"Tag des Zorns" in Ägypten

Tote und Verletzte bei neuen Ausschreitungen

Ägypten versinkt in Gewalt - und ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht. (picture alliance / dpa / Mosa'ab Al Shamy)
Ägypten versinkt in Gewalt - und ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht. (picture alliance / dpa / Mosa'ab Al Shamy)

Nach dem Freitagsgebet ist es in Ägypten wieder zu neuer Gewalt gekommen. Zehntausende Menschen waren auf den Straßen, um zu demonstrieren. Von Dutzenden Toten ist die Rede. Am Abend beruhigte sich die Lage in Kairo - die Ausgangssperre zeigte Wirkung.

Seit Freitag, 19 Uhr, gilt eine Ausgangssperre in Ägyptens Hauptstadt Kairo. Die Lage hat sich seitdem beruhigt - viele Straßen seien inzwischen menschenleer, berichtete ARD-Reporter Volker Schwenk.

Die Lage im Land ist aber nach wie vor unübersichtlich. Korrespondenten und Augenzeugen berichteten am Freitag von heftigen Schießereien, mehreren Toten und vielen Verletzten, vor allem in der Hauptstadt Kairo. Zusammenstöße zwischen Mursi-Anhängern und Sicherheitskräften wurden auch aus den Städten Ismailija, Damietta und Al-Arisch gemeldet. Über die Zahl der Toten gibt es keine verlässlichen Angaben - Sicherheitskräfte sprachen von mindestens 80 Opfern, davon 24 Polizisten. Die Zahl der Verletzten soll diesen Angaben nach bei etwa 300 liegen. Der Muslimbruderschaft zufolge erschoss die Polizei in der Innenstadt Kairos 45 Demonstranten. Das Innenministerium erklärte dagegen, die Demonstranten hätten eine Polizeistation attakiert - daraufhin habe es einen Schusswechsel gegeben. Auch in anderen Städten sollen Menschen getötet worden sein.

Islamisten wollen jetzt jeden Tag demonstrieren

Auch heute gab es neue Massenproteste in Ägypten (picture alliance / dpa)Massenproteste in Ägypten (picture alliance / dpa)Viele Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi versammelten sich nach dem Freitagsgebet zu Demonstrationen gegen die Übergangsregierung. Radikale Islamisten hatten zu einem "Tag des Zorns" aufgerufen. Das Innenministerium wies die Polizei an, mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen.

Ein Ende der Demonstrationen ist trotz der vielen Toten nicht in Sicht: Die Muslimbrüder haben zu weiteren Protesten gegen das Militär aufgerufen. Für eine Woche solle täglich demonstriert werden, heißt es in einer Erklärung der Islamisten.

Krisentreffen der EU-Außenminister gefordert

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande (picture alliance / dpa)Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande (picture alliance / dpa)Wegen der anhaltenden Gewalt in Ägypten sollen sich in der kommenden Woche die Außenminister der EU treffen. Nach einem Telefonat zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem französischen Präsidenten François Hollande forderten beide eine solche Sitzung, um eine gemeinsame Haltung der EU-Staaten und mögliche Antworten auf die Krise zu finden. Die Beziehungen zu Ägypten müssten auf den Prüfstand. Die Ägypter müssten die Gewalt beenden und wieder einen Dialog aufnehmen.

Die Bundesregierung hat schon erste Konsequenzen aus der neuen Gewaltwelle in Ägypten gezogen. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) kündigte an, dass ein geplantes Kooperationsprogramm im Bereich Klima- und Umweltschutz erst einmal ruhen wird. Komplett soll die deutsche Hilfe für Ägypten aber nicht eingestellt werden. "Wenn wir bei jeder Schwierigkeit, und sei sie noch so brutal mit vielen Hundert Toten, aufgeben würden, würden wir in keinem einzigen Land, das ein Konfliktstaat, ein fragiler Staat oder ein Postkonfliktstaat ist, dauerhaft wirklich erfolgreich sein", sagte der Minister im Fernsehsender Deutsche Welle. Alle Entwicklungsprojekte zu kappen, würde laut Niebels vor allem die Bevölkerung treffen, nicht aber die Regierung.

Auswärtiges Amt rät von Reisen nach Ägypten ab

Das Auswärtige Amt hat aufgrund der Proteste seine Reisehinweise für Ägypten verschärft. Urlauber vor Ort sollen die aktuelle Lage genau verfolgen. Wer Pläne für Reisen in das Land hat, sollte diese lieber verschieben. Einzelne Regionen in Ägypten galten schon länger als gefährlich, doch nach den neuen Ausschreitungen mit vielen Toten hält das Auswärtige Amt auch die Urlaubsgebiete am Roten Meer um Hurghada und Scharm el Scheich nur noch eingeschränkt für sicher. Die Lage dort sei aktuell zwar ruhiger als in anderen Landesteilen, aber die weitere Entwicklung sei unvorhersehbar, so ein Sprecher. In den überarbeiteten Reise- und Sicherheitshinweisen des Amtes wird nun auch von Reisen dorthin abgeraten.

Zurzeit halte sich noch eine fünfstellige Zahl von Deutschen in Ägypten auf. Die Urlauber sollten die aktuelle Berichterstattung genau verfolgen und den Hinweisen von Hotels und Reiseveranstaltern sei unbedingt Folge zu leisten. Mehrere Reiseveranstalter haben vorerst alle Reisen nach Ägypten abgesagt. Betroffen sind Kunden von TUI, Thomas Cook und Alltours. Die Urlauber, die sich aktuell noch in Ägypten aufhielten, könnten ihre Reise aber wie geplant zu Ende bringen.

Militärführung gerät international unter Druck

Räumung der Protestlager in Kairo (picture alliance / dpa / Mahmoud Ghany)Räumung der Protestlager in Kairo (picture alliance / dpa / Mahmoud Ghany)Auslöser der neuen Gewaltwelle in dem Land war die Räumung zweier Protestlager von Anhängern der Muslimbruderschaft in Kairo am Mittwoch. Dabei und bei den darauf folgenden Unruhen im ganzen Land waren nach neuen Regierungsangaben mindestens 638 Menschen getötet worden. Die Muslimbrüder hingegen sprachen allein in Kairo von mehreren Tausend Toten und 10.000 Verletzten. Die Zahlen beider Seiten sind kaum unabhängig nachzuprüfen.

Die Militärführung des Landes gerät international immer stärker unter Druck, beispielsweise durch die UNO. Die Vereinten Nationen teilten mit, sie wollten in der kommenden Woche einen Vertreter zu Gesprächen nach Kairo schicken.

"Nach Meinung der Mitglieder des Sicherheitsrates ist es wichtig, die Gewalt in Ägypten zu beenden und dass alle Beteiligten äußerste Zurückhaltung üben", erklärte die argentinische UNO-Botschafterin Maria Cristina Perceval nach einer Sondersitzung des Sicherheitsrates in New York. Aus ihrer persönlichen, nationalen Sicht verurteile sie den Sturz von Präsident Mursi durch das Militär. Sie sprach von einem "Staatsstreich".

"Grenze zum Bürgerkrieg fast schon überschritten"

So sieht es auch Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Linken: Der Westen habe den Fehler gemacht, den Putsch des Militärs nicht als solchen zu bezeichnen, sagte der Politiker im Interview mit dem Deutschlandfunk. Das Militär bringe keine Stabilität, weil es keine demokratische Institution sei. Jetzt stehe der Westen den Ereignissen in Ägypten ratlos gegenüber. Für van Aken ist die Grenze zum Bürgerkrieg in Ägypten fast schon überschritten.

Die Gefahr eines Bürgerkriegs sieht der Hamburger Islamwissenschaftler Udo Steinbach hingegen nicht: "Nein, so weit würde ich nicht gehen. Meine Annahme ist, dass das Militär sich tatsächlich durchsetzen wird. Das heißt, die ganz großen Aufmärsche und Demonstrationen werden unterdrückt werden. Ich vermute dann allerdings, dass es eine diffuse Gewalt gibt, das deutet sich schon an im ganzen Land, dass Einrichtungen der Regierung getroffen werden, Polizisten - das ist ja schon geschehen - umgebracht werden, dass es innerhalb der Gesellschaft zu Konflikten kommt zwischen Extremisten und Kopten. Das ist das Szenario, das ich entwickle."

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr