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Schwere Zerstörungen nach Erdbeben in Japan

Tsunamiwarnung für große Teile des Pazifiks

Nach dem Erdbeben ist der Flughafen von Sendai durch eine Tsunamiwelle am  überschwemmt worden. (AP)
Nach dem Erdbeben ist der Flughafen von Sendai durch eine Tsunamiwelle am überschwemmt worden. (AP)

In großen Teilen Japans hat am Freitag die Erde gebebt, das Epizentrum lag 400 Kilometer von Tokio entfernt. Der Erdstoß löste eine Tsunamiwelle aus. Die Zahl der Toten könnte laut Behördenangabe über Tausend liegen.

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Die Hafenstadt Sendai traf eine Tsunamiwelle in einer Höhe von bis zu zehn Metern. Die Wassermassen rissen Menschen, Häuser, Autos und Bäume mit sich, die Welle fraß sich bis zu zehn Kilometer weit ins Land hinein. Etwa 200 Leichen fand die Polizei in Sendai. Hunderte werden noch vermisst. Die Zahl der Toten könnte laut Behördenangabe bei über Tausend liegen. Die japanische Regierung hat einen Krisenstab gebildet und gibt stündlich neue Informationen heraus. Für die Hilfskräfte ist es derzeit noch schwer, die Lage zu überblicken. An bis zu 50 Orten im Land haben sich Brände entfacht, berichten japanische Medien. Rund vier Millionen Haushalte im Großraum Tokio haben keinen Strom, in der Nähe der Hauptstadt standen Ölraffinerien in Flammen. Für große Teile des Pazifiks gilt eine Tsunamiwarnung. Hawaii und die US-Westküste wurden schon von Wellen getroffen.

Angst vor Atomunfall

Das Feuer in der Turbinenhalle des Atomkraftwerks Onagawa konnte gelöscht werden. Nach Angaben der Behörden ist keine radioaktive Strahlung ausgetreten. Es hielten sich aber Gerüchte, nach denen dies der Fall sein soll, berichtet Korrespondentin Nicola Glass im Deutschlandfunk (MP3-Audio). In einem Atomkraftwerk in Fukushima fiel das Kühlwassersystem aus, weil sowohl die Notfallpumpen, als auch die Notstromaggregate nicht funktionierten. Das Leck konnte noch immer nicht geschlossen werden, teilte ein Sprecher der japanischen Atomaufsuchtsbehörde mit. Der Kühlwasserspiegel sinke weiter. Für das Gebiet rund um das Kraftwerk haben die Behörden deshalb den nuklearen Notstand ausgerufen. Etwa 3000 Anwohner mussten ihre Häuser verlassen. Die Angst vor einem atomaren Zwischenfall wächst. Insgesamt gibt es elf Kernkraftwerke im Nordosten Japans.

Das Atomkraftwerk Fukushima 1 in Okuma, Fukushima-Präfektur, im Jahr 2008. Beim Großbeben vom 11.3.2011 fiel der Kühlkreislauf aus, die Umgebung wurde evakuiert. (AP)Das Atomkraftwerk Fukushima im Jahr 2008. (AP)Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, vier Kraftwerke in der Nähe des Erdbebengebietes seien aus Sicherheitsgründen erfolgreich abgeschaltet worden und man bemühe sich um weitere Informationen. Japans Regierungschef Naoto Kan hatte zuvor erklärt, dass bei keiner der Atomanlagen des Landes nach dem Beben ein Austritt von nuklearem Material festgestellt worden sei. Laut Vermutung von Sven Dokter, Pressesprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln, könnte es zu "geringeren Freisetzungen von radioaktiven Stoffen kommen".

Der Münchener Strahlenschutzexperte Edmund Lengfelder blickt mit größter Sorge nach Japan. Ein Turbinenausfall im Atomkraftwerk Onagawa sei eine "außergewöhnlich starke Bedrohung", sagte Lengfelder im Deutschlandfunk.

Menschen kauern unter Tischen

Wie sie das Erdbeben erlebt hat, schildert Ines Karschöldgen vom Japanischen Fernsehsender NHK im Deutschlandfunk (MP3-Audio):

"Jemand hat mich unter den Tisch gezogen, weil das Beben recht stark war. Mein erster Gedanke war eigentlich, direkt aus dem Gebäude rauszulaufen, aber dazu war eigentlich keine Zeit mehr. Das Beben war extrem stark, Stärke 8,8, und da blieb gar keine Zeit. Es hat vor allen Dingen auch sehr lange gedauert, das waren drei Minuten. Das ist das stärkste Beben, das ich je in Japan erlebt habe, ich bin jetzt sieben Jahre hier, und auch meine Kollegen haben mir gesagt, in der Stärke hat noch nie jemand etwas erlebt. Zum ersten Mal habe ich auch bei meinen japanischen Kollegen gemerkt, dass sie sehr verschreckt waren, was sonst eigentlich nicht so der Fall ist. Sie sind eher daran gewöhnt an Erdbeben."

