Startseite > zu klären > Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts > Beitrag vom 20.04.2006

Stadt der Toten

Der St.-Louis-Friedhof in New Orleans überstand den Hurrikan Katrina

Von unserem Korrespondenten Siegfried Buschschlüter

Blick auf den St. Louis Friedhof Nr. 1 in New Orleans (AP Archiv)
Blick auf den St. Louis Friedhof Nr. 1 in New Orleans (AP Archiv)

Als der Hurrikan Katrina im letzten Sommer New Orleans heimsuchte, kursierten auch Berichte über die Verwüstung der Friedhöfe der Stadt. Horrorvisionen machten die Runde, von Särgen, die aus den Gräbern gespült wurden und die Straßen der Stadt hinuntertrieben. Ganz so schlimm war es nicht, obwohl auch die Friedhöfe zum Teil schwer beschädigt wurden. Die Katastrophe am besten überstanden hat der älteste Friedhof von New Orleans, der St. Louis Cemetery Number One.

Mark Twain nannte ihn die "Stadt der Toten", weil die Gruften, in denen sie ihre Toten begraben, Häusern gleichen, manchmal Tempeln, aus Marmor, mit weißen Dächern und Giebeln, Tausende auf beiden Seiten der Wege, bis weit in die Ferne reichend. So sah er den St. Louis Cemetery Nr. 1 in seinem 1883 erschienenen Buch "Life on the Mississippi". Da war der Friedhof, der älteste in New Orleans, fast genau ein Jahrhundert alt.

1789 eingeweiht, wird er heute noch benutzt, steht seit dreißig Jahren als historische Stätte unter Denkmalschutz, überlebte Katrina wie alle anderen Naturgewalten auch, ein lebendiges Zeugnis der Stadt, ihrer Menschen und ihrer wechselvollen Geschichte.

Der Tod war der Stadt am Mississippi nie fremd. Wenige Jahre nach ihrer Gründung wurde sie von einem Hurrikan heimgesucht. Es folgten Gelbfieber, Malaria und Pocken, Feuer und Fluten. Beigesetzt wurden die Toten damals noch am Ufer des Flusses, an der höchsten Stelle der fast ganz unter dem Meeresspiegel liegenden Stadt. Hier auf den "levees", den natürlichen vom Mississippi selbst geschaffenen Deichen, fanden sie ihre Ruhe. Vorübergehend, bis zur nächsten Flut, wenn die Wassermassen die Leichen aus den nassen Gräbern spülten und durch die Strassen der Stadt trieben.

Als der St. Louis Cemetery #Nr. 1 eröffnet wurde, ein Jahr nach dem großen Brand von 1788, der 80 Prozent der Stadt zerstörte, fanden die meisten Beisetzungen über der Erde statt, entweder in Mauergräbern, Familiengruften oder Mausoleen für gemeinnützige Gesellschaften.

Ursprünglich markierten die in die Mauer des Friedhofs eingelassenen Gruften die Grenze zwischen der Stadt der Toten und der Stadt der Lebenden. Sie waren aber auch, sagt Marylin Bernard, unsere kundige Begleiterin, der Ort von Mehrfachbestattungen.

Die meisten wurden gepachtet von Leuten, die sich keine Familiengräber leisten konnten. Und da ihre Form an Backöfen erinnert - die Särge wurden wie ein Brotlaib in die Maueröffnung geschoben - wurden sie auch "Ofengräber" genannt. Und genau das geschah in der subtropischen, sommerlichen Hitze Louisianas, in diesen Ziegelsteingruften. Auf natürlichem Wege eingeäschert wurden die Leichen. Und wenn die vorgeschriebene Frist von einem Jahr und einem Tag abgelaufen war, in der ein Leichnam nicht gestört werden durfte, wurde der Sarg geöffnet, die sterblichen Überreste wurden herausgenommen, in einen Beutel gefüllt, zur Seite gelegt, der alte Sarg wurde verbrannt und Platz geschaffen für einen neuen.

Nicht gepachtet, sondern gekauft wurden die Familiengräber, in der Regel mehrgeschossige Gruften, je nach Bedarf und persönlichem Geschmack der Kunden von Architekten entworfen. Ruhestätten ganzer Generationen. Vererbt und manchmal verkauft wie Immobilien.

In seinem Buch "New Orleans Cemeteries" beschreibt Robert Florence, wie zuerst immer die oberste Gruft benutzt wird. Beim nächsten Sterbefall in der Familie wird der Sarg eine Etage tiefer gelegt, um Platz zu schaffen für den nächsten. Nach einem Jahr und einem Tag dürfen die sterblichen Überreste aus dem Sarg im Parterre entfernt und in einer Kammer im Fundament der Gruft, dem "caveau", deponiert werden. Generationen unter einem Dach, im Leben wie im Tod.

Und wie in der Stadt der Lebenden, wo die hohen, schmalen, langen Häuser von Gittern und Zäunen aus Eisen umgeben sind, schmücken eiserne Verzierungen mit einfallsreichen Motiven die schlanken, fensterlosen Familiengruften, einige mit ihrem eigenen Kamin, zum Zweck der Entlüftung.

Und wegen der Luft und der Verwesung wurden auf dem Friedhof wie in der Stadt ganze Gärten mit Magnolien, Gardenien, Oliven, Oleander, Jasmin und anderen stark duftenden Bäumen und Blumen angepflanzt.

Und nun stehen wir vor einem Gemeinschaftsgrab, mehr ein Mausoleum als eine Gruft, das höchste Grabmahl dieses Friedhofs, ein Blickfang und architektonisches Schmuckstück. Das Gemeinschaftsgrab der italienischen Gemeinde mit einer Fassade aus Marmor, aus Italien importiert. 1857 zum Preis von 40.000 Dollar erbaut. Von Pietro Gualdi, einem italienischen Bildhauer. Er kam, baute und blieb und wurde als erster in seinem eigenen aus 24 Gruften bestehenden Meisterwerk beigesetzt.

Tausende Einwanderer aus Italien sollten ihm folgen, ihre sterblichen Überreste im "caveau" im Inneren des Grabmahls aufbewahrt. Berühmt wurde das Grab durch den 69er Film "Easy Rider", in dem "Captain America", dargestellt von Peter Fonda, sich in einer surrealistischen, von LSD geschwängerten, Szene an der "Italia"-Statue hochhangelt und im Glauben, seine Mutter zu sehen, sich die Augen ausweint, während sein Buddy Billy, dargestellt von Dennis Hopper, zwischen den Gräbern mit einer Prostituierten sein Unwesen treibt. Für diese Szene hatte die Erzdiöse keine Dreherlaubnis erteilt. Gedreht wird seitdem auf dem katholischen Friedhof nur noch für Dokumentarfilme.

Und da stehen andere Figuren im Mittelpunkt wie die Voodoo-Queen, Marie Laveau, die uneheliche Tochter eines reichen weißen Pflanzers und einer Mulattin. Ihr Grab, schreibt Robert Florence, sei das wohl bekannteste in ganz Louisiana. Auch heute noch ein Treffpunkt für alle, die sich magisch angezogen fühlen von dem aus Afrika über Haiti nach New Orleans gelangten Kult der ehemaligen Sklaven.

Legenden ranken sich auch um Paul Morphy, einen der erfolgreichsten amerikanischen Schachspieler, beigesetzt 1884 gleich gegenüber von Marie Laveau. Mit neun gewann er seine erste Partie, mit 13 besiegte er den ehemaligen Weltmeister, A.J. Lowenthal aus Ungarn und mit 21 setzte er den amtierenden Champ, den deutschen Adolf Anderson matt. Ein Jahr darauf beendete er seine Karriere, litt später unter Verfolgungswahn und nahm sich vermutlich das Leben.

Noch heute hinterlassen seine Verehrer Schachbretter am Fuß seines Grabes, mit den Figuren in siegbringenden Zügen.

Sieg blieb Homer Plessy, Kläger in dem berühmten, 1896 vom Supreme Court entschiedenen, Rechtsstreit Plessy gegen Ferguson, Zeit seines Lebens verwehrt. Plessy, zu einem Achtel schwarz, wurde festgenommen, als er sich in einem Personenzug in das für Weiße reservierte Abteil setzte und dem Schaffner erklärte, er sei dem Gesetz nach "Negro". Das Oberste Gericht entschied in letzter Instanz gegen Plessy. Es sollte ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Supreme Court, 1954, in seiner Entscheidung "Brown versus Board of Education" die Rassendoktrin "separate but equal" aufhob.

Bernard de Marigny, 1788 bis 1871, galt seinerzeit als reichster Teenager der Welt. Seiner aristokratischen Kreolen-Familie gehörten große Teile von New Orleans. Mit 15 war er Millionär, mit 53 hatte er sein Vermögen verspielt. Zurück ließ er Namen, viele Namen, den Stadtteil Faubourg Marigny, den er nach dem Verkauf seiner Plantage erworben und entwickelt hatte, mit Straßennamen wie Craps, nach dem Würfelspiel benannt, das er in Amerika eingeführt haben soll, Elysian Fields, zur Erinnerung an die Champs Elysees, und Desire Street, verewigt in Tennessee Williams' Schauspiel "A Streetcar named Desire".

Eine Straßenbahn verkehrt auf der Linie schon lange nicht mehr. Dafür bringt ein Bus die Menschen zur "Endstation Sehnsucht".

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:16 Uhr