Reihe: Landeskorrespondenten Das Saarland: klein, aber „oho“

Berichte aus dem Saarland

Tonia Koch (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Tonia Koch (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)

Als Radio der Länder unterhalten wir Korrespondentenstudios in allen 16 Landeshauptstädten und am Finanzstandort Frankfurt/Main. Unsere Inlandskorrespondenten stehen für den föderalen Sendeauftrag der drei Deutschlandradio-Programme. In dieser Artikelreihe stellen die Kolleginnen und Kollegen von Kiel bis München ihre Bundesländer vor.

Tonia Koch startete ihre journalistische Karriere 1982 beim Saarländischen Rundfunk, für den sie auch als Hörfunk-Korrespondentin nach Brüssel ging. Nach fast sechs Jahren Brüssel arbeitete sie einige Jahre für den Saarländischen Rundfunk im Bereich Fernsehen mit Schwerpunkt Wirtschaft. Dann folgte ein Wechsel in die Industrie. Sechs Jahre lang leitete Tonia Koch die Pressestelle der Saarbergwerke AG, dann zog es sie zurück in den Journalismus. Seit über zehn Jahren berichtet sie für das Deutschlandradio aus dem Südwesten Deutschlands, aus Luxemburg und aus dem nahen Frankreich.

Politisch macht das Saarland nur selten von sich reden. Es sei denn, das politische Personal des Eine-Million-Einwohner-Ländchens zieht es nach Berlin. Das waren in den vergangenen Jahren ziemlich viele. Heiko Maas, der aktuelle Außenminister war darunter, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und zuletzt Annegret Kramp-Karrenbauer. "Es Annegret", wie die Saarländer ihre ehemalige Ministerpräsidentin nennen, hat sich dabei einer besonderen Herausforderung gestellt: einem innerparteilichen Wettlauf um den CDU-Parteivorsitz. Und sie hat sich durchgesetzt gegen ihre männlichen Kontrahenten, gegen Jens Spahn und Friedrich Merz. Viele hat es zu Beginn des innerparteilichen Schaulaufens nicht gegeben, die ihr das zugetraut hätten. Nur die Saarländer hatten wenig Zweifel, dass die zierliche Frau Stehvermögen hat, dass sie ein untrügliches Gefühl dafür hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und ihre Chance zu nutzen. So viel Ehrgeiz ist jedoch längst nicht allen eigen.

Saarländerinnen und Saarländer sind bodenständig und heimatverbunden und leben bevorzugt in den eigenen vier Wänden. Nirgendwo sonst in Deutschland ist der Anteil der Wohneigentümer höher als im Saarland. Das hat zum Teil historische Ursachen. Der Bergbau, der den Landstrich über Jahrhunderte
geprägt hat, sicherte sich seine Arbeitskräfte über den Eigenheimbau. Sie wanderten vom Land in die Zechen, blieben aber auf ihrer Scholle wohnen. Mit Prämien und Krediten finanzierte das Bergbauunternehmen ein bescheidenes Heim, einen Garten und eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Noch heute kann das Land über alte Bergmannspfade durchwandert werden. Sie führen durch Buchenwälder, Streuobstwiesen und Grünland. Im Saarland ist der aktive Bergbau seit 2012 Geschichte, aber fertig ist das Land damit noch lange nicht. Gestritten wird darüber, wie mit den Folgen des Bergbaus umgegangen werden soll.

Heute hat die Automobilindustrie den Bergbau als wichtigsten Industriezweig abgelöst. Das Saarland ist Autoland. 44.000 Menschen sind in der Automobilindustrie beschäftigt und es ist noch nicht absehbar, welche Veränderungen auf den Sektor zukommen werden, wie die Mobilität der Zukunft aussieht. Die Unsicherheit wächst. Chancen und Risiken halten sich die Waage. Veränderung sind die Menschen im Südwesten gewohnt, sie nehmen es gelassen und suchen Halt im Ehrenamt und im Verein. Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Vereinsdichte so hoch wie hier. So entstehen stabile Beziehungen und Netze, auf die sich die Menschen verlassen, wenn es mal eng wird. Im Saarland kennt jeder jeden. Die Redewendung "Der Hans kennt einen, der kennt einen, der einen kennt, der dir hilft" hat jeder, der hier lebt, schon einmal gehört. Mitunter ist es nicht einfach, sich in diesen Strukturen zurechtzufinden. Es braucht Zeit zu verstehen, wie und wo Entscheidungen auch von politischer Relevanz gefällt werden.

Schließlich gehört es zum Erfahrungsschatz von Grenzländern, den Blick über den Tellerrand zu richten. Hüben und drüben der Grenze leben und arbeiten ist für Saarländer, Lothringerinnen und Luxemburger ,normal‘. In keinem europäischen Großraum gibt es so viel Austausch wie hier. Es gibt vieles, was die Menschen eint, die Vorliebe für gutes Essen zum Beispiel, aber es gibt auch Trennendes wie die Sprache. Daran will das Saarland künftig arbeiten. Französisch, die Sprache des Nachbarn, soll nicht in Vergessenheit geraten. Das steht auch im neuen Elysée-Vertrag, der zu Beginn des Jahres in Aachen unterzeichnet wurde. Jetzt ist es an den deutsch-französischen Grenzregionen, ihre Chancen zu ergreifen.

Tonia Koch
Landeskorrespondentin Saarland


Aus dem Programmheft, Ausgabe Juni 2019

Letzte Änderung: 29.07.2019 13:26 Uhr