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Syrische Opposition: Neues Massaker mit über 200 Toten

Regierungstreue Milizen sollen Dorf mit Panzern und Helikoptern angegriffen haben

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (picture alliance / dpa / EPA / Adi Weda)
UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (picture alliance / dpa / EPA / Adi Weda)

Nach Angaben der Opposition haben regierungstreue Kämpfer das schlimmste Massaker an der Zivilbevölkerung seit Beginn der Proteste in Syrien verübt. Hunderte Menschen sollen im Dorf Tremseh getötet worden sein. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich erschüttert.

Oppositionelle und Menschenrechtler berichten übereinstimmend, das Dorf Tremseh in der Provinz Hama sei gestern von Soldaten der syrischen Armee mit Panzern und Helikoptern angegriffen worden. Anschließend hätten regierungstreue Schabiha-Milizen den Ort gestürmt. Die meisten Bewohner seien durch gezielte Kopfschüsse getötet, zahlreiche aber auch erstochen worden, hieß es. Staatliche Medien machen terroristische Gruppen für die Toten verantwortlich.

Mehr als 200 Menschen seien getötet worden, erklärte der Revolutionäre Führungsrat in der Provinz Hama. Die Berichte lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen, da die Regierung in Damaskus die Berichterstattung ausländischer Journalisten seit Beginn der Unruhen vor mehr als einem Jahr weitgehend unterbindet. Ende Mai wurden im syrischen Hula bei einem Massaker über 100 Zivilisten getötet - nach Einschätzung der UNO durch regierungstreue Milizen.

Ban und Annan äußern Besorgnis

Der Sonderbeauftragte der UNO und der Arabischen Liga für Syrien, Kofi Annan, trifft in Damaskus ein (picture alliance / dpa / str)Der UNO-Sonderbeauftragte Kofi Annan (picture alliance / dpa / str)UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich erschüttert. "Der Generalsekretär ist zutiefst besorgt über die jüngsten Meldungen aus der Provinz Hama", sagte sein Sprecher Martin Nesirky. Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan erklärte in Genf, er sei "schockiert und entsetzt" über die hohe Zahl von Toten sowie "die bestätigte Anwendung schwerer Waffen wie Artillerie, Panzer und Helikopter".

Die Bundesregierung fordert eine Untersuchung des Massakers in Tremseh. Die syrische Regierung müsse den UN-Beobachtern "unverzüglich" Zugang zu dem Ort gewähren, wo das Blutbad stattgefunden haben soll, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Es müsse geklärt werden, "was da vor sich gegangen ist und wem die Schuld dafür zukommt".

Unterdessen fordert der oppositionelle Syrische Nationalrat (SNC) eine militärische Intervention. Der SNC-Vorsitzende Abdelbaset Seida appellierte in Istanbul an den Weltsicherheitsrat, ein Eingreifen nach Kapitel VII der UN-Charta (englischsprachiger Link) zu beschließen, um die Zivilisten in Syrien zu schützen. Sollte eine UN-Resolution erneut am Veto Russlands scheitern, müsse die Kontaktgruppe der Freunde Syriens alleine handeln. Die arabischen Staaten rief Seida auf, die Deserteure der Freien Syrischen Armee "mit allem, was sie benötigen" zu unterstützen.

Mehrere Resolutionsentwürfe beim UNO-Sicherheitsrat

Russlands Präsident Putin im Gespräch mit US-Präsident Obama (picture alliance / dpa / Alejandro Bolivar)Russlands Präsident Putin im Gespräch mit US-Präsident Obama (picture alliance / dpa / Alejandro Bolivar)Doch ungeachtet der Berichte aus Tremseh zeichnete sich bei den diplomatischen Bemühungen im UN-Sicherheitsrat keine Annäherung ab. Russland lehnte einen britischen Resolutionsentwurf ab. In ihm wird die syrische Regierung aufgefordert, binnen zehn Tagen den Gebrauch schwerer Waffen einzustellen und ihre Truppen aus den Städten abzuziehen.

Russland bezeichnete den Entwurf als "inakzeptabel" und drohte mit seinem Veto. In dem Papier wird mit Sanktionen gedroht, sollten sich die Konfliktparteien nicht an die Beschlüsse des Sicherheitsrats halten. "Insgesamt ist dieses Projekt nicht ausgeglichen", da allein die syrische Regierung Pflichten auferlegt bekomme, sagte der russische Vize-Außenminister Gennadi Gatilow nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Sollte in New York darüber abgestimmt werden, werde Russland sein Veto einlegen. Russland ist ein enger Verbündeter der Regierung von Syriens Präsident Baschar al-Assad und strebt in einer eigenen Resolution eine Verlängerung der UNO-Beobachter-Mission an.

Zuvor hatten die Botschafter der fünf UN-Vetomächte - USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien - in New York erstmals über den Text beraten, der von den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland eingebracht worden war. Der Text setzt Damaskus eine zehntägige Frist zum Rückzug der Truppen aus den Städten und droht andernfalls mit der Verhängung von Wirtschaftssanktionen gemäß der UN-Charta. Zudem verlängert er das Mandat der UN-Beobachtermission in Syrien um 45 Tage.

Einsatz von Streubomben?

Aktueller Blick auf die Stadt Jouret al-Schia, Provinz Homs (picture alliance / dpa / Shaam Mews Network)Aktueller Blick auf die Stadt Jouret al-Schia, Provinz Homs (picture alliance / dpa / Shaam Mews Network)Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft den Regierungstruppen unterdessen den Einsatz von Streubomben im syrischen Bürgerkrieg vor. Die Bomben seien eindeutig auf einem Amateurvideo im Internet zu identifizieren, teilte die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation gestern mit. Die Munition steht in der Kritik, weil viele der kleinen Sprengkörper beim Aufprall nicht explodieren und damit ganze Landstriche in Minenfelder verwandeln.

Nach einem Bericht des "Wall Street Journals" hat das syrische Regime begonnen, Chemiewaffen aus den Lagern zu holen. Die US-Regierung sei deswegen alamiert. Allerdings sei unklar, ob die Waffen als Drohgebärde mobilisiert, vor Aufständischen in Sicherheit gebracht oder tatsächlich einsatzbereit gemacht werden, zitiert die Zeitung Regierungsvertreter in Washington. Syrien besitzt dem Blatt zufolge größere Mengen des Nervenkampfstoffes Sarin, Senfgas und Cyanid.

In Syrien tobt seit März 2011 ein Volksaufstand gegen die Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad. Nach Angaben der in London beheimateten, oppositionellen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seitdem mehr als 17.000 Menschen getötet, darunter etwa 12.000 Zivilisten. Die Führung in Damaskus spricht dagegen von einem Kampf gegen Terroristen, die tausende Soldaten und Polizisten getötet haben sollen.

Nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes hat sich die Lage im Land insgesamt verschlechtert. Von den fortgesetzten Kämpfen seien 1,5 Millionen Menschen betroffen und bräuchten dringend Hilfe, erklärte die Organisation in Berlin.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr

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