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Staatsstreich in Ägypten

Armee setzt Präsidenten ab und Verfassung außer Kraft

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo (picture alliance / dpa / APA Images / Ahmed Asad)
Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo (picture alliance / dpa / APA Images / Ahmed Asad)

Das ägyptische Militär hat den umstrittenen Präsidenten Mohammed Mursi gestürzt und eine Übergangsregierung eingesetzt. Armeechef al-Sissi kündigte an, dass es Neuwahlen geben soll. Die Freude zehntausender Ägypter in Kairo kannte keine Grenzen.

Die Ära des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ist Geschichte - die Protestbewegung hat ihr Ziel erreicht. Als Armeechef Abdel Fattah al-Sissi in einer Fernsehansprache verkündete, dass Mursi nach nicht mal einem Jahr nicht mehr im Amt ist, brach auf dem Tahrir-Platz in Kairo lauter Jubel aus, Feuerwerksraketen malten bunte Muster in den Abendhimmel und Autokorsos zogen durch die Stadt.

Mit Feuerwerk bejubeln Ägypter in Kairo die Absetzung des Präsidenten Mursi (Bild: AFP / Khaled Desouki)


Die Menschen in Ägypten sollen nach den Worten des Armeechefs künftig zunächst von einer "starken und fähigen" Übergangsregierung geführt werden, die "weitgehende Befugnisse" haben und "alle nationalen Kräfte" einschließen werde. An ihrer Spitze steht der Präsident des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, der das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt auf Neuwahlen vorbereiten soll. Mansur soll schon morgen vereidigt werden.

Verfassung soll überarbeitet werden

Die umstrittene islamisch geprägte Verfassung in Ägypten wurde außer Kraft gesetzt. Das Militär kündigte an, ein Gremium zu bilden, das sie überarbeiten soll. Der Oppositionsführer und Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei erklärte, die Ankündigungen des Armeechefs entsprächen den Forderungen des Volkes nach Neuwahlen. ElBaradei, al-Sissi sowie der koptische Patriarch Tawadros II. und der Imam der Kairoer Al-Azhar-Universität waren nach einem Krisentreffen gemeinsam vor die Presse getreten, um eine breite Unterstützung für die Entscheidungen der Armee zu signalisieren.

Diese hatte sich in Kairo positioniert, nachdem ihr Ultimatum an Präsident Mursi, bis zum Nachmittag für eine Lösung der Krise zu sorgen, ohne Ergebnis abgelaufen war. Daraufhin hatten Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge eine Kaserne umstellt, in der sich Mursi aufgehalten haben soll. Er nannte die Entmachtung einen "Putsch", rief die Ägypter aber auf, friedlich zu bleiben und Blutvergießen zu vermeiden. Seit Tagen hatten zehntausende Menschen im ganzen Land angesichts des Jahrestages von Mursis Amtseinführung massiv demonstriert.

Offenbar sechs Tote nach Zusammenstößen

Im Nordwesten des Landes, in Marsa Matruh, sind am Abend laut der staatlichen Nachrichtenagentur bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Die Stadt am Mittelmeer gilt als Hochburg der Islamisten. Die Onlineausgabe der Zeitung "Al Ahram" berichtete, dass Mursis Anhänger ein Regierungsgebäude angegriffen hätten, nachdem der Armeechef die Entmachtung verkündet hatte. Laut der Zeitung soll es auch im Nildelta und in Alexandria zu Zusammenstößen gekommen sein – rund 120 Menschen wurden demnach verletzt.

Mursi hatte sein Amt am 30. Juni 2012 angetreten - als erster frei gewählter Präsident Ägyptens. Er war aus der islamistischen Muslimbruderschaft hervorgegangen. Seine Gegner werfen ihm vor, das Land schleichend islamisiert und damit die Errungenschaften der Revolution vom Februar 2011 verraten zu haben. Außerdem sei er für die schlechte wirtschaftliche Lage in Ägypten verantwortlich Mursi wies dies zurück. Ägypten war Anfang 2011 vom Arabischen Frühling erfasst worden, durch den der langjährige Machthaber Hosni Mubarak gestürzt wurde.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:13 Uhr