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Mit Baby in den Wahlkampf

Thóra Arnórsdóttir will Präsidentin von Island werden

Von Jessica Sturmberg

Baby plus höchstes Staatsamt:  "Es wäre sehr unisländisch, ein Kind als Hindernis zu sehen" (Ómar Óskarsson)
Baby plus höchstes Staatsamt: "Es wäre sehr unisländisch, ein Kind als Hindernis zu sehen" (Ómar Óskarsson)

Die Fernsehmoderatorin Thóra Arnórsdóttir wollte sich im Sommer 2012 Zeit für ihre Familie nehmen. Doch nun tritt sie trotz Schwangerschaft bei den isländischen Präsidentschaftswahlen gegen den 32 Jahre älteren Amtsinhaber Ólafur Ragnar Grímsson an.

Thóra Arnórsdóttir hält ihre erste offizielle Wahlkampfrede in einem Park in der Innenstadt von Reykjavík. Die Sonne strahlt, kein Wölkchen am Himmel zu sehen, mit fast 20 Grad ist es ungewöhnlich warm für die Jahreszeit. Es sind viele gekommen, neugierig darauf, was die Frau, die sie aus dem Fernsehen kennen, sagen wird. Was sie anders machen will als ihr 32 Jahre älterer Kontrahent, Amtsinhaber Ólafur Ragnar Grímsson. In Island nennt man auch die Präsidenten beim Vornamen. Es ist auch nach der Krise noch immer eine Gesellschaft, die sich mehr als eine große Familie fühlt, in der es keine echten Klassenunterschiede oder strenge Hierarchien gibt. Sie ist die Fernsehmoderatorin Thóra und sie ist an diesem wunderschönen Tag gut aufgelegt, kampfeslustig, appelliert an die Wähler.

Dies ist nicht eine der üblichen Wahlen, dieses Mal geht es um die Zukunft des Landes. Darum, was für einen Präsidenten sie haben wollen. Einen, der sich aktiv in die Politik einmischt oder eine, die für Einigkeit im Land sorgt.

Eigentlich hatte Thóra Arnórsdóttir andere Pläne für diesen Sommer als eine Präsidentschaftskandidatur. Sie wollte sich ein bisschen Zeit nehmen für ihr drittes Kind.

"Aber dann kam es wie eine Lawine auf mich zu, die Umfragen und Prognosen sahen mich weit vorn, und das war keine kurze Blase, sondern eine generelle Entwicklung."

Die vielen Briefe aus dem ganzen Land, die Ermutigungen, die angebotene Hilfe, das hat sie nachdenklich gemacht und schließlich entschied sie im März anzutreten. Gegen den in die Jahre gekommenen und mittlerweile sehr umstrittenen Ólafur Ragnar Grímsson. Trotz Schwangerschaft. Sie lag in den Umfragen gleich vorne. Die Karikaturisten hatten ihre Freude, zeichneten sie mit dickem Bauch im Rennen vor ihm über die Ziellinie laufen.
Inzwischen ist ihr kleines Mädchen geboren, sie kam am 18. Mai zur Welt, ein paar Tage später als ausgezählt. Thóra nahm sich ein paar Tage Auszeit. Währenddessen hat Ólafur sie in den Umfragen überholt.

Ihr Reihenhaus in Hafnafjörður, einem Vorort von Reykjavík, ist ihre Wahlkampfzentrale. Draußen im Garten spielen die beiden größeren Kinder, der 6-jährige Dóri und seine zwei Jahre jüngere Schwester Nína, hüpfen auf ihrem Trampolin. Drinnen rauchen die Köpfe. Wie soll Thóra strategisch vorgehen, wie viel Familie soll sie im Wahlkampf präsentieren?

"Wir haben drei Kinder zusammen, mein Mann hat drei Töchter in die Beziehung eingebracht. Sie leben nicht mit uns, sind aber regelmäßig bei uns. Alles in allem sind wir also acht. Eine typische nicht-traditionelle isländische Familie."

