Moschee in Kairo geräumt

In der ägyptischen Hauptstadt verschärft sich die Lage weiter

Eskorte mit Schlagstock: Sicherheitskräfte wehren Angriffe auf Muslimbrüder ab (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)
Eskorte mit Schlagstock: Sicherheitskräfte wehren Angriffe auf Muslimbrüder ab (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)

In Ägypten ist die Lage an einer Moschee in der Hauptstadt Kairo eskaliert, in der sich hunderte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi aufhielten. Das Gotteshaus wurde nun von Sicherheitskräften geräumt. Die ägyptische Regierung will die Muslimbruderschaft verbieten lassen.

Der Fernsehsender Al Dschasira zeigte vorher Bilder, wie sich Sicherheitskräfte einen Schusswechsel mit Unbekannten lieferten, die vom Minarett aus nach draußen feuerten. Zugleich wurden mehrere Menschen aus dem Gebäude eskortiert.

Sohn des Muslimbruderschaft-Oberhaupts Badia tot

Mohammed Badia fordert die Bruderschaftsanhänger zum Dauerprotest auf (AFP / Mahmud Hams)Mohammed Badia (r.), Oberhaupt der Muslimbrüder, verlor bei den Protesten offenbar seinen Sohn (AFP / Mahmud Hams)Landesweit war es nach dem Freitagsgebet wieder zu schweren Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Anhängern der Muslimbrüder und der Polizei gekommen. Zehntausende Menschen demonstrierten auf den Straßen. Nach Regierungsangaben starben bei den jüngsten Auseinandersetzungen 173 Menschen, darunter 57 Polizisten. Mehr als 1000 Menschen wurden festgenommen.

Nach Angaben der Muslimbruderschaft kam auch ein Sohn des spirituellen Oberhauptes der Partei, Mohammed Badia, bei den Unruhen in Kairo ums Leben. Demnach wurde Ammar Badia während einer "friedlichen Kundgebung" am "Freitag der Wut" auf dem Ramses-Platz erschossen. Am vergangenen Mittwoch war Asmaa al-Beltagi, die Tochter eines anderen führenden Mitgliedes der Islamisten-Vereinigung, bei der gewaltsamen Räumung eines Protestlagers der Muslimbrüder in Kairo getötet worden.

Muslimbruderschaft soll wieder verboten werden

"Ägypten befindet sich in einem Krieg gegen die Kräfte des Extremismus", sagte der Präsidentenberater Mustafa Higasi vor Journalisten in Kairo. Regierung und Armee würden weiter gegen jeden vorgehen, der sich der staatlichen Ordnung entgegenstelle. "Wir werden mit aller Macht gegen die Terroristen vorgehen, die den ägyptischen Staat zerstören wollen", warnte er.

Premierminister Hasim al-Beblawi wies sein Kabinett an, eine Auflösung der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft zu prüfen. "Es kann keine Versöhnung geben, mit denjenigen, an deren Händen Blut klebt". Die Islamisten könnten "als ägyptische Bürger" am Übergang teilhaben - müssten sich jedoch von den Zielen und der Ideologie der Organisation lossagen. Die Regierung werde jeden verfolgen, der zu Gewalt aufgerufen habe.

Westerwelle mahnt zur Deeskalation

Angesichts der anhaltenden Gewalt in Ägypten hat Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) die Regierung zur Deeskalation angemahnt. In einem am Samstag erfolgten Telefongespräch mit seinem ägyptischen Kollegen Nabil Fahmy habe Westerwelle die Haltung der Bundesregierung klar gemacht und besonnenes Vorgehen gefordert, teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes mit. Er habe appelliert, den "Weg zur politischen Lösung nicht zu verbauen und einen Dialog mit allen politischen Kräften wiederaufzunehmen." Zuvor warnte der Bundesaußenminister vor einem Bürgerkrieg in Ägypten. Die hohe Zahl erneuter Todesopfer sei erschütternd. Mit Empörung habe die Bundesregierung auch die erneuten Angriffe auf Christen registriert.

Außerdem will die Bundesregierung wegen der blutigen Unruhen Waffenexporte nach Ägypten auf Eis legen. Die Regierung habe alle Entscheidungen über Ausfuhrgenehmigungen für Rüstungsgüter zurückgestellt, bestätigte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. Wie in der aktuellen Lage mit bereits genehmigten Waffenexporten umgegangen werden kann, werde geprüft.

Islamisten wollen täglich demonstrieren

Anhängerinnen der Muslimbrüder gestern in der Nähe des Kairoer Ramses-Platzes (picture alliance / dpa / Kheld Elfiqi)Anhängerinnen der Muslimbrüder gestern auf dem Kairoer Ramses-Platz (picture alliance / dpa / Kheld Elfiqi)Die Muslimbrüder wollen ihre Anhänger zu weiteren Protesten gegen das Militär mobilisieren. Eine Woche lang solle täglich demonstriert werden, hieß es in einer Erklärung der Islamisten. Das Militär hatte Anfang Juli den demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi entmachtet, der den Muslimbrüdern nahe steht. Vorangegangen war ein monatelanger Streit um die neue Verfassung. Seitdem demonstrieren Mursis Anhänger für seine Wiedereinsetzung.

Am Mittwoch hatte die Armee zwei Protestcamps in Kairo gewaltsam räumen lassen, was zur Eskalation der angespannten Lage und zu blutigen Zusammenstößen mit mehreren hundert Toten führte. "Der Graben innerhalb der ägyptischen Gesellschaft ist bei alledem tiefer denn je", berichtet ARD-Korrespondent Björn Blaschke aus Kairo.

Internationaler Druck wächst weiter

Der Nachfolger von Hugo Chavez, Nicolas Maduro (picture alliance / dpa / Miraflores Press / Handout)Botschafter abgezogen: Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro (picture alliance / dpa / Miraflores Press / Handout)International gerät das Land politisch weiter unter Druck. Nach der Türkei zieht auch Venezuela aus Protest gegen das Vorgehen der Sicherheitskräfte seinen Botschafter ab. Das kündigte Staatschef Nicolás Maduro in Caracas an. Mursi müsse wieder in sein Amt eingesetzt werden, "um einen nationalen Versöhnungsprozess des ägyptischen Volkes einzuleiten", sagte er. "Genug der Staatsstreiche, genug der Spaltung", fügte er hinzu.

Im Deutschlandfunk drängte der CDU-Europaparlamentarier Elmar Brokauf eine stärkere Einbeziehung der Arabischen Liga. Seit 14 Tagen rede niemand über diese Organisation, die ihren Sitz sogar in Kairo habe, sagte er im Deutschlandfunk. Der Westen sei allein nicht in der Lage, den Konfliktparteien Gesprächsbereitschaft abzuverlangen.

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Informationen und Eindrücke aus erster Hand: Der Korrespondent Karim El-Gawhary bloggt im DLF-Kairo-Blogaus Ägypten für den Deutschlandfunk.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr