Schätze in Gefahr: Auf dem Teppich in den Himmel

Die mittelalterlichen Grabtextilien aus den Kaiser- und Königsgräbern im Dom zu Speyer

Von Christoph Gehring

Es war im August des Jahres 1900, als ein Dutzend Herren im Namen der Wissenschaft zur Störung der Totenruhe schritt: Sie öffneten die Kaisergräber im Dom zu Speyer und entnahmen ihnen, was darin zu finden war: die Gebeine von Konrad II. und seiner Nachfahren, Grabbeigaben, Schmuck, Textilien. Die Skelette der Salierkaiser wurden sechs Jahre später eingesegnet und in neuen Steinsärgen in der Familiengruft wiederbestattet. Und alles andere kam ins Museum.

"Dann hat man die Sachen erst mal erhalten, sprich: Versucht, die Sachen in Kartons, Kartonagen, manchmal auch nicht vernünftigen – also, aus heutiger Sicht nicht vernünftigen – Materialien zu archivieren. Da sind schon die ersten Schäden aufgetreten, dadurch haben wir jetzt eine ganze Menge Fragmente, die wir im Rahmen dieses Projekts auch erst mal wieder und näher anschauen wollen: Was haben wir da eigentlich? Das sind im Grunde genommen Krümel."

Aus einigen der Krümel, die der Restaurator Lucius Alsen da beschreibt, wurden im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wieder museumstaugliche Ausstellungsstücke, fragile Zeugnisse vom Leben vielmehr vom Sterben des untergegangenen Saliergeschlechts, zusammengesetzt aus den winzigen Originalfragmenten, aus neuzeitlichen Träger- und Ergänzungsstoffen und aus der Fantasie der Restauratoren:

"Da wird geguckt, was passt zusammen? Da verbergen sich Muster drin, wie passen die zusammen? Manches passt nicht mehr zusammen – dann setzt man’s halt irgendwo in die Mitte. Ja, und dann, wenn man genug Erkenntnisse gewonnen hat, macht man sich eine Zeichnung. Dass das ein Umhang ist, war relativ klar zu ersehen, man kennt ja Vorbilder aus salischer Zeit, ob das jetzt irgendwelche Reliefs sind oder Malerei oder Ähnliches, da können wir nix falsch machen."

Allerdings macht ein Restaurator immer nur aus der Sicht seiner Zeit alles richtig. Die nachkommenden Kollegen sehen das meistens etwas anders, zum Beispiel der oberste Herr über die Grabbefunde aus der Saliergruft, der Direktor des Historischen Museums der Pfalz, Alexander Koch:

"Zum einen um 1900 hat man natürlich versucht, diese Dinge zu festigen. Dann in den 50er-Jahren. Und man hat natürlich aus heutiger Sicht dabei mehr zerstört als bewahrt."

Denn die Stoff- und Leder- und Metallreste aus der Saliergruft, deren Wert sich mit Geld gar nicht beschreiben lässt, wurden von den früheren Restauratoren und Konservatoren mit Tinkturen durchtränkt, auf neuzeitliche Stützmaterialien aufgeklebt, zwischen Glasscheiben gepresst oder gleich komplett in durchsichtiges Kunstharz eingegossen. Sie wussten damals eben nicht besser, wie solche unwiederbringlichen Schätze erhalten werden können. Und was nicht bei früheren Konservierungsversuchen gelitten hat, litt im Depot des Museums und schimmelte still vor sich hin. Museumsdirektor Koch leidet heute noch mit:

"Seidendurchwirkte, golddurchwirkte Stoffe, Wolle, Seide, Leinentextilien. Sie sehen die Ornamentik auch figürlicher Natur. Hochsensible Materialien, keine Allerweltstextilien, sondern sehr kostbare Stoffe. Sie sehen aber auch den katastrophalen Zustand."

Den sieht der Laie möglicherweise nicht, weil sich der Laie nicht recht vorstellen kann, wie Textil- und Lederreste nach fast 1.000 Jahren aussehen sollten, wenn nicht ausgeblichen, stockfleckig und morsch. Der Restaurator Lucius Alsen hingegen kann sich das vorstellen:

"Das war damals bunte Stickerei. Man ahnt es noch. Gerade die Muster, die man sieht, die jetzt alle gelitten haben dadurch, dass man sie damals falsch präsentiert hat. Also sie sind verblichen, ausgedunkelt, nachgedunkelt im Grabinventar."

Um zu korrigieren, was sich vielleicht noch korrigieren lässt, und um die vielen nicht konservierten Asservate aus dem Depot, die noch nie der Öffentlichkeit gezeigt wurden, haltbar und vorzeigbar zu machen, braucht das Historische Museum der Pfalz Geld – Geld, das es jetzt von der Kulturstiftung des Bundes bekommt. Für zunächst einmal drei Jahre ist die Arbeit an dem Projekt "Grabtextilien" gesichert, bei dem die Restauratoren hoffen, neue Wege zu entdecken, wie sich der Verfall des Bestehenden bremsen lässt und die Fehler der Vergangenheit rückgängig gemacht werden können. Da ist zum Beispiel dieser Rest eines Lederschuhs, den sie vor hundert Jahren aus der Saliergruft geborgen und dann auf das Kunststoffmodell eines Fußes geklebt haben.

"Kleben ist natürlich immer eine sehr unangenehme Sache, gerade weil die Klebstoffe dann in die Textilien eindringen, in die Fasern, und damit sie dann auch unrettbar zerstören. Wir wollen versuchen, uns mittels dieses Projektes auch Grundlagen zu erarbeiten dahin gehend, diese Dinge auch wieder entfernen zu können. Wir suchen einfach Methoden uns anzueignen, die geeignet sind, die Reversibilität wieder herzustellen."

Noch planen sie im Historischen Museum der Pfalz, im Schatten des Doms zu Speyer, wie sie die Sache in den nächsten drei Jahren angehen wollen. Und der Museumsdirektor Alexander Koch denkt schon weiter: Das Projekt zur Rettung der Speyerer Kaisergruftbefunde soll, wenn es nach ihm geht, auf lange Sicht die Keimzelle eines großen geschichtswissenschaftlichen Wurfs werden.

"Fernziel ist ein sehr großes Verbundprojekt, was uns vorschwebt. Denn es gibt natürlich auch in anderen Städten, anderen europäischen Ländern solche herausragenden Gräber, Kaiser- und Königsgräber. Und wenn man dann in der Lage ist, diese Dinge miteinander zu vergleichen, dann gibt dies klare Vorstellungen von den kulturellen Kontakten, von den Fernbeziehungen, von den Möglichkeiten der Ausstattung solcher Gräber im 11. und 12. Jahrhundert. Und das unter Einbeziehung der archäologischen Relikte, das wird sicherlich auch zu einer neuen Bewertung dieser salischen Kaisergräber kommen können. Und das ist dann etwas, das kulturgeschichtlich, überhaupt allgemeinhistorisch von doch sehr großer Bedeutung ist."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr