Meistererzähler und Provokateur

Martin Walser feiert seinen 85. Geburtstag

Eigenwilliger Vielschreiber: Martin Walser (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Eigenwilliger Vielschreiber: Martin Walser (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Er gilt als einer der großen deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, als unabhängiger Denker, als einer, der aneckt. Auch im Alter von 85 Jahren will Martin Walser vor allem eins: schreiben.

Solange er noch schreiben könne, habe sein Alter keine große Bedeutung für ihn, sagte der Autor in einem Interview. "Das ist das wichtigste für mich." Geschrieben hat der am Bodensee geborene Walser viel. Seine ersten Gedichte verfasste er im Alter von zwölf Jahren. Auf seinen Roman "Ehen in Philippsburg", 1957 veröffentlicht, folgten Erzählungen, Novellen, Theaterstücke , Gedichte, Hörspiele - und immer wieder Romane. Zum Geburtstag erscheint der Essay "Über Rechtfertigung. Eine Versuchung".

Über die Jahrzehnte kamen zahlreiche Auszeichnungen zusammen, darunter die höchsten des deutschen Sprachraums: der Büchner-Preis und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Mit der Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises wurde Walser 1998 auch manchen bekannt, der seine Bücher nicht gelesen hatten. Der Autor warnte vor einer Instrumentalisierung des Holocausts, warf den Medien vor, in eine "Routine des Beschuldigens" verfallen zu sein. Es folgten eine heftige Kontroverse über den Umgang mit der NS-Vergangenheit und Vorwürfe des Antisemitismus gegen den Schriftsteller.

Vier Jahre später schieden sich an ihm erneut die Geister. Im Protagonisten des satirischen Romans "Tod eines Kritikers" glaubten viele den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu erkennen, zu dem Walser ein schwieriges Verhältnis hatte. Die FAZ warf ihm vor, er spiele mit "antisemitischen Klischees", Lesungen wurden gestört, es folgte die Trennung vom Suhrkamp-Verlag.

Walser: Habe durch politische Kontroversen "Freunde verloren"

Schon vorher hatte Walser heftige Reakionen ausgelöst, war wegen seiner Kritik am Viernamkrieg als Kommunist beschimpft worden - und später als Nationalist, weil er sich für die deutsche Einheit einsetzte. Von sich selbst sagt er, mit dem Alter sei er erfahrener geworden. Heute denke er manchmal, er hätte sich beherrschen müssen. "Ich hätte mich nie um etwas Politisches kümmern sollen, sondern einfach Romane schreiben." Er habe durch Kontroversen vieles verloren, "gerade Freunde".

Kulturstaatsminister Bernd Neumann bezeichnete Walser in einem Glückwunschschreiben als "wirklich unabhängigen Geist". Er habe mit einem weiten Panorama an Charakteren und Seelenlandschaften "eine nicht mehr überschaubare Leserschaft in allen Teilen der Welt" gewonnen, schrieb der CDU-Politiker.

Auch der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gratulierte Walser. "Ihre brilliante Beobachtungsgabe, Ihre Wortgewalt und Selbstironie haben mir immer sehr imponiert", schrieb Gabriel. "Wir bräuchten diese Einmischung der Schriftsteller in öffentliche Angelegenheiten auch in der jüngeren Generation, selbst wenn uns Politiker daran vieles unbequem sein dürfte."

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Über den Roman "Muttersohn"
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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr