Schätze in Gefahr: Heiliges auf Holz

Die Rettung frühitalienischer Tafelbilder von Pietro Perugino und anderen im Lindenau-Museum Altenburg

Von Ulrike Greim

Bernhard August von Lindenau hat frühe italienische Tafelbilder gesammelt. In dem nach ihm benannten Museum im thüringischen Altenburg sind sie nun zu sehen. Doch viele der Gemälde befinden sich in einem prekären konservatorischen Zustand.

Es ist, als betrete man eine Schatzkammer. An den samtroten Wänden hängen goldene und geheimnisvoll strahlende Gemälde. Heilige, biblische Szenen, Porträts. Es sind nur einige wenige Ausstellungsräume. Aber sie haben Magie. Bernhard August von Lindenau hat frühe italienische Tafelbilder gesammelt. Hier, in dem nach ihm benannten Museum im thüringischen Altenburg, sind sie nun zu sehen. Sammlungsschwerpunkt: Italien vor der Hochrenaissance. Jutta Penndorf leitet das Lindenau-Museum.

"Er hat ganz systematisch versucht, die wichtigsten Schulen zusammen zu tragen. Das ist Siena, Florenz, und dann eben die umbrischen Schulen, die mittelitalienischen Schulen besser gesagt, und dann noch Beispiele aus dem Norden und Süden. Die Schwerpunkte liegen bei Florenz, Siena und Umbrien."

Umbrische Malerei kennt das Grelle nicht. Zurückhaltende Farben, Gesichter mit sparsamer Mimik. Reiche Symbolik. 27 umbrische Tafeln gehören zur Sammlung. Zwei Tafeln eines Hochaltars aus Florenz, vermutlich von Pietro Perugino, Luca Signorrelis fünf Altartafeln und, von besonderer kulturhistorischer Bedeutung, acht Holztafeln, die bisher dem Maler Michelangelo di Lucca zugeschrieben wurden, womöglich aber aus einer Werkstatt aus dem Umkreis des Giovanni Battista Bertucci il Vecchio stammen. Was schon andeutet: Kunsthistoriker haben hier noch ein weites Feld zu erforschen. Aber nicht nur sie, auch die Restauratoren. Denn die Gemälde befinden sich zum überwiegenden Teil in einem prekären konservatorischen Zustand.

Bei den Holztafeln handelt es sich um "Grotesken". Sie können derzeit nicht ausgestellt werden und hängen im Depot.

"Es wird jetzt ein bisschen eng. Auf dieser Seite hängen zwei Tafeln, die jetzt in einem Arbeitsrahmen hängen und jetzt in dem Zustand sind nach der ersten Bearbeitungsphase."

Johannes Schaefer, freier Restaurator - einen hauseigenen kann sich das zwar bedeutende, aber chronisch unterfinanzierte Haus nicht leisten - zeigt die seltenen Stücke. Sie sind 500 Jahre alt.

"Es gab Schäden im Holzbildträger, offene Leimfugen, es gab Abplatzungen, Abhebungen in der Malschicht, und sehr dicke, vergilbte, verdunkelnde Firnisschichten, farbveränderte Retuschen, die das Gesamterscheinungsbild dieser Tafeln verunklart haben."

Was sind das für Gemälde, fragt die Museumschefin: Fragmente einer Kassettendecke? Oder Teile einer Wanddekoration? Oder die Einhausung eines Bettes? Leider hat ihr Haus auch keinen eigenen Kunsthistoriker. Dank des KUR-Programmes der Kulturstiftung von Bund und Ländern hilft eine Expertin auf dem Gebiet der Groteskenmalerei. Sie puzzelt die Teile zusammen. Eines davon zeigt Jutta Penndorf.

"Hier hängt an dem Gitter gerade ganz schön dieses "Soli Deo", also "einzig Gott". Darunter ist eine Maske, und diese Maske endet in Voluten und aus den Voluten entwickeln sich Gefäße, aus denen sich Figuren erheben. Also: zwei dieser Tugenden. Die eine, die linke, ist die Mäßigung und die rechte ist die Justitia."

Die Mäßigung lässt fast poetisch Wasser aus einem Gefäß in eine Weinkaraffe fließen. Merkwürdige Gesichter schauen zu. Pflanzen und Menschen verweben zu einem irrealen Traum. Zur Groteske eben. Das Lindenau-Museum konnte dank der Förderung eine Projektwerkstatt eröffnen: Sechs angehende Restauratorinnen, die derzeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und der Akademie für Bildende Künste Stuttgart studieren, arbeiteten gemeinsam mit dem Restaurator Johannes Schaefer und wurden durch ihre Professorin und ihren Professor betreut. Aufgabe: Die Grotesken schrittweise wieder herstellen. Denn sie wurden unsachgemäß in einen Rahmen genagelt und mit Querleisten verleimt.

"Die Rahmleisten und die rückseitig aufgeleimten Querleisten haben die Tafel am Arbeiten gehindert. Also: Holz quillt und schwindet bei Luftfeuchtigkeitsveränderung. Und diese Maßnahmen haben das eben behindert und deswegen kam es zu Einlaufrissen in der Holztafel, zur Öffnung von verleimten Fugen und das Ganze war sehr instabil."

In der ersten Projektwerkstatt wurden die Tafeln neu verleimt, was deutlich komplizierter ist, als es sich anhört, weil man viel über die Materialien und die Arbeitstechniken und ihre Langzeitwirkung wissen muss. In einer im Frühjahr folgenden Werkstattphase wird es darum gehen, die Farbschichten wieder zu komplettieren. Eine Gewinnsituation für alle Beteiligten nennt dies Jutta Penndorf.

"Das ist in der Tat eine sehr glückliche Situation, weil man hier ein Beispiel hat für ein komplexes Zusammengehen von auszubildenden jungen Restauratoren, von fertigen Restauratoren, von sehr erfahrenen Leuten und von Kunsthistorikern."

Ziel ist es, diese sieben Grotesken, wie auch die anderen acht frühitalienischen Gemälde der Öffentlichkeit angemessen präsentieren zu können. Nebst Ambiente. Dem Betrachter soll nämlich eine Ahnung davon gegeben werden, wie in Umbrien Räume gestaltet wurden, zu deren Dekoration die Grotesken dienten. Dieser Hauch Italien soll dann zu eigener Kreativität beflügeln, so wollte es Bernhard August von Lindenau. Sein Museum in Altenburg kann dazu bald einmal mehr Anregungen geben.

"Da sind Bilder vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis zum frühen 16. Jahrhundert, an denen man recht gut die italienische Kunstgeschichte studieren kann, auch einzelne Motive herausarbeiten kann - also die Entwicklung des Porträts von kleinen Stifterfigürchen bis zum voll ausgebildeten Porträt zum Beispiel. Und diese Sammlung bestimmt den internationalen Rang des Lindenau-Museums."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr