Russland könnte Drehscheibe für Afghanistan-Abzug werden

Verhandlungen über Umschlagplatz der NATO in Südrussland

Von Gesine Dornblüth

Angeblich verhandeln Amerikaner und Russen schon seit anderthalb Jahren über einen Umschlagplatz der NATO in Südrussland.  (AP)
Angeblich verhandeln Amerikaner und Russen schon seit anderthalb Jahren über einen Umschlagplatz der NATO in Südrussland. (AP)

Nach allen Querelen zwischen Russland und der NATO erstaunt eine Nachricht: Russland will dem Militärbündnis offenbar einen Flughafen in Lenins Geburtsstadt Uljanowsk zur Verfügung stellen und so beim Abzug aus Afghanistan helfen. Doch viele Russen sehen die Pläne skeptisch.

Angeblich verhandeln Amerikaner und Russen schon seit anderthalb Jahren über einen Umschlagplatz der NATO in Südrussland. Die Pläne sind aber erst jetzt bekannt geworden. Es geht um den Flughafen von Uljanowsk, einer Industriestadt an der Wolga. Experten der NATO haben das Gelände im Herbst inspiziert – und für gut befunden, um von dort die ISAF-Truppen in Afghanistan zu versorgen. Wenn sich das westliche Bündnis aus der Krisenregion zurückzieht, muss auch eine Menge Gerät abtransportiert werden.

Viele Russen sehen die Pläne skeptisch. Zumal in Uljanowsk. Dort wurde Lenin geboren, die Stadt gilt als Hochburg der Kommunisten, und die sind traditionell amerikafeindlich. Es gab bereits Proteste. Nairi Tschatinjan ist Mitglied in der Kommunistischen Partei von Uljanowsk und kann sich amerikanische Soldaten in seiner Heimatstadt überhaupt nicht vorstellen.

"Russland ist der strategische Feind der NATO. Das sind zwei konkurrierende Blöcke. Uns wurde versprochen, dass die NATO nicht nach Osten erweitert wird, doch genau das ist eingetreten. Die NATO steht im Baltikum. Wir haben darum gebeten, den Raketenabwehrschirm nicht in Europa zu errichten, aber er rückt immer näher an unsere Grenzen heran. Im Süden haben wir die Türkei, ein NATO-Mitglied, und Georgien, das in die NATO will ... Die NATO kreist Russland von allen Seiten ein. Unserem strategischen Feind einen Korridor zur Verfügung zu stellen, und das auch noch in Uljanowsk, wäre ein unverzeihlicher Fehler."

Auch Militärexperten spucken Gift und Galle. Leonid Iwaschow, Präsident der Akademie für geopolitische Probleme, in Moskau:

"Die NATO ist ein aggressiver militärischer Block. In Afghanistan sind die Taliban und viele Zivilisten bereit, gegen die USA und die NATO aufzustehen. Wenn Russland der NATO erlaubt, ihre Truppen von Russland aus zu versorgen, werden wir zum Verbündeten der USA und der NATO – und zum Feind der islamischen Welt. Das können wir nicht brauchen."

Die Kommunisten machten die Pläne für Uljanowsk bereits zum Thema im Parlament. Die Regierung bemüht sich, die Wogen zu glätten. Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow schrieb in einem Brief an den Sicherheitsausschuss der Duma, ein Umschlagplatz in Uljanowsk gefährde die nationale Sicherheit Russlands keineswegs. Und Vizepremier Dmitrij Rogozin erklärte, in Uljanowsk würden keine Waffen, sondern nur harmlose Dinge wie Mineralwasser, Servietten, Zelte und Ähnliches verladen. "Ich glaube nicht, dass der Transit von Toilettenpapier der NATO über russisches Gebiet Heimatverrat ist", so Rogozin wörtlich.

Der russischen Regierung geht es zunächst einmal ums Geld. Die NATO will in Uljanowsk Güter von der Schiene in Transportflugzeuge umladen und anders herum. Dafür würde Russland Transitgebühren kassieren. Der Gouverneur von Uljanowsk hofft auf Arbeitsplätze. Und darauf, dass der Flughafen renoviert wird.

Doch Geld allein ist es nicht. Die russische Regierung wettert zwar bei jeder Gelegenheit gegen die NATO, im Antiterrorkampf jedoch macht sie eine Ausnahme. Es sei im Interesse Russlands, dass die NATO in Afghanistan effektiv arbeiten könne, sagte Außenminister Lawrow in der Duma. Der russische Militärexperte Viktor Litovkin erläutert:

"Wir sind Partner im Kampf gegen den Terrorismus. Die amerikanischen Soldaten sterben dort auch für uns. Wenn sie abziehen, dringen El Kaida und Taliban bis nach Zentralasien vor. Es gibt eine Menge gemeinsame Bedrohungen: Terrorismus, Drogen, religiöser Extremismus und vieles mehr. In diesen Bereichen müssen wir zusammenarbeiten. Zu behaupten, die NATO kreise Russland ein, ist pure Demagogie."

Eine Demagogie, vor der Putin im Wahlkampf nicht zurückschreckte.
Noch befasst sich die russische Regierung mit den Plänen für Uljanowsk. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr