Schwere Verstöße in vier Transplantationszentren

Experten legen Prüfbericht zu Lebertransplantationen vor

Überprüft wurden die Jahre 2010 und 2011. (dpa / picture alliance / Universitätsklinikum Münster)
Überprüft wurden die Jahre 2010 und 2011. (dpa / picture alliance / Universitätsklinikum Münster)

Auch in der Uniklinik Münster hat es Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen gegeben, gab nun die Prüfungs- und Überwachungskommission bekannt. In einigen Kliniken habe es grenzwertige Fälle gegeben.

In vier deutschen Transplantationszentren sind Kontrolleure auf schwerwiegende und systematische Verstöße bei der Organvergabe gestoßen. Es handele sich neben den bereits bekannten Fällen in den Unikliniken Göttingen und Leipzig sowie in München Rechts der Isar auch um Fälle in Münster, erklärte die zuständige Prüfungs- und Überwachungskommission von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen. Demnach kam es zu 79 Verstößen in Göttingen, 76 in Leipzig, 38 in München sowie 25 in Münster.

Auch dort wurden Krankenakten offenbar systematisch manipuliert, wie unser Korrespondent Gerhard Schröder ausführt: "Laborwerte wurden verändert, damit Patienten kränker erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Damit rückten sie dann in den Wartelisten nach vorne, und hatten bessere Chance bei der Vergabe von Organen." Untersucht wurden die Jahre 2010 und 2011. In diesem Zeitraum gab es rund 2300 Lebertransplantationen, wobei die meisten den Experten zufolge ordnungsgemäß verlaufen sind.

In einer Stellungnahme wies das Uniklinikum Münster 16 Vorwürfe zurück, da in diesen Fällen die Richtlinien der Bundesärztekammer nicht eindeutig gewesen seien. Die Klinik hatte bereits im August die Staatsanwaltschaft informiert, nachdem es einen anonymen Hinweis auf angebliche Unregelmäßigkeiten gegeben hatte.

Auch grenzwertige Fälle

Neben den eindeutigen Fällen habe es in einigen Kliniken grenzwertige Fälle gegeben. Darunter fielen Bewertungs-, Flüchtigkeits- und Dokumentationsfehler, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder. Auch in den anderen Kliniken (insgesamt 24 Leberprogramme) wurden die Vorgänge in den Jahren 2010 und 2011 untersucht. Dabei wurden in 15 der 24 Leberzentren kleinere Verstöße festgestellt. Die Überprüfung der übrigen Organprogramme soll nun folgen. Insgesamt gibt es 47 Transplantationszentren in Deutschland.

Debatte um Gründe für die Manipulationen

Der Mangel an Organen sei der eigentliche Auslöser für die Skandale um manipulierte Organspendedaten im vergangenen Jahr, sagte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn im Deutschlandfunk. Daher müsse die Bevölkerung weiter über Organspenden aufgeklärt und das Vertrauen wieder zurückgewonnen werden.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sieht auch im Wettbewerb der Kliniken und im Streben nach Ruhm und Ehre ein Problem. Der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, unterstrich, dass die große Mehrzahl der Zentren richtlinienkonform arbeite. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte: "Es gibt keine Belege oder Hinweise, dass Ärzte gegen Bezahlung von Patienten hier etwas gemacht haben." Man könne jedoch nicht neben jeden Arzt einen Staatsbeamten setzen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte dagegen hauptamtliche und unabhängige Prüfer im Auftrag des Staates.

Arzt wegen versuchten Totschlags angeklagt

In Göttingen läuft derzeit ein Prozess gegen den früheren Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin. Laut Anklage sollen Leberpatienten an die Vergabestelle Eurotransplant fälschlich auch als dialysepflichtig gemeldet worden sein. Auf diese Weise hätten sie schneller Spenderorgane erhalten, als es ihnen nach den Richtlinien zustand. Andere Patienten seien deshalb möglicherweise gestorben. Der Arzt ist unter anderem wegen versuchten Totschlags in elf Fällen angeklagt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte einen Organspendebeauftragten des Bundestags. "Wir brauchen einen neutralen Transplantationsbeauftragten, der Ansprechpartner ist für Patienten, Selbsthilfegruppen, Kliniken und Klinikpersonal", sagte Lauterbach der "Rheinischen Post". Grundsätzlich hätten sich die Verfahren für Organspenden im vergangenen Jahr deutlich verbessert, so der SPD-Politiker. Sie seien "viel transparenter" geworden und würden besser kontrolliert. Nun müsse der Ruf für die Organspende wieder hergestellt werden.

Mehr als 11.000 Organe benötigt

Derzeit benötigen mehr als 11.000 Menschen in Deutschland dringend ein Spenderorgan. Die Zahl der Organspender liegt im ersten Halbjahr 2013 allerdings auf dem niedrigsten Niveau seit mehr als zehn Jahren. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation haben von Januar bis Juni 459 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet. In den Vorjahren lagen die Zahlen im gleichen Zeitraum deutlich höher, zwischen 550 und knapp 700.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr