Russische Dissidentin Jelena Bonner ist tot

Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow starb in Boston

Von Robert Baag

Jelena Bonner im Jahr 1989 (picture alliance / dpa / Photoreporters)
Jelena Bonner im Jahr 1989 (picture alliance / dpa / Photoreporters)

Im Alter von 88 Jahren ist die russische Dissidentin Jelena Bonner in ihrem Haus in Boston gestorben. Die Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow galt als Kritikerin des Sowjetsystems und später auch von Ex-Präsident Wladimir Putin.

Die Veteranen der einstigen sowjetischen Dissidenten- und heute immer noch aktiven russischen Menschenrechtler-Szene zeigten sich in ersten Reaktionen erschüttert, als am morgen die Nachricht vom Tod Jelena Bonners im die Runde machte. Lew Ponomarjov, langjähriger Mitstreiter Bonners, würdigte stellvertretend ihre Rolle in der Geschichte der sowjetisch-russischen Oppositionsbewegung:

"Jelena Georgievna hat sich sehr in der Menschenrechts-Bewegung in Russland engagiert. Sie war eine derjenigen, die unsere Ideologie maßgeblich formuliert hat, schon vor den Zeiten Putins, unter Präsident Jelzin, aber auch noch nach Putin."

Bis kurz nach dem Einmarsch von Warschauer-Pakt-Einheiten im August 1968 in die damalige Tschechoslowakei unter dem Oberkommando der Sowjetarmee, ist die gelernte Kinderärztin und im Zweiten Weltkrieg verwundete Armee-Sanitäterin fast das Muster einer Sowjetbürgerin, die Mitgliedschaft in der KPdSU, der Kommunistischen Partei, eingeschlossen. Doch das gewaltsame Ende des "Prager Frühlings" ebnet ihr den Weg in die Reihen der damals vom Geheimdienst KGB bald unerbittlich verfolgten Dissidenten. Ihr Parteibuch gibt sie zurück. Ein kühner Schritt zu damaligen Zeiten.

1974 gründet sie einen Hilfsfonds für die Kinder von politischen Gefangenen. Für ihren Ehemann, den Atomwissenschaftler Andrej Sacharow, nimmt sie 1975 in Oslo den Friedens-Nobelpreis entgegen. Sacharow selbst, von vielen als Ikone der Dissidenten-Bewegung bezeichnet, hatten die kommunistischen Machthaber die Ausreise zur Preisverleihung verboten. Zusammen mit Andrej Sacharow geht Jelena Bonner zu Beginn der achtziger Jahre in die Verbannung nach Gorkij, das heute wieder seinen alten Namen Nizhnyj Novgorod trägt. Erst in der Amtszeit von KPdSU-Chef Michail Gorbatschov, nach 1987, darf das Ehepaar wieder nach Moskau zurückkehren.

Mitglied in der "Menschenrechts-Kommission" von Präsident Boris Jelzin bleibt sie allerdings auch nicht lange. Aus Protest gegen den ersten Tschetschenien-Krieg verlässt sie dieses Gremium am 28. Dezember 1994 - sofort, nachdem russische Truppen in die Nordkaukasus-Republik einzurücken beginnen. Mittlerweile Witwe zieht sie nun zu ihren Kindern in die Vereinigten Staaten, meldet sich von dort aber immer wieder zu politischen Vorgängen in Russland zu Wort, nicht zuletzt auch als scharfe Kritikerin am Regierungs-Kurs und Herrschafts-Stil von Präsident Vladimir Putin. - Lev Ponomarjov:

"Ihre Stimme war immer sehr deutlich vernehmbar - auch nachdem sie in die USA übergesiedelt war und sich nicht mehr aktiv beteiligen konnte, weil sie zu oft zu krank gewesen ist. Auf ihre Meinung haben wir immer gehört und sie in unsere Handlungen und Stellungnahmen mit einbezogen."

Jelena Bonner starb nach Angaben ihrer Angehörigen in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren in der amerikanischen Ostküsten-Metropole Boston, berichten Agenturen. Sie habe verfügt dass ihre Urne im Familiengrab in Moskau beigesetzt werden soll.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr