Mehr als 30 Tote bei Krawallen in Ägypten

Welle der Gewalt nach Todesstrafe gegen 21 Fußballfans

Bei Ausschreitungen im ägyptischen Port Said kamen vor gut einem Jahr über 70 Menschen ums Leben  (picture alliance / dpa / Ahmed Khaled)
Bei Ausschreitungen im ägyptischen Port Said kamen vor gut einem Jahr über 70 Menschen ums Leben (picture alliance / dpa / Ahmed Khaled)

Nach dem Todesurteil gegen 21 Angeklagte wegen Ausschreitungen bei einem Fußballspiel wurden bei Protesten in Port Said bis zu 30 Menschen getötet, darunter zwei Polizisten. Inzwischen gibt es auch in Kairo Unruhen. Die Regierung erwägt deshalb, den Notstand auszurufen.

Nach dem Richterspruch gab es in Port Said, wo die Verurteilten inhaftiert sind, schwere Ausschreitungen. Jüngsten Medienberichten zufolge sollen bis zu 30 Menschen getötet worden sein, darunter Polizisten. Mehr als 250 Personen wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums verletzt. Unter den Todesopfern waren auch zwei Fußballer, die beide erschossen wurden. Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen die Menge ein. Offenbar hatten Angehörige der Verurteilten versucht, das Gefängnis zu stürmen.

Auch in der Hauptstadt Kairo gab es wieder Krawalle. Die Regierung denkt deshalb darüber nach, den Notstand auszurufen. Präsident Mohammed Mursi sagte eine geplante Reise nach Äthiopien ab und berief stattdessen ein Treffen mit hochrangigen Generälen ein.

Das Gericht sah es bei dem Schuldspruch als erwiesen an, dass die Angeklagten für die Tragödie mit 74 Todesopfern beim Fußball-Spiel zwischen Al-Masri und Al-Ahli am 1. Februar vorigen Jahres verantwortlich gewesen sind. Für 52 weitere Angeklagte fällt der Richterspruch am 9. März.

Al-Ahli-Fans und Angehörige der Opfer begrüßten die Entscheidung des Gerichts. Die Ultras des Kairoer Clubs hatten im Vorfeld gedroht, "Chaos" in der Hauptstadt zu verbreiten, sollten die Täter nicht bestraft werden.

Gewaltexzess während Fußballspiel

Damals waren in der Stadt Port Said Fans beider Seiten aufeinander losgegangen. Alle Spiele der Fußballliga wurden seitdem ausgesetzt. Die Liga soll am 1. Februar wieder starten. Es war die schlimmste Tragödie in der Fußballgeschichte des Landes. Unmittelbar nach dem Gewaltexzess gab es Diskussionen darüber, ob er politisch gesteuert gewesen sein könne. Die Muslimbrüder beschuldigten Anhänger des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak, die Gewalt inszeniert zu haben. Sicherheitskräften wurde vorgeworfen, sie hätten die Täter gewähren lassen, um die Anhänger des Kairoer Clubs Al-Ahli zu bestrafen.

Mindestens sieben Tote bei Ausschreitungen am Freitag

Demonstranten versuchen eine Mauer aus Betonblöcken zu durchbrechen (picture alliance / dpa / Andre Pain)Demonstranten versuchten den Schutzwall im Regierungsviertel zu durchbrechen (picture alliance / dpa / Andre Pain)Das Urteil fällt in eine ohnehin schon angespannte Situation einen Tag nach den Protesten gegen die neue ägyptische Führung. Erst am Freitag hatte es weitere Tote in Ägypten gegeben: Bei den Kundgebungen zum zweiten Jahrestag des Beginns des Volksaufstandes in dem Land kamen mindestens sieben Menschen ums Leben. Landesweit gab es mehr als 400 Verletzte. Die Proteste in der Hauptstadt Kairo und in anderen Teilen des Landes richteten sich gegen Mursi und die Muslimbruderschaft. Der Leiter der Naumann-Stiftung in Kairo, Ronald Meinardus, sieht aber auch grundsätzliche Ursachen: Ägypten trete gewissermaßen gesellschaftlich und wirtschaftlich auf der Stelle, sagte er im Deutschlandfunk: "Und daher die große Frustration, daher auch das Gewaltpotenzial."

Angriffe auf Büro der Muslimbrüder

In Ismailia wurde ebenfalls ein Mensch getötet. Nach Angaben der Muslimbrüder war dort auch die örtliche Zentrale der ihnen nahestehenden Freiheits- und Gerechtigkeitspartei in Brand gesetzt, der auch Mursi angehört. Im Kairoer Stadtteil Tawfikia wurde auch ein Büro der Organisation selbst gestürmt.

Vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt setzte die Polizei ebenfalls Tränengas ein. Später fielen auch Schüsse. Von zahlreichen Plätzen und Moscheen waren zehntausende Menschen zum geschichtsträchtigen Tahrir-Platz gekommen, wo die zentrale Kundgebung zum Jahrestag stattfand. Einige der Demonstranten schleuderten Brandsätze auf Polizisten und versuchten, die im vergangenen Monat wegen der Proteste gegen den umstrittenen Verfassungsentwurf errichtete Betonmauer im Regierungsviertel zu durchbrechen. In Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes, hatte es gestern ebenfalls massive Unruhen gegeben.

Ein Thema ist der Jahrestag und seine Folgen auch für die internationale Presse. Die Blick des Deutschlandfunks in die Kommentarspalten der Auslandszeitungenzeugt von einem ziemlich skeptischen Blick auf die Entwicklungen am Nil.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr