Tönendes Finanzministerium

Auftakt einer Veranstaltungsreihe im Berliner Detlev-Rohwedder-Haus

Von Christoph Richter

Musikalisch auf Spurensuche (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Musikalisch auf Spurensuche (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Finanzminister Wolfgang Schäuble stellt sich der Geschichte seines Amtssitzes. Er macht es ohne Historikerkommission, sondern mittels Musik. Ein ungewöhnlicher Ansatz im Bundesfinanzministerium.

"Es war erstmal ganz schön heavy muss ich sagen, als ich hier reinkam. Und dachte oh lalala und hab mich hier immer wieder verirrt","

so Christian Kellersmann. Manager der Plattenfirma Universal und Organisator der Veranstaltung "Musik. Zeit. Geschehen. Zwischen Verbot, Vorsicht und Vergnügen". Das ist eine Mischung aus Konzert und Studienkolleg, mit der das Bundesfinanzministerium - eben mittels Musik - auf die unheilvolle Geschichte seines Amtssitzes aufmerksam machen will.

""Ich glaub Musik kann einfach das Bewusstsein schaffen und viele Fragen stellen. Also davon bin ich fest überzeugt, dass da automatisch eine Beschäftigung mit der Zeit stattfindet."

Das ehemalige Reichsluftfahrtministerium im historischen Regierungsviertel, ist ein gigantischer Bau mit einer geradezu unheimlichen Geschichte: Auf 56.000 Quadratmetern gibt es sieben Treppenhäuser. An den 440 Meter langen Fluren, und in dem fast sieben Kilometer langen Gänge - Labyrinth, reihen sich über 2000 Büros aneinander. Eine Trutzburg mit einschüchternden Ausmaßen, indem einst die braunen Machthaber den Vernichtungskrieg planten, den systematischen Massenmord an Europas Juden vorbereiteten. Später wurde in dem Gebäude die DDR gegründet. 1991 war es Sitz der Treuhandgesellschaft, heute residiert hier das Bundesfinanzministerium.

"Wir wollten hier im Finanzministerium, mal nicht mit den traditionellen Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit das Gebäude erläutern, sondern wir wollten seine Geschichte spiegeln, in der Geschichte der Musik, die es begleitet hat","

betont Steffen Kampeter, der parlamentarische Staatssekretär Wolfgang Schäubles.

Für die Auftaktveranstaltung der dreiteiligen Reihe "Musik. Zeit. Geschehen." hat man Coco Schumann eingeladen, live aufzutreten. Er ist einer der letzten Überlebenden der Swing-Jugend.

Unter Lebensgefahr trat Coco Schumann Ende der 1930er Jahre bei illegalen Konzerten auf. Spielte Jazz und Swingmusik. Ein doppelt gefährliches Spiel. Denn nicht nur dass die Musik verboten war, sondern auch als Jude war es ihm strengstens untersagt, öffentlich zu musizieren.

""Naja wir waren jung und haben uns bemüht diese Musik zu machen und nicht aufzufallen. Gab ja damals die Reichsmusikkammer, die haben ja geprüft ob wir jüdische oder amerikanische oder "Negermusik" gemacht haben. Wenn sie das rausgekriegt haben, war das schon ein bisschen gefährlich."

1943 wurde Coco Schumann denunziert, kam nach Theresienstadt. In Hitlers Vorzeigelager musste er vor den SS-Schergen LA PALOMA spielen. Dann wurde er nach Auschwitz deportiert, und hat mit viel Glück die Selektion an der Rampe überlebt.

"Wenn ich nicht Musik gemacht hätte, würde ich heute hier nicht sitzen. Hat mich immer wieder gerettet die Musik."

Die Veranstaltung "Musik. Zeit. Geschehen" des Bundesfinanzministeriums will deutlich machen, dass nicht nur die bildende Kunst, sondern auch die Musik zwischen 1933 und 1945 dem Terror der Nationalsozialisten ausgesetzt war.

Namen wie Leo Smit, ermordet im KZ Sobibor oder Erwin Schulhoff, getötet im KZ Dachau: man kennt sie einfach nicht mehr. Und will sie jetzt wieder ins Bewusstsein rücken.

In den 20er Jahren war Walter Braunfels einer der erfolgreichsten Komponisten. Wurde dann von den Nazis verboten, zog sich in die innere Emigration zurück. Nach dem Krieg musste er, wie viele andere auch, resigniert feststellen, dass seine Werke nach dem Krieg keine Bühne mehr fanden. Auch weil sie durch die Verbote und Diffamierungen der Nazis von den aktuellen Entwicklungen abgeschnitten waren.

"Und ich glaub da entsteht jetzt so ein neues Bewusstsein, dass man diese Komponisten die über viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten sind, dass man die jetzt wieder entdeckt. Da gibt es ganz großartige, ganz tolle Musik."

Die unendlich erlittene Schuld wieder etwas gut zu machen, habe man nur, so Musikmanager Christian Kellersmann, wenn man die Musik wieder zum Leben erwecke.

"Das sind nur so Anstöße, die wir da geben können. Dass man mal kurz mal darüber reflektiert.""

Denn hinter jeder Note steckt Leben, hinter jeder Harmonie eine Geschichte. Erst wenn die verstummten Werke wieder gespielt werden, erst dann werden sie vor dem Vergessen bewahrt.

""Wir können da auch ganz punktuell nur so ganz kleine Aspekte herausnehmen. Und haben uns auf Klassik und Jazz konzentriert."

Alles in allem eine durchaus erstaunliche Herangehensweise. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es Finanzbeamte sind, die mittels Musik, einen solch sensiblen und sinnlichen Umgang wählen, um sich der Geschichte des eigenen Amtssitzes zu stellen. Der trotz aller Umbauten noch immer den kalten Atem vergangener Zeiten verströmt.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr