Muslimbrüder rufen Ägypter zum Aufstand gegen die Armee auf

Tote bei Auseinandersetzung zwischen Militär und Islamisten

Mehr als 50 Tote und mehr als 400 Verletzte soll es gegeben haben (picture alliance / dpa / Mohammed Saber)
Mehr als 50 Tote und mehr als 400 Verletzte soll es gegeben haben (picture alliance / dpa / Mohammed Saber)

Bei Zusammenstößen in Kairo sollen nach jüngsten Angaben mehr als 50 Menschen getötet worden sein. Armee und Islamisten weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Derweil versuchen die Muslimbrüder, das Volk gegen das Militär aufzubringen.

Die Muslimbruderschaft, die dem entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi nahe steht, rief die Ägypter zu einem Aufstand gegen die Armee auf. Sie warf Militärchef Abdel Fattah al-Sisi vor, er wolle für Ägypten dasselbe Schicksal wie in Syrien, wo seit zwei Jahren ein Bürgerkrieg das Land erschüttert.

Vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde war es zu einer Schießerei gekommen. Das Gesundheitsministerium spricht inzwischen von mehr als 50 Toten und mehr als 400 Verletzten, die meisten von ihnen Mursi-Anhänger. Laut Muslimbruderschaft haben die Sicherheitskräfte das Feuer auf die Teilnehmer einer Protestkundgebung gegen die Absetzung des ersten frei gewählten Präsidenten eröffnet. Teilnehmer berichten, sie hätten in der Früh das Morgengebet verrichtet, als die Schüsse gefallen seien.

Islamisten sollen zwei Soldaten gekidnappt haben

Ägyptische Soldaten blockieren mit Panzern eine Zufahrt zum Kairoer Tahrir-Platz (picture alliance / dpa / Yahya Arhab)Ägyptische Soldaten blockieren mit Panzern eine Zufahrt zum Kairoer Tahrir-Platz (picture alliance / dpa / Yahya Arhab)Nach Darstellung der Armee griffen indes die Demonstranten die Kaserne an, in der Mursi angeblich festgehalten wird. Am Nachmittag bekräftigte die Militärführung noch einmal ihre Version des Vorfalls, wie unser Korrespondent Frank Ludwig berichtet. Weiter heißt es, ein Soldat soll dabei getötet, sechs weitere verletzt worden sein. Die Islamisten hätten außerdem zwei Soldaten gefangen genommen.

Ein Vertreter der Sicherheitskräfte teilte zudem mit, die Zentrale der Muslimbruderschaft werde geschlossen. In dem Gebäude in Kairo seien Messer und andere Waffen gefunden worden, die gegen Demonstranten eingesetzt worden seien.

Aus Protest gegen das "Massaker" zogen sich die Salafisten mit sofortiger Wirkung aus den Gesprächen über die Bildung einer Übergangsregierung zurück. Am Sonntag hatte die Nur-Partei die Ernennung von Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei zum Übergangsregierungschef blockiert und auch Vorbehalte gegen einen weiteren Kandidaten, den Sozialdemokraten Siad Bahaa al-Din, geäußert.

Untersuchungskommission eingesetzt

Die Staatsanwaltschaft in Kairo nahm unterdessen eine Untersuchung auf. Nach Angaben der Justizbehörden wird gegen 200 Verdächtige ermittelt, die nach dem Gewaltausbruch vor dem Offiziersclub der Republikanischen Garde festgenommen worden waren. Der eingesetzte Interimspräsident Adli Mansur gab die Einsetzung einer Untersuchungskommission bekannt.

Zuvor hatten unter anderem die palästinensische Hamas und die Regierung im Iran die Gewalteskalation verurteilt. Auch der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu übte Kritik: "Ich verurteile das Massaker scharf." Er forderte einen Prozess zur politischen Normalisierung in Ägypten, bei dem der Wille des Volkes respektiert werden müsse. Davutoglu hatte die Entmachtung Mursis zuvor als inakzeptablen Militärputsch bezeichnet. Die Bundesregierung verlangte eine unabhängige Aufklärung des tödlichen Vorfalls. "Wir sind bestürzt", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin: "Es besteht die große Sorge, dass es zu einer weiteren Eskalation der Gewalt in Ägypten kommt."

Aktivist: Lage in Kairo angespannt

Ruprecht Polenz (CDU) ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, dem er seit 1994 angehört. (ruprecht-polenz.de)Sorge um Ägypten: Ruprecht Polenz (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages (ruprecht-polenz.de)Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, warnte im Deutschlandfunk vor einer weiteren Radikalisierung in Ägypten. Im islamistischen Spektrum gebe es eine Auseinandersetzung darüber, ob man mit demokratischen Mitteln vorgehen solle oder besser nur auf Gewalt setze, sagte der CDU-Politiker. Dahinter stehe das Terrornetzwerk Al Kaida, das derzeit Oberwasser habe. Auch die Gefahr einer Militärherrschaft sei nicht gebannt. Die künftige Übergangsregierung müsse als echte Regierung der nationalen Einheit empfunden werden. Diese könne dann eine neue Verfassung ausarbeiten.

Der deutsch-ägyptische Aktivist Ashraf Sharkawy hat die Lage in Kairo im Deutschlandradio Kultur als extrem angespannt beschrieben: "Das Land ist zweigeteilt, es ist extrem gespalten." Die Leute seien verängstigt, besonders seit dem Morgen. Sharkawy leitet die "Freedom Bus Initiative".

Mursi war am Mittwoch nach anhaltenden Massenprotesten gegen seine Amtsführung von den Streitkräften abgesetzt worden. Übergangspräsident Mansur soll das Land bis zu Neuwahlen führen.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr