließ mich auf die akademische Reise ein. Wenige Jahre später beurteilte ich mein 18-jähriges Krefelder-Appell-Sturm-und-Drang-Ich keineswegs feindselig, aber deutlich reflektierter.

In der Wissenschaft bleiben wollte ich nicht, so gut mir mein Studium inklusive Fulbright-Stipendium in den USA auch gefallen hatte. Den Job am Otto-Suhr-Institut als studentischer Forschungsassistent für Prof. Helga Haftendorn kündigte ich, sobald sich eine Gelegenheit bot. Als Nachrichtenredakteur bei der Berliner Abendschau des damaligen SFB konnte ich mich nur selten mit Sicherheitspolitik befassen, dafür mit lokal geerdetem Journalismus.

Die Mauer fiel, in der ersten Hälfte der 90er wurden wichtige Abrüstungsverträge geschlossen, Deutschland war von Freunden umkreist. Dass wir nicht am sicherheitspolitischen ‚Ende der Geschichte‘ angelangt waren, war mir aufgrund meiner akademischen Prägung immer bewusst. 9/11 bestätigte das. Die Zeitenwende erlebte ich als ARD-Gruppenkorrespondent in Brüssel. 2012 bis 2016 berichtete ich für Deutschlandradio als Korrespondent aus Washington. Alle sicherheitspolitischen Überlegungen des Westens beginnen und enden dort. Die USA sind auch unter dem problematischen Präsidenten Trump unser wichtigster Verbündeter. Innere und äußere Sicherheit sind spätestens seit 9/11 nicht mehr klar voneinander zu trennen. Als Dlf-Korrespondent für Sicherheitspolitik bin ich für beides zuständig. Und ich muss noch viel dazulernen. Viel mehr, als ich mit 18 Jahren dachte.

Dr. Marcus Pindur,
Dlf-Korrespondent für Sicherheitspolitik
Deutschlandfunk / Deutschlandfunk Kultur / Deutschlandfunk Nova


Aus dem Programmheft, Ausgabe Mai 2019