Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Rotstift bedroht Bücher-Erbe aus dem Hause Gutenberg

Massive Einsparungen bei der "Wissenschaftlichen Stadtbibliothek" in Mainz

Von Ludger Fittkau

Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek gehört zu den traditionsreichsten Bibliotheken des Landes. (picture alliance / dpa - Fredrik von Erichsen)
Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek gehört zu den traditionsreichsten Bibliotheken des Landes. (picture alliance / dpa - Fredrik von Erichsen)

Die "Wissenschaftliche Stadtbibliothek" führt wertvolle Bestände der Gutenberg-Stadt Mainz aus vielen Jahrhunderten. Weil aber die Stadt pleite ist, streicht sie jetzt zwei Drittel der Bibliotheksstellen. Nicht nur Mainzer protestieren dagegen mit einer Onlinepetition.

Hundert Jahre alte, dunkle Holzregale prägen die ehrwürdige Atmosphäre im Lesesaal der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Mainz. Etwa 40 Menschen sitzen an den ebenso alten, jeweils gut fünf Meter langen Holztischen. Auf den Tischplatten liegen normalerweise teilweise jahrhundertealte Bücher, in denen geforscht wird. An diesem Abend sind die Tische leer, die rund 40 Menschen warten auf den Beginn einer Lesung. Doch bevor es losgeht, ergreift Thomas Busch das Wort. Er ist Vorsitzender der Mainzer Bibliotheksgesellschaft, des Fördervereins der Bibliotheken der Stadt Mainz. Übers Saalmikro fordert er die Anwesenden auf, sich an einer Unterschriftenaktion zu beteiligen, um die Abwicklung der Mainzer Wissenschaftlichen Bibliothek zu verhindern:

"Wir haben insbesondere eine Onlinepetition gestartet und dort kann man elektronisch unterschreiben. Und das haben, ich habe vorhin noch mal gekuckt, da waren es 3800 und soviel Menschen, nicht nur in Mainz, sondern überall in Deutschland und teilweise auch in der Welt, die irgendwie einen Bezug zu Mainz und zu dieser Stadtbibliothek haben."

Eine Bibliothek, die zu den traditionsreichsten und größten kommunalen Bibliotheken des Landes gehört. Sie geht auf das Jahr 1477 zurück, als die Mainzer Universität gegründet wurde. Die ersten Bücher der Bibliothek wurden in einem der beiden Mainzer Stadthäuser aufgestellt, in denen der Erfinder des Buchdrucks Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, geboren und wenige Jahre zuvor gestorben war. Knapp drei Jahrhunderte später leitete der Naturforscher und deutsche Jakobiner Georg Forster im revolutionären Mainz des ausgehenden 18. Jahrhunderts die Bibliothek. Für Thomas Busch ist sie so etwas wie das Gedächtnis der Stadt:

"Das fängt ja, wie es immer heißt, mit dem größten Sohn der Stadt, Gutenberg, an und wir nennen uns Gutenberg-Stadt und in diesem Jahr sind wir auch ausgerechnet Stadt der Wissenschaft. Und in beiden Fällen widerspricht es eklatant, ausgerechnet die Stadtbibliothek, die der Hort dieser beiden Bezeichnungen ist, schließen zu wollen und das hat uns doch sehr motiviert, diese Unterschriftenaktion im Internet zu starten."

Für die wertvollen Bestände aus vielen Jahrhunderten wurde vor knapp 100 Jahren in der Nähe des Rheinufers das Jugendstilgebäude errichtet, in dem die Bibliothek bis heute beheimatet ist. Die in der hoch verschuldeten Stadt Mainz regierende Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP überlegt nun, das Gebäude zu verkaufen und die Bestände woanders unterzubringen. Gespräche haben auch mit der Uni Mainz stattgefunden, bisher noch ohne handgreifliches Ergebnis, so Oliver Sucher, SPD-Fraktionschef im Mainzer Stadtrat:

"Wir wissen noch nicht, ob es zu einem Umzug kommen wird. Dazu wollen wir noch mal Prüfungen vorlegen. Wir haben dort natürlich ein tolles Gebäude, aber dieses tolle Gebäude hat auch einen Sanierungsstau, zu dem wir keine Antwort im Moment haben, wie wir das bezahlen können."

Beschlossen ist aber bereits, 20 der bisher noch rund 30 Stellen der Wissenschaftlichen Bibliothek in den nächsten Jahren zu streichen. Damit ist klar: Der Umfang der Dienstleistungen wird künftig massiv eingeschränkt werden müssen. Thomas Busch von der Mainzer Bibliotheksgesellschaft:

"Was uns natürlich sehr schmerzt, dass in dem Rahmen des neuen Konzeptes erhebliche Stellenreduzierungen zu verzeichnen sein werden und damit einhergehend eine Reduzierung der Dienstleistungen der Stadtbibliothek. Das wird sicher noch ein sehr schmerzlicher Prozess werden."

Ein Prozess, der aus der Sicht der Mainzer Politik jedoch unvermeidlich ist. Die Stadt musste in den vergangenen Jahren mit mehr als 100 Millionen Euro die kommunale Wohnungsbaugesellschaft "Wohnbau" retten, die durch Misswirtschaft und politischen Klüngel in den Ruin getrieben wurde. Nun ist Mainz pleite – und das Bucherbe aus dem Hause Gutenberg gerät in Gefahr.

Thomas Busch tröstet sich zurzeit ein wenig damit, dass die Bibliotheksbestände "bis auf Weiteres" erst einmal am jetzigen Standort zusammenbleiben. Auch wenn nicht klar ist, in welchem Umfang die Bücher künftig noch für die Forschung zugänglich sein werden:

"Also, es war ja mal ein Szenario, dass praktisch dann hier nur noch ein Geisterhaus steht. Das ist nun vom Tisch, aber im Endeffekt wird das eine deutliche Reduzierung werden."

Links:

Mainzer Bibliotheksgesellschaft
Bibliothek in Not



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.