Reihe: Landeskorrespondenten Plauener Schaustickerei und Görlitzer Pfarrer

Berichte aus Sachsen

Deutschlandradio-Korrespondent Sachsen, Bastian Brandau (© Oliver Killig)
Deutschlandradio-Korrespondent Sachsen, Bastian Brandau (© Oliver Killig)

Als Radio der Länder unterhalten wir Korrespondentenstudios in allen 16 Landeshauptstädten und am Finanzstandort Frankfurt/Main. Unsere Inlandskorrespondenten stehen für den föderalen Sendeauftrag der drei Deutschlandradio-Programme. In dieser Artikelreihe stellen die Kolleginnen und Kollegen von Kiel bis München ihre Bundesländer vor.

Bastian Brandau, geboren 1984 in Lüneburg, studierte Politikwissenschaften, Sportwissenschaften sowie Mittlere und Neuere Geschichte in Göttingen und Bologna. Er absolvierte 2014/15 ein Redaktionsvolontariat beim Deutschlandfunk. Seit Dezember 2015 ist er Landeskorrespondent in Sachsen.


Die Wandfarben aufgefrischt, der Boden angeschliffen – das Studio Dresden, in dem dieser Text entsteht, strahlt seit einigen Wochen wie neu. Nach 25 Jahren wurde im zu DDR-Zeiten verfallenden und nun denkmalgeschützten Gebäude renoviert. Hier wird seit der Gründung des Landesstudios 1994 getippt und telefoniert, geschnitten und produziert, gegessen und manchmal auch geschlafen. Seit gut dreieinhalb Jahren tue ich all dies und wandle dabei auf den Spuren meiner Vorgängerinnen und Vorgänger. Die Radiotechnik von der Bandmaschine zur Digitalisierung dürfte sich dabei ebenso stark verändert haben wie das Bundesland. Vom Sanierungsfall zum wirtschaftlichen Vorzeige-Ostland. Und trotzdem herrscht oft Unzufriedenheit. Bei den einen, weil sie sich eine Vergangenheit zurückwünschen, die es so nie gab. Und bei den anderen, weil sie nach knapp 30 Jahren endlich progressive Impulse sehen wollen – etwa in der Umwelt-, Verkehrs- und Bildungspolitik. Einen großen Themenkomplex aber gibt es damals wie heute: Rassismus und die extreme Rechte.

Die Landtagswahl in Sachsen am 1. September wird bundesweit mit großem Interesse verfolgt werden. Vor allem wegen der Frage, ob die seit 1990 regierende CDU dann doch wieder vor der AfD liegen wird, anders als zuletzt bei Europa- und Bundestagswahl. Der Wahlkampf (nicht wenige sagen, er habe schon 2017 mit dem Wechsel des Ministerpräsidenten begonnen) und die Protagonisten stehen klar im Fokus meiner Arbeit. Gelingt es Ministerpräsident Michael Kretschmer, seine bisherige Koalition mit der SPD fortzusetzen, mit voraussichtlich notwendigen weiteren Partnern? Oder wird es allen Beteuerungen zum Trotz doch eine Zusammenarbeit mit der AfD geben? Eine Antwort gibt es (vielleicht) noch in diesem Jahr.

Die aktuelle Politik spielt eine große Rolle, aber Sachsen hat mit seiner Vergangenheit zahlreiche Geschichten abseits des Landtags zu bieten. Etwa der pensionierte Dachdeckermeister, der mir seine Erlebnisse im Rahmen der deutsch-deutschen Städtepartnerschaft Dresden/Hamburg geschildert hat. Oder der Görlitzer Pfarrer, der mich direkt anschrieb und dessen Impulse ich viel zu selten aufgreifen kann. Oder ein Besuch in der Plauener Schaustickerei, die Industriegeschichte konserviert. Es sind diese Geschichten, die für mich das Bundesland ausmachen. Dabei erlebe ich immer wieder auch: Diese Menschen freuen sich über einen Anruf und Besuch von Deutschlandfunk, unsere Programme genießen in Sachsen bei vielen ein hohes Ansehen, oft auch noch aus Zeiten vor 1990.

Aber leider kenne auch ich die andere Seite viel zu gut: bedrohliche Situationen auf rechten Demonstrationen wie in Chemnitz, Anfeindungen und Drohungen übers Internet. Die unverhohlenen Pläne der sich radikalisierenden AfD, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner jetzigen Form abzuschaffen. Der permanente und doch nie belegte Vorwurf, man wolle etwas verschweigen, umschrieben mit einem NS-Propagandawort. Kein Zweifel, die Anforderungen an Journalisten sind in Sachsen hoch, die Arbeitsbedingungen nicht immer einfach. Reportern, die über Missstände in Sachsen berichten, wird gern entgegengehalten, sie wollten das Land schlechtreden. Doch es hilft ja niemandem, die Dinge zu verschweigen, die schlecht laufen. Und es ist sicherlich nicht Aufgabe eines Landeskorrespondenten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wohl aber auch darauf hinzuweisen, dass natürlich hier "nicht alle rechts" sind. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Allerdings kommen diejenigen, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus einsetzen, gerade in den ländlichen Regionen, zu selten zu Wort. Und auch von ihnen gibt es in Sachsen sehr viele.

Bastian Brandau
Landeskorrespondent Sachsen


Aus dem Programmheft, Ausgabe September 2019

Letzte Änderung: 20.08.2019 12:14 Uhr