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Nach dem Nobelpreis ist vor dem Nobelpreis

Von Klaus Herbst

Medaille des Nobelpreises für Physik (nobel.se)
Medaille des Nobelpreises für Physik (nobel.se)

Bis ins vergangene Jahr schien es einen Trend zu geben, immer jüngere Forscher mit dem Nobelpreis auszuzeichnen. In diesem Jahr deutet sich eine Trendumkehr an: Zumindest die Preisträger der Preise für Physiologie/Medizin und für Physik sind wieder reiferen Alters.

Der vorläufige Benjamin ist Sir Martin Evans, Jahrgang 1941, der am Montag mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde und rund vier Jahre älter ist als der Senior des vergangenen Jahres George F. Smoot. Oliver Smithies, ebenfalls frischgekürter Medizinnobelpreisträger, ist gar 82 Jahre alt.

Verwunderlich: Vergangenes Jahr wurde mit der RNA-Interferenz ein neues Verfahren gewürdigt, das auf dem diesjährigen Genetik-Thema aufbaut. Sicher hat das Preiskomitee nicht die Chronologie verwechselt. Aber die Frage bleibt offen, ob man im Jahr 2006 ausnahmsweise einmal besonders aktuell sein wollte und letztlich zwei zusammenhängende Verfahren zeitversetzt auszeichnete. Fazit: Die Wege des Komitees sind kaum einzuschätzen.

Viel schlimmer und konkreter: die instabile Nobel-Informationstechnologie. Ausgerechnet am Medizin-Montag fiel der Nobel-Server aus - zur Verzweiflung der internationalen Medien, die nur erfuhren: "We're working hard on it."


Physiologie/Medizin 2007


Die Preisträger sind Mario Capecchi, Martin Evans und Oliver Smithies. Auf der Deutschlandradio-Kandidatenliste standen sie nicht. Doch immerhin bewiesen 23 Prozent der Umfrage-Teilnehmer gewissermaßen den richtigen Riecher: Sie glaubten, keiner der unten stehenden fünf Wissenschaftler werde in diesem Jahr ausgewählt. Hier die Liste der Kandidaten:

Ian Wilmut ist Embryologe und Leiter des Forschungsteams am Roslin Institute, das im Juli 1996 Dolly aus den Zellen eines erwachsenen Schafs klonte.

Rudolf Jaenisch hat mit seinen Arbeiten fundamentale Aspekte der Stammzell- und Molekularbiologie aufgeklärt. Er forscht und lehrt am renommierten Whitehead Institute for Medical Research am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, und gilt als Mitbegründer der Technologie zur Herstellung transgener Tiermodelle. Diese Technik gehört heute zu den wichtigsten Methoden, mit denen die Funktionen von Biomolekülen in ihrem physiologischen Umfeld erforscht werden können. Außerdem sind transgene Tiermodelle in der Entwicklung neuer Arzneimittel unverzichtbar.

Luc Montagnier ist Frankreichs bekanntester Aids-Forscher, und nachdem im Mai 1991 der Prioritätsstreit über die Entdeckung des AIDS-Virus beendet wurde gilt er als sein alleiniger Entdecker. Die Verbreitung des Virus und seine biologischen Eigenschaften sind mittlerweile bekannt.

Judah Folkman ist ein Forschungspionier bei der Entwicklung von Angiogenesehemmern. Seine Arbeiten bilden eine wichtige Grundlage zur Krebstherapie.

Robert Weinberg entdeckte in den siebziger Jahren die krebserzeugenden Onkogene und die krebsverhindernden Tumorsupressorgene. Er gilt deshalb als Mitbegründer der modernen Krebsforschung. Heute erforscht er am Whitehead-Institute in Cambridge, Massachusetts, die Entstehung von Metastasen und die Bedeutung der Krebsstammzellen.


