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Reihe: Landeskorrespondenten „Und?“ „Ja“ „Muss“

Berichte aus Bremen

Felicitas Boeselager, Landeskorrespondentin Bremen (© Deutschlandradio/ B. Fürst-Fastré)
Felicitas Boeselager (© Deutschlandradio/ B. Fürst-Fastré)

Als Radio der Länder unterhalten wir Korrespondentenstudios in allen 16 Landeshauptstädten und am Finanzstandort Frankfurt/Main. Unsere Inlandskorrespondenten stehen für den föderalen Sendeauftrag der drei Deutschlandradio-Programme. In dieser Artikelreihe stellen die Kolleginnen und Kollegen von Kiel bis München ihre Bundesländer vor.

Felicitas Boeselager, geboren 1988 in Bonn, aufgewachsen im Ahrtal. Während des Geschichts- und Literaturstudiums in München erste Praxiserfahrungen als Hörfunk-Reporterin und Videojournalistin. 2016 folgt das Volontariat im Deutschlandradio. Nach einem Jahr als Redakteurin im Deutschlandfunk ist sie seit Sommer 2018 Landeskorrespondentin in Bremen und dem Bremer Umland.

Wir stehen am Straßenrand, um uns herum plattes Land und der kleine Lieferwagen meiner Interviewpartnerin hat den Geist aufgegeben. Ich habe noch versucht ihn anzuschieben, während sie vorne den Zündschlüssel gedreht hat – nichts zu machen. Wir sitzen fest, irgendwo in meinem neuen Berichtsgebiet zwischen der Nordsee und Bremen. Bis wir abgeschleppt werden, wird es Stunden dauern, meine Termine am Nachmittag muss ich verschieben.

Es ist meine zweite Woche als Landeskorrespondentin für Bremen und mir dämmert, dass mein Leben durch meine neue Aufgabe zwar weniger planbar, dafür aber aufregender geworden ist. "Was willst du denn in Bremen?", war die häufigste Reaktion, als ich von meinem Umzug erzählte. Es ist, als sei Bremen ein weißer Fleck auf der inneren Landkarte meiner Freunde. Manchen fällt noch Werder, die Pisa-Studie und das schlechte Wetter ein. Stimmt fast. Werder Bremen gehört zur DNA dieser Stadt, die Bildungspolitik ist das Thema schlechthin, nur das Wetter ist anders: Wer im Jahrhundertsommer ins vermeintlich regnerische Bremen zieht, für den wird der Klimawandel konkret. Und so auch zu einem wichtigen Thema der Berichterstattung. Das ist nicht nur der Obstbauer, dem die Äpfel in der Hitze am Baum zu Bratäpfeln werden, es sind vor allem die Menschen hier, die versuchen mit ihren Mitteln den Klimawandel zu stoppen. Eine Familie auf Langeoog, die die EU auf bessere Klimaziele verklagt, die Gemeinde auf Borkum, die versucht bis 2030 klimaneutral zu leben, Grundschüler in Oldenburg, die für einen Tag den Strom ausschalten, um ein Zeichen zu setzen. Abgesehen davon, dass es ein ziemlicher Glücksfall ist, einen Teil der Arbeitszeit mit den Füßen im Sand auf Ostfriesischen Inseln verbringen zu können – ist es auch ein Privileg, so engagierte Menschen treffen zu dürfen.

Und dann gibt es hier noch einen ganz anderen Klimawandel. Einen politischen: Seit Ende des Krieges regiert in Bremen die SPD – die Wahlen hier waren nie besonders spannend, alle wussten, das Rathaus bleibt ‚rot‘. Zum ersten Mal ist sich dessen niemand mehr sicher. Die Umfragewerte der SPD sind auf ein Rekordtief gefallen, während dieser Text entsteht, liegt die CDU einen Prozentpunkt vor der SPD. Wenn so eine sichere Bank der Sozialdemokraten wankt, dann wird auch das kleine Bremen bundespolitisch auf einmal interessant. Ende Mai wird gewählt.

Aber abgesehen von den großen Themen, die sich hier erzählen lassen, empfinde ich "Was willst du denn in Bremen?" nach nicht mal einem Jahr in dieser Stadt als eine Frechheit. Waren Sie schon mal hier und haben folgende wunderbare Konversation belauscht: "Und?" "Ja" "Muss"? Wissen Sie, wie gut Grünkohl schmeckt? Oder Rollo? Über Rollo könnte ich stundenlang referieren, es ist ein spezieller Bremer Döner. Mir ist absolut schleierhaft, warum es dieses Gericht noch nicht über die Bremer Landesgrenzen hinweg geschafft hat.

Der nette Fahrer des Abschleppwagens setzt mich direkt bei meinem Folgetermin ab. Lässiger bin ich noch nirgends aufgeschlagen. Ich treffe eine junge Frau, die mir für eine Sommerreihe im Deutschlandfunk ihren Lieblingsort in Bremen zeigt, einen kleinen Leuchtturm am Ende der Bremer Überseestadt. Ein zauberhafter Ort, die Sonne steht tief, die Möwen schreien und der Steg knarrt.

Felicitas Boeselager
Landeskorrespondentin Bremen


Aus dem Programmheft, Ausgabe Mai 2019

Letzte Änderung: 25.04.2019 10:58 Uhr