Dass mit ihr nicht nur eine Großfamilie in den präsidialen Amtssitz Bessastaðir einziehen würde, sondern dass die Präsidentin zunächst eine stillende Mutter wäre, stört kaum jemand. Es könnte sogar ein Pluspunkt sein, meint Stefán Ólafsson, Soziologieprofessor an der Universität Island:

"Das wäre sehr unisländisch, ihr Kind als Hindernis zu sehen. Für uns ist die Gleichberechtigung ein hohes Gut und die Leute würden sagen, die Kinder haben ja auch einen Vater."

Svarar, Thóras Lebenspartner, arbeitet wie sie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunksender RÚV, ist dort Fernsehreporter, jetzt aber erst einmal in Elternzeit.

Gewinnt sie die Wahl, will er sich um die Kinder kümmern.

"Das einzige, was ich nicht machen kann, ist stillen. Alles andere kann ich machen. Das ist mein sechstes Kind. Da weiß ich wie man Windeln wechselt und die Kinder versorgt."

An stillende Regierungsmitglieder sind die Isländer ohnehin schon gewöhnt. Vergangenes Jahr brachte die Kulturministerin ihr zweites Kind auf die Welt. Nur wenige Monate später bekam die Wirtschaftsministerin Zwillinge. Warum nicht auch eine Präsidentin? Als Argument ihrer Gegner taugt da schon eher ihr junges Alter. Gerade einmal zwei Jahre über dem für das Amt vorgegebenen Mindestalter von 35 – das ist manchen dann doch zu jung.

"”Sie ist noch nicht mal vierzig. Sie hat noch keinerlei Erfahrungen in der Politik, was man braucht. Sie müsste noch eine Periode zusätzlich warten, vier Jahre.”"

Findet ein älterer Herr. Einige Damen mögen den Gedanken – Kinder in Bessastaðir:

"Wunderbar: Kinder nach Bessastadir. Ja genau."

Allerdings warnt auch eine der Damen:

"”Ich habe ein bisschen Sorge, dass die Politik eine zu große Rolle spielt. Gerade die EU-Frage. Es heißt, dass Thóra dafür ist. Ólafur ist ja dagegen. Aber ich finde, das sollte keine Rolle spielen.”"

"Ich glaube, ich werde Thóra wählen, weiß es aber momentan noch nicht genau. Es kommt auf ihren Wahlkampf an, das wird dann auch etwas darüber sagen, wie sie ihr Amt ausfüllen will und wofür sie genau stehen wird. Wir brauchen auf jeden Fall eine starke Persönlichkeit."

Auch ein Großteil der Wähler ist noch unentschlossen. Eigentlich ist eine Kampfkandidatur beim Präsidentenamt unüblich - jedenfalls, wenn der Amtsinhaber entschieden hat, weiter zu machen. Doch Ólafur hat schon vier Amtszeiten hinter sich, mit einer fünften würde er einen Rekord aufstellen. Auf den aber verzichten viele Isländer gerne – auch, weil er Amt verändert. Ólafur hat sich stärker in die Tagespolitik eingemischt als alle vor ihm. Vor allem nach dem Zusammenbruch der Banken. Der Präsident sieht sich selbst als Gegenspieler zum Parlament und zur links-grünen Regierung.

Die attraktive Fernsehmoderatorin Thóra ist nicht nur äußerlich ein Gegenmodell, sie ist es vor allem inhaltlich. Die Bedenken, dass sie zu jung für dieses höchste Staatsamt sein könnte, versucht sie hartnäckig zu zerstreuen:

"Ich bin auf dem höchsten Energielevel mit Ende Dreißig, ich bin gewöhnt viel zu arbeiten und habe keine Angst, dass ich mit dem Stress nicht klar komme. Und ich sehe nicht, warum eine Präsidentschaft am Ende einer Karriere stehen muss."

Und sie hat eine Menge Energie.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr

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