Rettungstaucher unter Zeitdruck

Unwetter könnte Schiffswrack sinken lassen

Ein Rettungsboot umfährt das Wrack der Costa Concordia. (AP Photo - Gregorio Borgia)
Ein Rettungsboot umfährt das Wrack der Costa Concordia. (AP Photo - Gregorio Borgia)

Die Bergungsarbeiten an der Costa Concordia werden unter enormem Zeitdruck fortgesetzt, denn für morgen ist ein Unwetter angekündigt, das ein Abrutschen des Schiffes nach sich ziehen könnte. Dann könnte Öl ins Meer laufen. Kapitän Schettino ist von seiner Reederei vom Dienst suspendiert worden.

Die Rettungskräfte durchsuchen weiter den Teil des am Samstag verunglückten Kreuzfahrtschiffes, der unter Wasser liegt. Heute sollen Taucher der Marine versuchen, mit gezielten Sprengungen neue Eingänge in das Wrack zu schaffen, wie Tilman Kleinjung im Deutschlandradio Kultur berichtet. Die Chance, noch Überlebende zu finden, sei jedoch gleich null. Nach italienischen Angaben werden noch 21 Menschen vermisst, darunter zwölf Deutsche.

Der Kapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino, wurde derweil von der Reederei mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Das Unternehmen will seinen Angestellten außerdem nicht vor Gericht verteidigen. Wie die Reederei mitteilte, erwägt sie sogar, in einem Prozess als Nebenkläger gegen Schettino aufzutreten, da sie sich durch die Havarie der Costa Concordia selbst als geschädigt ansehe.

Angst vor einer Umweltkatastrophe

Vor der italienischen Westküste braut sich derweil ein Unwetter zusammen, das am Freitag drei bis vier Meter hohe Wellen bringen soll. Die große Sorge: Das Schiff könnte unterspült werden und ganz ins Meer abrutschen. Bisher ruht es auf einem Felsen.

Ein Abrutschen könnte verheerende Folgen für die Umwelt haben. Im Deutschlandfunk warnte Meeresschutz-Experte Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland, austretendes Öl würde dann "den Meeresboden überdecken, alles Leben abtöten und dort zu einer chronischen Umweltbelastung werden". Es würde nach und nach giftige Inhaltsstoffe abgeben. Dabei sei die Unterwasserwelt vor der Insel Giglio bisher ein Paradies mit einer für das Mittelmeer außergewöhnlichen Artenvielfalt.

Das Abpumpen des Öls aus den Tanks der Concordia dürfte bei einem Schiff, das komplett versunken ist, schwieriger werden. Die holländische Spezialfirma Smit wird möglicherweise am Samstag damit beginnen, die 2400 Tonnen Schweröl abzupumpen.

Der Kapitän des vor der italienischen Insel Giglio gesunkenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia, Francesco Schettino (rechts), wird von einem Carabinieri in Porto Santo Stefano begleitet. (AP Photo - Giacomo Aprili)Kapitän Francesco Schettino (rechts). (AP Photo - Giacomo Aprili)

Schwere Vorwürfe gegen Kapitän Schettino

Schettino steht mittlerweile unter Hausarrest. Die Liste der Anklagepunkte gegen ihn ist um unterlassene Hilfeleistung erweitert worden. Außerdem werden ihm fahrlässige Tötung, Herbeiführung eines Schiffbruchs und das vorzeitige Verlassen des Unglücksschiffs vorgeworfen.

Italienischen Zeitungsberichten zufolge hat der Kapitän dem Oberkellner, der von der Insel Giglio stammt, eine Freude machen wollen und war deshalb so nah an der Küste vorbeigefahren. Nachdem das Kreuzfahrtschiff auf einen Felsen aufgelaufen war, ging Schettino nach Angaben der Hafenkommandantur von Bord. Italienische Medien haben den Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen Schettino und der Hafenkommandantur veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass er eindringlich aufgefordert wurde, wieder an Bord zu gehen und Bericht zu erstatten. Der Kapitän kam diesem Befehl nicht nach.

Den Medienberichten zufolge hat die Untersuchungsrichterin auch festgestellt, Schettino habe eine "negative Persönlichkeit". Als er beispielsweise behauptete, in ein Rettungsboot "gefallen" zu sein, habe er gelogen. Carsten Kühntopp berichtet im Deutschlandfunk, gesucht werde nun auch eine Frau aus Moldawien, die mit dem Kapitän auf der Kommandobrücke gestanden haben soll. Jetzt soll geklärt werden, warum.

Auch die Reederei gerät allmählich ins Visier der Ermittlungen, berichtet Tilman Kleinjung im Deutschlandfunk. Schettino soll, bevor er Evakuierungsmaßnahmen angeordnet hat, mehrfach mit seiner Reederei telefoniert haben.

Der Unfall vor der italienischen Küste hat auch gezeigt, dass Sicherheitsmaßnahmen auf Großschiffen eine Herausforderung für Sicherheitsingenieure sind. Schifffahrtsexperten tüfteln deshalb an besseren Evakuierungstechniken.

Programmtipp:

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:46 Uhr