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Reihe: Landeskorrespondenten Facettenreiches ‚Bindestrich-Land‘

Berichte aus Nordrhein-Westfalen

Moritz Küpper, Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen (© Gustav Kuhweide)
(© Gustav Kuhweide)

Als Radio der Länder unterhalten wir Korrespondentenstudios in allen 16 Landeshauptstädten und am Finanzstandort Frankfurt/Main. Unsere Inlandskorrespondenten stehen für den föderalen Sendeauftrag der drei Deutschlandradio-Programme. In dieser Artikelreihe stellen die Kolleginnen und Kollegen von Kiel bis München ihre Bundesländer vor.

Moritz Küpper, Jahrgang 1980, geboren in Köln. Nach dem Abitur Wehrdienst sowie Studium der Politikwissenschaft in München und Washington, D.C. Besuch der Deutschen Journalistenschule und Promotion an der Universität Bonn. Redakteur beim Wirtschaftsmagazin Capital (2007–2009), anschließend Redakteur in der Deutschlandradio-Onlineredaktion (2009–2010) sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion (2010–2015). Seit Februar 2015 Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen.

Es ist laut, heiß, stickig, eng – und dreckig: In über 2.300 Metern Tiefe liege ich in der Zeche Prosper Haniel, direkt an der Abbaukante, an der im Februar 2018 noch Kohle geschürft wurde. Geschützt von einer Schildkappe, die Hundertausende von Tonnen hält – was auch nötig ist. Hier kann man nicht mehr stehen, das Atmen fällt schwer, ich schwitze. Neben mir liegt ein Tontechniker, er bedient ein altes Bandgerät. Denn: Unter Tage darf ich mein kleines digitales Aufnahmegerät nicht benutzen. Explosionsgefahr. Zwei Kassetten à 25 Minuten O-Ton-Material bleiben, um später für die drei Deutschlandradio-Programme zu berichten. Es sind die letzten beiden Tonbänder aus dem Bestand der Spezialfirma, genauso wie es eine der letzten Grubenfahrten ist. Denn einige Monate später – zum Jahresende 2018 – ist Schluss, die letzte Zeche schließt und beendet eine über zweihundertjährige Industriegeschichte, die Nordrhein-Westfalen geprägt hat; geprägt wie kaum etwas anderes. "Das Ruhrgebiet ist durch den Bergbau entstanden, durch die ganzen Kulturen, durch alle, die hierhingekommen sind", sagt mir auch Soner Gider, der neben mir liegt. Der 31-Jährige wollte noch einmal einfahren, um zu sehen, wie sein Großvater und sein Onkel, die als erste Gastarbeiter aus der Türkei ins Ruhrgebiet gekommen waren, geschuftet haben. "Jetzt verstehe ich, was malochen bedeutet", sagt Gider. Dass die Steinkohle-Förderung endet, findet er schade: "Das ist, wie wenn Hamburg den Hafen verliert."

Man könne die Region nur verstehen, erklärte mir ein langgedienter Kollege zu Beginn meiner Zeit als Korrespondent, wenn man einmal unter Tage gewesen ist. Und es stimmt: Die Fahrt in die Tiefe, das Kauern in der Hitze dort, die schwere Arbeit – es ist beeindruckend, lehrt Demut und fördert das Verständnis für die Lebensbedingungen hier, den Menschenschlag, für das Miteinander an Ruhr und Emscher. Nicht: "Haste was, dann biste was", sondern: "Kannste was, dann biste was", heißt es hier. Zusammen mit Soner Gider in mehreren tausend Metern Tiefe wurde mir klar: Die Gefahr unter Tage sorgte unter den Kumpeln für Vertrauen und für Verlässlichkeit. Und auch Gider selbst, ein junger Mann aus Bottrop, dessen Familie nun in der dritten Generation in Deutschland lebt, personifiziert die Region, das Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen.

Knapp 18 Millionen Menschen leben mittlerweile an Rhein, Ruhr und Lippe. NRW ist zwar nicht Deutschlands größtes, aber das bevölkerungsreichste Bundesland. Es ist Flächenland (Westfalen und Münsterland) und Ballungsraum (Ruhrgebiet und Rheinland), Wirtschaftsstandort (rund ein Drittel der deutschen DAX-Unternehmen haben hier ihren Sitz) und Armenhaus (Gelsenkirchen hat mit die höchste Langzeitarbeitslosen-Quote), Karnevalshochburg (nicht nur in Köln und Düsseldorf), Fußball-Land, SPD-Stammland (jedes vierte Mitglied lebt hier) und man trinkt Alt, Kölsch oder Pils. Vor über 70 Jahren hoben die Briten dieses ‚Bindestrich-Land‘ mit der sogenannten Operation Marriage aus der Taufe, weshalb der anstehende Brexit in NRW auch mit Sorgen betrachtet wird – und zwar nicht nur wegen der historischen, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Verbindungen. Nach Großbritannien, aber auch anderorts: NRW liegt mitten in Europa, von der Eifel über das Aachener Land, entlang des Niederrheins bis hin zum Münsterland verbinden NRW fast 500 Kilometer mit Belgien und den Niederlanden. Brüssel liegt näher als Berlin. Auch Europa, aber vor allem die Vielschichtigkeit dieses Bundeslandes spiegelt sich in der täglichen Korrespondenten-Arbeit wider. Und das heißt – allen Staumeldungen zum Trotz – vor allem unterwegs sein: sei es in den Baumhäusern der Waldbesetzer im Hambacher Forst oder eben unter Tage in Bottrop.

Moritz Küpper
Landeskorrespondent Nordrhein-Westfalen


Aus dem Programmheft, Ausgabe Februar 2019

Letzte Änderung: 25.02.2019 11:24 Uhr