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Mit aller Härte gegen Pussy Riot

Auftakt im Prozess gegen russische Musikerinnen

Von Gesine Dornblüth

Die Musikerinnen Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor Prozessauftakt (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) kurz vor Prozessauftakt (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

In Moskau hat der Prozess gegen drei Musikerinnen der Punk-Band Pussy Riot begonnen. Sie hatten zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl in der Christ-Erlöser-Kathedrale ein Putin-kritisches Gebet gesprochen - und bekommen nun die ganze Härte des Systems zu spüren.

Das Gericht ließ heute keinen Zweifel daran, dass es mit aller Härte gegen die Musikerinnen der Punk-Band Pussy Riot vorgehen wird. In der Voranhörung kam die Richterin dem Antrag der Staatsanwaltschaft nach und verlängerte die Untersuchungshaft für die drei zwischen 22 und 29 Jahre alten Frauen auf das höchstmögliche Maß bis Mitte Januar 2013. Die Unterstützer der Frauen waren erschüttert. Mehrere Dutzend hatten stundenlang vor dem Gericht ausgeharrt. Für den 73-jährigen Rentner Wladimir ist klar:

"Hier geht es um unser aller Freiheit. Es läuft ein größerer Prozess: Die Freiheit wird erstickt. Das Verfahren gegen Pussy Riot ist eine Art Lackmustest. Man darf heute den Mund nicht mehr aufmachen."


Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale (picture alliance / dpa)Die Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Protestaktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale. (picture alliance / dpa)Die Anklage wirft den jungen Frauen Rowdytum vor mit dem Ziel, religiösen Hass zu säen. Dieser Vorwurf sei völlig aus der Luft gegriffen, so die Verteidiger. Sie verlangen einen Freispruch. Ihrer Meinung nach handelte es sich bei der Aktion der jungen Frauen in der Kathedrale lediglich um eine Ordnungswidrigkeit.

Auch zahlreiche Intellektuelle protestierten gegen den Umgang des Gerichts mit den Frauen. Darunter der Schrifsteller Boris Akunin.

Anhänger der Kirche waren gleichfalls da – sie blieben jedoch in der Minderheit. Der Prozessauftakt fand unter massivem Polizeiaufgebot statt. Die Polizei führte mindestens vier Demonstranten ab, die regierungskritische Losungen gerufen hatten. Vitalij, ein Anarchist:

"Wir müssen trotzdem weiter auf die Straßen gehen. Sonst ändert sich nie etwas in unserem Staat"

Die Voranhörung wird am Montag fortgesetzt. Dann wird die Richterin auch bekannt geben, wann die Verhandlung in der Sache beginnt, und ob die Öffentlichkeit dabei ausgeschlossen wird.

Der Prozess gegen Pussy Riot findet an demselben Gericht statt, an dem auch schon Michail Chodorkowskij verurteilt wurde. Für die Verteidiger ist klar, dass ihre Mandantinnen hier kein Recht bekommen werden. Anwalt Nikolaj Polozow spricht von einem politischen Prozess:

Das Gericht wird der Anklage folgen. Die Obrigkeit hat offenbar angeordnet, dass das Verfahren so schnell wie möglich über die Bühne gehen soll, damit das Urteil noch vor Ende der Sommerpause fällt.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr