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Schwere Geburt

Zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana

Von Gerald Beyrodt

Auftakt zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana: Das Schofar (Widderhorn) wird geblasen. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Auftakt zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana: Das Schofar (Widderhorn) wird geblasen. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Sara kann sich kaum halten vor Lachen: Lange hat sie auf einen Sohn gewartet, in vorgerücktem Alter soll sie nun noch ein Kind bekommen – aus dem gar ein Volk werden soll: Das Volk Israel. Am Neujahrsfest Rosch Haschana lesen Juden die Geschichte von der Geburt des Isaaks, die Erzählung einer Situation, in der alles auf der Kippe steht.

Sara ist in einem Alter, in dem keine Frau mehr ein Kind bekommt. Doch genau das versprechen ihr drei Boten oder Engel Gottes. Innerhalb eines Jahres soll sie einen Sohn gebären. Sara hat in ihrem Leben schon viel gehört, doch diese Prophezeiung kommt ihr albern und absurd vor.

"Nun waren Awraham und Sara alt und betagt, und Sara hatte nicht mehr das Gewöhnliche wie andere Frauen. Da lachte Sara in ihrem ganzen Herzen und dachte: 'Nachdem ich alt bin, sollte ich wieder Lust haben. Und mein Herr ist auch alt.'"

Doch der Engel insistiert. In einem Jahr werde Sara ein Kind haben. Und warum sie lacht, will er wissen. Denn sollte so etwas wie eine späte Schwangerschaft bei Gott unmöglich sein? Sara bekommt es mit der Angst zu tun und leugnet rundheraus, gelacht zu haben.
Von Anfang an geht es bei der Frage nach der späten Schwangerschaft um die Macht Gottes - eines Gottes wohlgemerkt, den Abraham und Sara noch nicht sehr lange kennen. Und es geht um Vertrauen zu Gott. Können sich Menschen vorstellen, dass er dass Unmögliche möglich macht und ihr Leben in eine andere Bahn lenkt? Außerdem hängt von der Frage der späten Schwangerschaft die gesamte Mission des Abraham ab. Schließlich soll Abraham ein Volk gründen, das es noch nicht gibt: das Volk Israel. Diese Mission trägt Abraham sogar im Namen: Awraham, wie er im hebräischen Urtext heißt, bedeutet: Vater des Volkes.

Die hebräische Bibel wimmelt von Geschichten über Frauen, die keine Kinder bekommen können. Wert und Unwert der Frauen scheint von dieser Frage abzuhängen. Für die Bibel ist klar: Wenn keine Kinder kommen, liegt das an den Frauen. Rabbinerin Gail Diamond lehrt an der Conservative Yeshiva in Jerusalem - einer modernen Talmudschule für Männer und Frauen.

"Die Geschichten der hebräischen Bibel sind vom ersten Buch Mose an mit der Frage beschäftigt, wie die Folge der Generationen fortgesetzt werden kann. Abraham ist der erste, der die Frage stellt und der die Antwort erhält. Seine Nachkommen sollen so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Nachdem er dieses Versprechen erhält, stellt sich natürlich die Frage, wie es umgesetzt werden soll. Diese Grundspannung besteht von Anfang an."

In der Tat ist die Liste der unfruchtbaren Frauen in der Bibel lang: Avimelechs Frau, Rebekka, Rachel, Lea, die Mutter Samsons, Hanna, Michal, die Frau Davids - all sie können eine Zeitlang oder dauerhaft keine Kinder gebären. Oft ist Unfruchtbarkeit eine göttliche Strafe. Unfruchtbarkeit ist eine auch zentrale Metapher für Hoffnungslosigkeit - etwa bei Jesaja, Hoffnungslosigkeit wohlgemerkt, der Gott ein Ende setzt. Keine Kinder zu haben, wäre in einer Stammesgesellschaft eine Katastrophe.

"Der Segen des Feldes und der Segen der Gebärmutter, wie es im Buch Deuteronomium heißt, sind zentrale Werte. Die Menschen wollten Kinder und große Schaf- und Ziegenherden, sie wollen, dass alles wächst und gedeiht. Menschliche Fruchtbarkeit gehört in diesen Zusammenhang. Ich weiß nicht, ob wir uns heute in der Industrie- oder Informationsgesellschaft vorstellen können, was diese Werte in einer Gesellschaft bedeutet haben, die von Landwirtschaft lebte. Doch sie waren sehr wichtig, besonders wenn man bedenkt, wie viele Kinder früh starben."

Um Kinder zu bekommen, tun Frauen in der Bibel fast alles. Die Erzählungen sind so deftig, dass Seifenopern daneben fade wirken. Da beispielsweise Lots Töchter nach der Zerstörung von Sodom keinen Mann finden, vergreifen sie sich kurzerhand an ihrem Vater.

"Da sprach die Älteste zur Jüngsten. 'Unser Vater ist alt und kein Mann mehr im Land, der uns beiwohnen könnte nach der im ganzen Land üblichen Weise. Wohlan geben wir unserem Vater Wein zu trinken und legen uns zu ihm, dass wir von unserem Vater Söhne zur Welt bringen.' (...) Beide Töchter Lots wurden nach ihrem Vater schwanger."

Auch Sara setzt allerhand in Bewegung, um ein Kind zu bekommen. Sie lässt ihre Magd Hagar mit Abraham schlafen, damit sie einen Sohn bekommt. Offenbar soll die Magd als eine Art Leihmutter fungieren: Sie soll für Sara das Kind bekommen und der Familie nicht weiter zur Last fallen. Doch es kommt anders: Hagar gewinnt an Selbstbewusstsein, als sie merkt, dass sie im Gegensatz zu ihrer Herrin Kinder gebären kann.

"Da sprach Sarai zu Awram: 'Ich muss Unrecht erleiden durch dich. Ich habe meine Magd in deinen Schoß gelegt. Als sie sah, dass sie schwanger geworden war, wurde ich gering in ihren Augen. Der Ewige richte zwischen mir und dir.' Awram sprach hierauf: 'Deine Magd ist in deiner Gewalt. Tue, was dich gut dünkt.' Sarai demütigte sie hierauf, sodass sie fortlief."

Der hebräische Text wird noch deutlicher: Sara schlägt ihre Magd. Die flieht schwanger in die Wüste. Der Tod scheint ihr sicher. Doch Gott hat versprochen, für sie zu sorgen, und so erreicht sie eine Quelle. Schließlich gebiert Hagar ihren Sohn Ismael. Der wird anders als zunächst erwartet nicht der Stammhalter Abrahams, sondern Vater eines anderen Volkes, wie die Bibel sagt. Bis heute führen Muslime ihre Abstammung auf Ismael zurück.

Schließlich bekommt Sara einen eigenen Sohn: Isaak oder Jizchak. Warum solch verschachtelte Erzählungen, bevor ein Kind geboren wird? Warum müssen Abraham und Sara uralt sein? Warum muss zunächst die Magd schwanger werden? Und warum überhaupt das Motiv der Kinderlosigkeit? Die Bibel benutzt dieses Motiv als ein literarisches Mittel, das auftaucht, wenn wichtige Personen geboren werden. Gail Diamond:

"In der hebräischen Bibel und übrigens auch im Neuen Testament wird die Geburt einer wichtigen Figur häufig mit einer entsprechenden Erzählung eingeleitet. Moses ist ein sehr prägnantes Beispiel mit einer langen Geschichte noch vor seiner Geburt. Je schwieriger die Geburt, desto wichtiger die Figur. Das gilt auch für die Samson-Geschichte."

Gott kann in der Bibel das Schicksal der Unfruchtbarkeit beenden und demonstriert so seine Macht. Er kann bewirken, dass Sara einen Sohn bekommt, obwohl sie diese Idee selbst lächerlich findet und schon keine Menstruation mehr hat. Der verheißene Stammhalter kann nicht von einer anderen Frau geboren werden. Er muss Saras biologischer Sohn sein. So zeigt sich, dass Gott möglich macht, was nach Maßgabe der Vernunft schon nicht mehr möglich ist.

"Awraham nannte den Sohn, der ihm geboren worden war, den ihm nämlich Sara geboren hatte: 'Jizchak'. Da sprach Sara: 'Zum Lachen ist es, was Gott mir getan. Wer es hört, muss über mich lachen.'"

Der Sohn Isaak oder Jizchak trägt das Lachen sogar im Namen. Denn Jizchak bedeutet: "Er wird lachen." oder auch "Es ist zum Lachen."

In der Geschichte von der Geburt Isaaks stellt Gott die Vertrauensfrage. Damit passt sie in den Zyklus der Geschichten, die am Neujahrsfest Rosch Haschana vorgelesen werden: In der Prophetenlesung am ersten Tag von Rosch Haschana geht es um Hannah, die dafür betet, ein Kind zu bekommen.

"Wir hören auch hier die Geschichte eines Wunders. Es ist die Geschichte einer Figur, die Gott um etwas bittet und es dann bekommt."

Die Geschichten von schweren Geburten passen nur zu gut zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana. Denn an den Hohen Feiertagen, zu denen das Neujahrsfest gehört, geht es um Leben und Tod. Der traditionellen Vorstellung nach sitzt Gott über die Welt zu Gericht und entscheidet, wer im kommenden Jahr weiterleben darf. Die jüdische Version des Jüngsten Gerichts. Das Verhältnis zwischen Gott und Menschen steht an den Hohen Feiertagen auf der Kippe. Mal ist Gott in den Gebetstexten der Vater, also ganz nah, mal der König, als mächtig und fern, mal der Richter, der Ehrfurcht gebietet. Um Leben und Tod geht es auch in der biblischen Geschichte, die am zweiten Tag von Rosch Haschana vorgelesen wird - die Fortsetzung nach der schweren Geburt des Isaak:

"Da sprach Gott: 'Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, nämlich Jizchak. Gehe hin in das Land Morija und bringe ihn als Ganzopfer dar auf einem der Berge, den ich dir zeigen werde.'"

Alles Erreichte scheint in dieser Geschichte plötzlich null und nichtig zu sein. Der geliebte Sohn, der "einzige", wie er hier plötzlich genannt wird, soll sterben. Das Volk, das Gott Abraham versprochen hat, kann es ohne Sohn nicht geben. Abraham schickt sich jedoch an, den göttlichen Befehl auszuführen. Erst im letzten Moment hält ein Engel Gottes Abraham von seiner grausigen Tat ab. Abraham opfert statt seines Sohnes einen Widder, der sich zufällig im Gebüsch verfangen hat. Die Geschichte von der Bindung Isaaks auf den Altar lässt zahlreiche Deutungen zu. Eine von ihnen: Auch hier geht es um das Vertrauen, dass sich die furchtbare Situation noch ins Gute kehren wird.

"Die Geschichten handeln vom Vertrauen zu Gott und handeln von Überraschungen, davon, was die Zukunft bringt, und dass wir nicht wissen, was Gott von uns verlangen wird."

Die Geschichten an Rosh Haschana erzählen von Situationen, die auf der Kippe stehen, vom Gottvertrauen, das wahnsinnig wirkt und sich dennoch auszahlt. Sie erzählen von der Hoffnung, die am seidenen Faden hängt, und die sich dennoch erfüllt.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:58 Uhr