Physik 2007


Die Preisträger sind Albert Fert von der Universität Paris-Süd und
Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich. Sie erhalten die Auszeichnung für den Riesenmagnetowiderstand. Grünberg zumindest stand auch auf der Kandidatenliste von Deutschlandradio und landete in der Gunst des Publikums sogar auf dem zweiten Platz. Im folgenden noch einmal die Liste der Deutschlandradio-Kandidaten:

Anton Zeilinger, dem österreichischen Quantenphysiker gelang 1997 etwas Spektakuläres: Er "beamte" völlig ohne Zeitverzug ein Lichtteilchen (oder genauer gesagt dessen Eigenschaften) von einer Ecke seines Labortisches in die andere. Dabei nutzte er eine ominöse spukhafte Fernwirkung, die einst Albert Einstein für völlig absurd gehalten hatte. Heute beherrscht Anton Zeilinger das Spielchen par excellence: Er beamt Licht durch einen Abwasserkanal von einem Donau-Ufer zum anderen. IT-Experten gilt diese Quantenteleportation als vielversprechende Möglichkeit zur absolut sicheren Übertragung geheimer Daten.

Peter Grünberg, 1986 untersuchte Grünberg magnetische Schichten, die wie ein Sandwich aufgebaut sind: zwei Eisenfilme getrennt durch eine hauchdünne Chromschicht. Er stieß auf einen ungewöhnlichen physikalischen Effekt, die "Riesenmagnetowiderstand". Das Phänomen trat eine Revolution in der Speichertechnik los und ist mit verantwortlich für die respektable Kapazität heutiger Festplatten. Mit seiner Entdeckung begründete Grünberg einen neuen Forschungszweig, Spintronik genannt. Sie verspricht unter anderem Computer, die auch beim Totalabsturz ihr digitales Gedächtnis nicht verlieren.

Sumio Iijima, 1991 stieß Sumio Iijima bei Experimenten mit einem Spezialmikroskop zufällig auf eine neue Form von Kohlenstoff - weder Graphit noch Diamant noch Fußballmolekül. Das, was Iijima entdeckte, waren winzige Röhren aus purem Kohlenstoff, Nanotubes genannt. Sie ähneln einer Makkaroni, nur sind sie eine Million Mal kleiner. Mittlerweile gelten die Winzlinge als potenzielle Alleskönner der Nanotechnologie: Forscher basteln an Prototypen für ultraschnelle Computerchips, extrem reißfeste Werkstoffe und gestochen scharfe Flachbildschirme.

Yoji Totsuka, 1998 drang eine physikalische Sensation aus den Tiefen der japanischen Alpen. Dort hatte der riesige, mit Sensoren gespickte Wassertank Superkamiokande entdeckt, dass ein Elementarteilchen namens Neutrino tatsächlich Masse besitzt. Eine spektakuläre Entdeckung für die Theoretiker unter den Teilchenphysikern - sie hatten das Geisterteilchen Neutrino lange Zeit für ebenso masselos gehalten wie das Photon, das Lichtteilchen. Yoji Totsuka war einer der maßgeblichen Strippenzieher hinter einem Experiment, das die Teilchenphysik nachhaltig veränderte.

Shuji Nakamura Als er in den 90er Jahren bei der japanischen Firma Nichia tätig war, erfand Shuji Nakamura etwas, das Fachleute eigentlich für unmöglich gehalten hatten - eine Leuchtdiode, die blaues Licht aussendet. Später entwickelte er auch einen blauen Laserchip. Beides ist für die Technik von ungeheurem Wert: Der blaue Laser lässt das Fassungsvermögen von DVDs enorm steigen. Und die blaue LED ist die Grundvoraussetzung für die Beleuchtung von Morgen - Decken- und Wandlampen aus Leuchtdioden, deutlich haltbarer und Strom sparender als eine Glühbirne.

Chemie 2007


Der Chemienobelpreisträger 2007 ist der Deutsche Gerhard Ertl, emeritierter Direktor für physikalische Chemie am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Sein Name stand nicht auf der Deutschlandradio-Kandidatenliste. Von den fünf dort aufgeführten Wissenschaftlern konnte keiner auch nur eine relative Mehrheit der Abstimmenden hinter sich bringen, ein Drittel vermutete, dass ein anderer Wissenschaftler ausgezeichnet werde und lag damit richtig. Hier noch einmal die Liste der fünf Kandidaten:

Dieter Seebach, emeritierter Professor für Organische Chemie der ETH Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Entwicklung neuer Synthesemethoden, der Produktion von beta-Peptiden und der Synthese von chiralen Dendrimeren.

George M. Whitesides, einer der weltweit anerkannten Vorreiter für die Nutzung der nanotechnischen Forschung. Bestimmte Metalle sind in der Lage, Kohle leicht zu oxidieren. Die Forscher schlämmten Kohlepulver in Schwefelsäure auf und gaben dreifach positiv geladene Eisenionen zu. Die Eisenionen reagieren mit der Kohle, dabei entstehen Kohlendioxid und eine reduzierte Form der Eisenionen. Die Eisenionen, jetzt nur noch zweifach geladen, geben ihr zusätzliches Elektron über eine Elektrode, die Anode, an den Stromkreis ab und stehen dann wieder zur Verfügung. Fertig ist die anodische Halbzelle einer prototypischen Kohle-Brennstoffzelle. Ein lösliches System, das auf Vanadiumionen basiert, diente den Forschern als zugehörige kathodische Halbzelle. Bei 100 Grad Celsius lieferte dieser Prototyp tausend Stunden lang Strom ohne einen Leistungsabfall.

Akira Suzuki von der Hokkaido Universität in Japan. Nach ihm ist die neue Klasse von Reagenzien für Suzuki-Kupplungen benannt, hochselektive Reagenzien für Reduktionen und Hydroborierungen sowie Katalysatoren für die asymmetrische Synthese. Sie ermöglicht es die Anzahl der Verfahrensschritte reduziert und bessere Ergebnisse im Vergleich zur klassischen Methode erzielt zu können.

Kyriacos Nicolaou Er versteht sich nicht nur als Wissenschaftler, sondern genauso als Künstler, und das verrät schon seine Internet-Seite: statt Uni-Emblem und endloser Link-Leiste eine vielfarbige Collage, darin der Meister selbst, schnauzbärtig und mit Horst-Tappert-Brille, in einem Kosmos komplexer organischer Moleküle. Ursuppe und Schöpfung kommen dem Betrachter in den Sinn. Und das soll wohl auch so sein. Kyriacos Nicolaou ist Naturstoff-Chemiker, einer der begabtesten zumal, und im Scripps-Forschungsinstitut in Kalifornien lässt er die Welt neu entstehen.

Albert Eschenmoser ist ein Schweizer Chemiker, der sich sein Leben lang mit Stoffen aus der Natur beschäftigt hat. Sein Ziel war es, diese komplexen Verbindungen im Reagenzglas nachzubauen. Unter anderem gelang ihm die Totalsynthese von Vitamin B12 - der gesamte Reaktionsweg führt über mehr als sechzig Einzelschritte. Außerdem hat er sich mit der chemischen Evolution von Nukleinsäuren beschäftigt, also mit den Bausteinen der Erbsubstanz DNA.

Frieden 2007


In diesem Jahr war nach drei Tagen noch nicht Schluß mit den naturwissenschaftlichen Nobelpreisträgern. Der Zwischenstaatliche Expertenrat für Klimawandel IPCC erhielt zusammen mit dem US-Politiker Al Gore den Friedensnobelpreis. Der IPCC ist so etwas wie das das Weltexpertengremium für Klimafolgenforschung und gibt seit 1992 in regelmäßigen Abständen Sachstandsberichte zur Klimaforschung heraus. Der jüngste erschien in diesem Jahr.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:25 Uhr

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