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Tobias Armbrüster

Cool Britannia und die Suche nach der richtigen Frage

Tobias Armbrüster, Moderator von "Deutschlandfunk - Der Tag" (Deutschlandradio)
Tobias Armbrüster, Moderator von "Deutschlandfunk - Der Tag" (Deutschlandradio)

Es gibt wahrscheinlich bessere Wege in den Journalismus als über den Umweg als Weihnachtsmann. Aber bei mir hat es funktioniert. Die Weihnachtsmann-Recherche war Teil meiner Aufnahmeprüfung an der Journalistenschule. Und als ich diese Prüfung bestanden hatte, war ich froh, dass ich mein Studium in Wirtschaftswissenschaften erst mal, na ja, ruhen lassen durfte. Dass ich mal ein Radiomensch werden würde, das hatte ich da natürlich noch nicht auf dem Schirm. Klang auch erst mal abschreckend, was ich in diesen Journalismus-Seminaren an der Münchner Journalistenschule gelernt habe. "Radio-Beiträge mit O-Tönen könnt Ihr vergessen, diese Zeit ist vorbei", meinte unser Coach, ein Mann vom Bayerischen Rundfunk. Mir hat das Arbeiten mit O-Tönen aber trotzdem eine Menge Spaß gemacht. Und als nach der Journalistenschule ein Angebot vom SWR (damals noch SDR) kam, habe ich gerne zugesagt. Erste Berufserfahrung also in Baden-Württemberg – das hieß für mich als NRW-Gewächs: Ich musste Schwäbisch zumindest verstehen lernen. Und lernen, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob der Gesprächspartner aus Stuttgart oder von der Schwäbischen Alb kommt. Ich erinnere mich an Livesendungen im Regionalprogramm, bei denen ich am Mikrofon meinen Interviewpartner ganz einfach nicht verstanden habe. Mit der nächsten Fremdsprache war das einfacher: Zur Jahrtausendwende bin ich nach London gezogen – das war damals noch "Cool Britannia" inklusive Tony Blair, Oasis und Hugh Grant – das Wort ‚Brexit‘ gab es noch nicht. In London habe ich Radiobeiträge für alle großen Sender in Deutschland gemacht und über alles berichtet: die Brit Awards, James Bond, die Banken in der Londoner City und die britische Außenpolitik. Politische Berichte waren es dann irgendwann immer häufiger, und dann kam auch noch die Möglichkeit, für die BBC zu arbeiten: der World Service mit seinem 24-Stunden-Programm. Das war noch mal eine ganz eigene Welt: nachts in der Londoner Innenstadt in einem Newsroom sitzen und Interviewpartner in Südamerika oder China ausfindig zu machen. Es war die perfekte Vorbereitung für den Deutschlandfunk – für den bin ich 2008 mit meiner Familie aus London zurückgekommen. Neben der Auswahl der Interviewpartner kommt es hier vor allem auf eins an: auf die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt. Lernt jeder, der ab fünf Uhr früh die ‚Informationen am Morgen‘ moderiert. Und gelernt habe ich auch, dass es bessere Reportage-Themen in der Vorweihnachtszeit gibt als "Unterwegs als Weihnachtsmann".


Tobias Armbrüster,
Redakteur Aktuelles
Deutschlandfunk


Aus dem Programmheft, Ausgabe Dezember 2019