Piotr Heller

Über Umwege

Piotr Heller Deutschlandfunk freier Mitarbeiter (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
(Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)

Zum Radio bin ich über einen kleinen Umweg gekommen. Um genau zu sein über Tromsö. Dort, 350 Kilometer nördlich vom Polarkreis, saß ich vor einigen Jahren in einem Imbiss. Es war eine Reise für Journalistinnen und Journalisten und ich unterhielt mich mit Michael Stang, der neben mir saß. Er fragte mich, ob ich nicht in Köln vorbeikommen wolle. In der Sendung ‚Forschung Aktuell‘, bei der er als freier Journalist arbeite, gebe es Bedarf an Autoren.

Ich hatte bis dahin für Zeitungen gearbeitet. Meine Themen waren Wissenschaft und Technik. Ich würde gerne sagen, dass dahinter ein großer Plan steckte, aber in Wahrheit bin ich da irgendwie reingerutscht. Ich hatte Maschinenbau studiert und war dann, weil mich das Schreiben schon immer interessiert hat, auf der Journalistenschule in München. Durch mein Studium war der Wissenschaftsjournalismus die erste Wahl. Erst später erkannte ich, dass es auch die richtige war.

Einige Monate nach Tromsö schlug ich im Kölner Funkhaus auf und machte ein Praktikum. Und was für eines. Ich hätte damals nie gedacht, dass man im altehrwürdigen Deutschlandfunk vom ersten Tag an im Programm mitarbeiten darf. Ich besuchte Biologen, die Wale mit Militärkameras aufspüren, Ingenieure, die Kinderkrankenhäuser mit Systemen aus der Formel 1 aufrüsten, und Containerhäfen, die sich gegen Schmuggler wappnen. Inzwischen schreibe ich montags die Meldungen aus der Wissenschaft für ‚Forschung aktuell‘ und produziere Reportagen. Gerade sitze ich an einer Serie über Algorithmen, die jetzt in diesem April laufen wird.

Über Wissenschaft zu berichten, ist etwas Besonderes, zumal Journalismus ein Geschäft ist, das von Aktualität lebt. Und was könnte aktueller sein als die Ergebnisse von Forscherinnen und Forschern? Als Reporter schaut man ihnen zu, wie sie brandneues Wissen erschaffen. Die Herausforderung ist, in der Flut des Aktuellen das Wichtige zu finden. Dabei entdeckt man Überraschendes, wenn auch über Umwege. Ich habe zum Beispiel Ingenieure der Universität Stuttgart besucht. Es ging um ein System zur Fahrzeugfertigung. Nach dem Interview fragten sie mich, ob ich nicht den Keller des Instituts sehen wolle. Da gäbe es etwas Interessantes. Wir fuhren runter. Als sich die Türen des Lifts öffneten, standen wir vor einer kompletten Achterbahn, die um die Säulen einer unterirdischen Halle fuhr. Die Ingenieure erforschten damit einen neuartigen Antrieb. Ich schaltete mein Aufnahmegerät ein und hatte eine neue Geschichte.

Piotr Heller,
Freier Mitarbeiter ‚Forschung aktuell‘
Deutschlandfunk


Aus dem Programmheft, Ausgabe April 2019