Merkels Überraschungsaudienz beim Papst

Bundeskanzlerin beeindruckt vom "Verkündigungseifer"

Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Privataudienz bei Papst Franziskus (picture alliance / dpa / Gregorio Borgia)
Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Privataudienz bei Papst Franziskus (picture alliance / dpa / Gregorio Borgia)

Warum weilt eine protestantische Bundeskanzlerin zu einer langen Privataudienz beim katholischen Kirchenoberhaupt? Nichts Ungewöhnliches, sollte der Bürger meinen - wenn da nicht der Wahlkampf für die Bundestagswahl in vier Monaten wäre.

Angela Merkel hat zwei Geschenke im Gepäck. Die Bundeskanzlerin ist für eine Privataudienz beim neuen Papst Franziskus nach Rom gekommen. Geleitet von der Päpstlichen Schweizergarde in den Apostolischen Palast des Vatikans überreicht eine betont charmante, aufmerksame Regierungschefin eine schmucke Box mit 107 CDs und den Gesamtaufnahmen des deutschen Dirigenten Wilhelm Furtwängler, den Franziskus als "den besten Kenner Beethovens und Wagners" bewundert. "Ich weiß nicht, ob Sie die Zeit finden werden, sie anzuhören", meinte Merkel in der von ihr auf Deutsch geführten Konversation vor laufenden Fernsehkameras.

Kanzlerin Merkel überreicht Papst Franziskus einige Geschenke (picture alliance / dpa / Eric Vandeville)Kanzlerin Merkel überreicht Papst Franziskus einige Geschenke (picture alliance / dpa / Eric Vandeville)Dem Œu­v­re des Dirigenten stehen angestaubte Bücher eines Dichters anbei: das Werk des Nationallyrikers Friedrich Hölderlin in drei antiquarischen Bänden von 1905. "Si", bejaht der Papst lächelnd, beinahe verlegen ihre Anmerkung, Hölderlin kenne er doch. Franziskus hat Hölderlin in seinen zwei Monaten als Papst in Rom bereits mehrfach zitiert. Der freundliche Gast aus Deutschland wird mit Vatikan-Münzen aus der Zeit der Sedisvakanz bedacht. Diese Zwei-Euro-Sondermünze hat eine Auflage von 125.000 Stück.

Zeitgleich prostieren in Rom tausende Italiener gegen die Sparpolitik und die hohe Arbeitslosigkeit. Auf Spruchbändern wurde Bundeskanzlerin Merkel für die rigide Sparpolitik verantwortlich gemacht.

Europa und die eigene Biographie

Die Ursachen der Eurokrise seien im Sechs-Augen-Gespräch zwischen Merkel, Franziskus und dem vatikanischen Übersetzer erörtert worden, hieß es. Die Regulierung der Finanzmärkte sei eine zentrale und noch unvollendete Aufgabe, sagte Merkel nach dem Gespräch. Krisen seien auch daraus entstanden, dass "soziale Leitplanken" fehlten. Der Papst hatte vor kurzem die "Tyrannei" der Märkte gegeißelt und ethisch ausgerichtete Finanzreformen mit mehr Hilfen für die Armen verlangt. "Geld soll dienen und nicht regieren", hatte er kritisiert.

Der Vatikan strich andere Schwerpunkte des "herzlichen Gesprächs" heraus, darunter Menschenrechte, die Christenverfolgung in der Welt, Religionsfreiheit als Ziel und die weltweite Zusammenarbeit für Frieden.

Zwei frühere Naturwissenschaftler waren unter sich: Er als Chemielaborant, sie mit einer Promotion in statistischer und physikalischer Chemie. Beide haben Erfahrung im Leben in einer Diktatur gesammelt: Der damalige Jesuiten-Obere unter der argentinischen Militär-Junta (1976-83) und die Pastorentochter in der SED-Diktatur. Beide machten nie einen Hehl daraus, dass sie trotz einer kritischen Distanz zum jeweiligen Regime keine aktiven Widerstandskämpfer waren.

Eine Papstaudienz im Wahlkampf

Papst Franziskus in der Sixtinischen Kapelle (picture alliance / dpa / Osservatore Romano)Papst Franziskus in der Sixtinischen Kapelle (picture alliance / dpa / Osservatore Romano)Zum ersten Mal in ihrer fast achtjährigen Amtszeit saß Merkel an dieser Stelle, wo vor ihr schon Schröder, Kohl, Schmidt und Adenauer gesessen hatten. Die Kanzlerin erklärte den Medienvertretern, wie beeindruckt sie vom neuen "Verkündigungseifer" des Papstes sei. Franziskus könne die Menschen durch "einfache und berührende Worte" erreichen.

Dass das Treffen überhaupt zustande kam, wurde in Berlin und in Rom als eine kleine Sensation verbucht. Sprecher beider Seiten betonten schon im Vorfeld wiederholt, dass man überrascht gewesen sei, weil der Papst mit seiner spontanen Zusage ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen habe, wonach Politiker im Wahlkampf keinen solchen Termin mit dem Kirchenoberhaupt bekommen. Hintergrund der Regel ist die Überlegung, dass der Heilige Stuhl wegen seiner prinzipiellen Neutralität nicht einmal in den Anschein geraten will, dass er einem politischen Lager in einem Land Schützenhilfe im Parteienwettstreit gibt. Warum dies im Falle Merkel offenbar keine Rolle spielte, blieb unklar.

Einige Beobachter mutmaßten, der gerne unkonventionelle Papst aus Argentinien setze sich nun einmal auch in diesen Dingen souverän über vatikanisches Protokoll hinweg. Andere deuteten dies als Beleg dafür, dass der Argentinier auf dem Papstthron die europäischen Dinge in etwas größeren Linien wahrnimmt: Für ihn ist die Kanzlerin in erster Linie eine bedeutende, wenn nicht die wichtigste Politikerin in der EU. Dass sie nebenbei daheim noch demnächst einen Wahlkampf führt, ist demgegenüber vergleichsweise unwichtig. Außerdem habe die heiße Phase des Wahlkampfs ja noch gar nicht begonnen.

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:11 Uhr