Die Journalistin berichtet von vielen Nachbeben, die Tokio auch Stunden nach dem schweren Erdbeben noch erschüttern. Am Freitagabend meldete der Fernsehsender NHK im Norden Japans ein weiteres schweres Beben mit einer Stärke von 6,6.

Mit Handyvideos haben Augenzeugen in Japan das Erdbeben und seine Folgen aufgezeichnet und per YouTube-Kanal ins Internet gestellt unter Youtube - Citizentube.

Tsunamistrudel vor dem Hafen von Oarai nach dem schweren Erdbeben in Japan am 11.3.2011 (AP)Tsunamistrudel vor dem Hafen von Oarai. (AP)Am Mittag meldeten russische Nachrichtenagenturen, dass auf der russischen Insel Kunaschir, eine der Hauptinseln der Süd-Korilen (die Korilen sind eine Inselgruppe auf der Grenze vom Pazifik zum Ochotskischen Meer und gehören zu Russland), eine drei Meter hohe Flutwelle gemessen worden sei (MP3-Audio). Weder auf Kunaschir, noch auf der russischen Halbinsel Kamtschatka seien Todesopfer oder Verletzte zu beklagen, meldet Korrespondent Robert Baag in der Ortszeit im Deutschlandradio Kultur.

Auf der Webseite des japanischen Nationalen Hörfunks NHK hieß es, dass Flutwellen von vier Metern Höhe in der Region Miyagi anlandeten. Bewohner wurden aufgefordert, unverzüglich höher gelegene Regionen aufzusuchen. NHK meldet, in Miyagi habe das Beben eine Stärke von 7 auf der japanischen Skala gehabt.

Obwohl das Beben in Japan zu den stärksten bisher registrierten Erdbeben zählt, rechnet der Seismologe Rainer Kind nicht mit so verheerenden Auswirkungen wie beim Sumatra-Seebeben 2004. Japan habe gut ausgebaute Warnsysteme, sagte Kind im Deutschlandfunk.

Deutsche Politiker sprechen ihre Anteilnahme aus

Bei den deutschen Politikern in Berlin herrschte große Bestürzung über die Katastrophe. Bundespräsident Christian Wulff spricht Kaiser Akihito seine Anteilnahme aus, Bundestagspräsident Norbert Lammert sein Mitgefühl im Namen des Parlaments und Kanzlerin Angela Merkel kondoliert dem japanischen Ministerpräsidenten, berichtet Mario Dobovisek im DLF (MP3-Audio). Seien Sie versichert, schrieb sie in ihrem Telegramm, dass Deutschland in diesen tragischen Stunden an der Seite Japans stehe und zur Hilfe bereit sei. Hilfe kündigt auch Außenminister Guido Westerwelle an. Mit Bergungsgerät und Suchhunden sollen am Samstag 40 Experten des Technischen Hilfswerks nach Japan aufbrechen. Auch die USA sagte ihre Hilfe zu.

Japans Parlamentarier erlebten das Beben am eigenen Leib, als das Parlamentsgebäude in Tokio erschüttert wurde. Kan rief Katastrophenalarm aus und beorderte das Militär zur Unterstützung. Der Flughafen in Tokio wurde geschlossen.

Bildergalerie zum Beben in Japan

Wie werden Erdbeben gemessen, wie entstehen sie, was kann gegen Tsunamis getan werden?

Notrufnummern und Informationen

Die Tsunami-Warnung gilt inzwischen auch für Taiwan, Indonesien sowie die Philippinen und Russland. Die Deutsche Botschaft in Tokio hat auf ihrer Webseite einen Warnhinweis platziert. Zudem bietet sie Notrufnummern an: Telefonnummer +81 3 5791 7700 und E-Mail-Adresse: info@tokyo.diplo.de. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt in Berlin hilft rund um die Uhr unter +49 30 5000 3000. Die Metereologische Gesellschaft Japans bietet einen Tsunami-Warndienst für Japan an.

DRadio Wissen widmet sich ebenfalls ausführlich dem großen Beben in Japan.

Programmhinweis: DLF, DKultur und DRadio Wissen berichten ausführlich in ihren Nachrichtensendungen über die weitere Entwicklung in Japan in den folgenden Sendungen:
Nachrichten
Ortszeit Audios
Informationen am Mittag
Informationen am Abend
Hintergrund
Forschung Aktuell
Wissenschaft und Technik
Fazit

Audios zum Erdbeben in Japan:
Erdbeben in Japan - Ortszeit am Mittag
Erdbeben Stand 12:10 Uhr - Informationen am Mittag
Erdbeben in Japan Stand 10:00 Uhr - Deutschlandfunk aktuell
Erdbeben in Japan Stand 7:54 Uhr

Ausgewählte Beiträge der Wissenschaftsredaktion zum Thema Erdbeben:

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Üben, üben, üben - Wie Erdbebenfrühwarnung der Bevölkerung nutzen kann
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Der Tag davor - Die Metropole Los Angeles baut für das große Beben
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Letzte Änderung: 07.03.2016 16:23 Uhr