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Mein erster Blick auf das Leben in Thessaloniki

Andrea Mavroidis' Reisetagebuch aus Griechenland

Von Andrea Mavroidis

Reporterin Andrea Mavroidis berichtet aus Griechenland (Andrea Mavroidis)
Reporterin Andrea Mavroidis berichtet aus Griechenland (Andrea Mavroidis)

Es ist früher Nachmittag, als ich in der Nähe des Flughafens Thessaloniki meinen Mietwagen besteige und Richtung Zentrum zu meinem Hotel fahre. Rund zehn Jahre ist her, dass ich die Stadt besucht habe.

Trotzdem ist mir der Weg von Flughafen vertraut und ich steuere meinen Wagen fast wie eine Ortsansässige durch den dichten Verkehr der Tziminski-Straße, einer der Haupteinkaufsmeilen. Die Geschäfte sind noch geöffnet und es herrscht ein lebhaftes Treiben. Ich biege zielsicher in die Straße, in der sich mein Hotel befindet. Und hier hört meine Gelassenheit abrupt auf, vor dem Hotel ist an Parken nicht zu denken, in der engen Einbahnstraße in zweiter Reihe stehen geht schon gar nicht. Ich kreise zweimal ums Carree und springe dann doch einfach aus dem Auto, renne ins Hotel, wo ich auf einen beherzten Portier treffe, der mein Vehikel in das nächste 24-Stunden-Parkhaus steuert. Welcome to Greece. Das ist Griechenland, wie ich es kenne.

Jugendliche in einem Cafe in Thessaloniki (Andrea Mavroidis)Jugendliche in einem Cafe in Thessaloniki (Andrea Mavroidis)Nach einiger Verschnaufpause breche ich mit Kamera bewaffnet zu einer ersten Ortsbegehung auf. Ringsherum erlebe ich Frühlingserwachen pur, aus einem Café an der nächsten Ecke dröhnt laute Musik, davor sitzen und stehen rund 100 junge Leute trinken Kaffee und unterhalten sich lautstark. Die jungen Frauen hinter dem Tresen tragen fesche Ponyfrisuren und sind einfach super gestylt. Ein ähnliches Bild zeigt sich an der Uferpromenade der Hafenstadt: Menschen, die ausgelassen flanieren, vorbei an fliegenden Händlern, die Sonnenbrillen und anderen Schnickschnack anbieten. Von der immer wieder in den Zeitungen beschrieben Depression spüre ich nichts. Ich sehe ausgelassene Menschen, die sogar mit bunten Tüten aus den Geschäften strömen.

Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloiniki (Andrea Mavroidis)Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloniki (Andrea Mavroidis)Ist diese Szenerie vielleicht doch trügerisch, beginne ich mich zu fragen. Und dann erblicke ich sie, die vielen leer stehenden Geschäfte in bester Lage. Klinoume – "Wir schließen" oder "zu vermieten" ist in vielen Schaufenstern auf weißen Schildern mit roten Buchstaben zu lesen. Und meine Freunde, die mich am Abend von meinem Hotel abholen, um mich in eine dieser klassischen Rembetiko-Tavernen irgendwo in der Innenstadt zum Essen einzuladen, belehren mich eines Besseren.

Die Rembetiko-Taverne ist eine angesagte Lokalität, mit eben jener Musik, die einst griechische Flüchtlinge aus Izmir (gr. Symrna) nach Thessaloniki brachten. Die Texte dieser Musik handeln von den alltäglichen Sorgen und Nöten der einfachen Menschen. Wir haben hier heute Abend keinen Tisch reserviert, bekommen aber trotzdem einen Platz direkt neben dem Piano. Und das an einem Samstagabend – früher wäre das undenkbar gewesen. Meine Landsleute sind Menschen und das quer durch alle Schichten, die gerne mit guten Freunden bei Wein und leckerem Essen, über Gott und die Welt reden und die Sorgen hinter sich lassen. Sollten sie Sorgen haben, so würden sie das nie öffentlich Kundtun.

Meinen Freunden, beide Akademiker, geht es noch relativ gut, bislang konnten sie die Krise meistern. Im Bekanntenkreis der Beiden gibt es aber etliche Freundinnen, deren Ehemänner mit Anfang 50 von heute auf morgen arbeitslos geworden sind, manch einer hat begonnen, mehr als das Übliche zu trinken. Es macht sie traurig, dass sie mir solche Geschichten präsentieren. In Griechenland war es schon immer üblich, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben, denn mit einem Gehalt ist man nie weit gekommen. Aber diese Zweit- und Drittjobs gibt es jetzt nicht mehr. Wir sprechen über das große Misstrauen, das man als Grieche gegenüber dem Staat und erst Recht gegenüber Politikern hat und landen zwangsläufig bei dem schrägen Bürgermeister von Thessaloniki, Giannis Boutaris. Der pflegt einen neuen Politikstil und hat begonnen, die Stadtpolitik umzukrempeln. Aber in Zeiten extrem knapper Kassen sind auch ihm die Hände gebunden, dämpfen mich meine Freunde gleich wieder, aber er hat frischen Wind in die Hafenmetropole gebracht. Diesen Herrn werde ich am Montag treffen, sofern es sein Zeitbudget zulässt.
Und für den Rest des Abends beschließen wir, uns ganz dem Rembetiko hinzugeben und die Sorgen einfach über Bord zu werfen, so, wie wir es früher getan haben.


Übersicht: Tagebuchnotizen aus Griechenland

Nahaufnahmen aus Griechenland - Reportagen aus einer Gesellschaft im Umbruch

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr