"Rettungsroutine" ist Wort des Jahres

Der Begriff kennzeichnet die permanenten Euro-Rettungsversuche

Einer von vielen Rettungsschirmen, die zur Routine geworden sind (picture alliance / dpa /  Sebastian Kahnert)
Einer von vielen Rettungsschirmen, die zur Routine geworden sind (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Welches Wort passt am besten zum Zeitgeist 2012? Für die Jury aus Sprachwissenschaftlern ist es eine widersprüchliche Bezeichnung, die in der öffentlichen Diskussion nur selten aufgetaucht ist: Mit "Rettungsroutine" sind die andauernden Bemühungen um die Wirtschaftslage und den Euro gemeint.

<p>Die Jury findet den Begriff wegen der widersprüchlichen Bedeutung seiner beiden Wortbestandteile interessant: "Während eine Rettung im eigentlichen Sinn eine akute, initiative, aber abgeschlossene Handlung darstellt, beinhaltet Routine – als Lehnwort aus dem Französischen – eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung", schreibt sie in ihrer Begründung. Die <strong>Rettungsroutine</strong> dürfte vielen inhaltlich etwas sagen, in der öffentlichen Diskussion ist das Wort aber eher selten aufgetaucht. Eine Google-Suche bei Bekanntgabe des Begriffs zeigte nur rund 1.570 Ergebnisse; diese Zahl schnellt gerade fortlaufend hoch, seit er sich wegen der Kür zum Wort des Jahres im Internet verbreitet.<br /><br />Insgesamt wählt die <papaya:link href="http://www.gfds.de/" text="Gesellschaft für deutsche Sprache" title="Gesellschaft für deutsche Sprache" target="_blank" /> jedes Jahr zehn Wörter zu den Begriffen des Jahres. Die Liste soll den sprachlichen Nerv des zu Ende gehenden Jahres treffen und damit eine Art sprachlicher Jahresrückblick sein. Dabei geht es nach Angaben der Gesellschaft nicht um die Häufigkeit, sondern um die Aussagekraft des Begriffs. In der "Rettungsroutine" lässt sich ein von Gipfeln zur Rettung des griechischen Staatshaushalts und des Euro bestimmtes Jahr wiederfinden.<br /><br />Auf Platz 2 wurde <strong>Kanzlerpräsidentin</strong> gewählt, eine Bezeichnung für Bundeskanzlerin Merkel, in der sich zwei eigentlich gleichwertige Begriffe finden. "So legt die deutsche Bundeskanzlerin ab und an auch die neutralen und zurückhaltenden Eigenschaften eines deutschen Bundespräsidenten an den Tag", deutet die Jury den Begriff. Als "gelungenen Kampfbegriff der Gegner des Betreuungsgelds" belegt die <strong>Bildungsabwendungsprämie</strong> Platz 3.<br /><br />Die weiteren Plätze <papaya:link href="http://www.gfds.de/presse/pressemitteilungen/141212-wort-des-jahres-2012/" text="auf der Liste 2012" title="" target="_blank" />:<br /><ol start="4"><li><strong>Schlecker-Frauen</strong> als sprachliches Denkmal für den Mut der Drogerieketten-Mitarbeiter</li><br /><li><strong>wulffen</strong> - in Anspielung auf den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff mit mehreren Bedeutungen: das Hinterlassen wütender Nachrichten auf einem Anrufbeantworter, die illegitime Vorteilsnahme, das scheibchenweise Herausrücken mit der Wahrheit</li><br /><li><strong>Netzhetze</strong> - die deutsche Entsprechung zum medialen Shitstorm</li></li><br /><li><strong>Gottesteilchen</strong> - populäre, nicht-wissenschaftliche Bezeichnung des Higgs-Bosons bzw. Higgs-Teilchens, entstanden durch einen verkürzten Buchtitel "Das gottverdammte Teilchen"</li><p><div style="float: right;"> <papaya:media src="9d1faa830bbf6ed46cd363c20ca6c67a" rspace="5" bspace="5" width="144" height="108" align="left" resize="abs" subtitle="Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale" popup="yes" /></div><br /><li><strong>Punk-Gebet</strong> - für den mit Lagerhaft bestraften Auftritt der Punkband Pussy Riot in einer Moskauer Kirche</li><br /><li><strong>Fluch-Hafen</strong> - für das verflucht erscheinende Großprojekt Berliner Flughafen, dessen Einweihung wegen baubedingter Sicherheitsmängel mehrmals verschoben wurde</li><br /><li><strong>"ziemlich beste..."</strong> - verbreitete Floskel in Anspielung auf den Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde", dessen Relativierung eines Superlativs laut Jury eine sprachliche Besonderheit darstellt</ol><br /></p><p><strong>Keine Wertung oder Empfehlung</strong></p><p>Die Vorschläge für das Wort des Jahres machen die Jury-Mitglieder selbst, außerdem werden auch Einsendungen berücksichtigt. Entscheidend ist aber nicht, wie häufig ein Ausdruck vorgeschlagen wurde, sondern, wie signifikant und populär er im Jahr war. Eine Wertung oder Empfehlung verbinden die Sprachwissenschaftler mit dem Begriff nicht.<br /><br />2011 fiel die Wahl auf "Stresstest" – der Begriff bezeichnet die Untersuchung etwa von Banken und Atomkraftwerke auf ihre Funktionsfähigkeit unter hoher Belastung. Ein Wort, das nach <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="204726" text="Meinung von Jürgen König" alternative_text="Meinung von Jürgen König" /> besonders harte Prüfungsbedingungen suggeriert, "deren Ergebnisse UND die daraus hergeleiteten Entscheidungen das große Publikum für zwingend halten soll", wie er kommentierte.</p>


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr