Touristen statt Soldaten

Wegen der Bundeswehrreform muss sich Diez an der Lahn neu erfinden

Von Ludger Fittkau

Diez an der Lahn hofft auf mehr Besucher seines Schlosses (picture alliance / dpa / Fühler)
Diez an der Lahn hofft auf mehr Besucher seines Schlosses (picture alliance / dpa / Fühler)

Die Bundeswehr schließt viele Standorte. Die betroffenen Städte und Gemeinden müssen sich nun etwas einfallen lassen. Das rheinland-pfälzische Diez an der Lahn hofft auf Investitionen aus den Niederlanden.

In einem prunkvollen Saal des Schlosses Oranienstein in Diez an der Lahn tritt
Thomas de Maizière vor die Presse, nachdem er sich ins Gästebuch eingetragen hat. Die Nachrichten, die der Verteidigungsminister aus Berlin mitbringt, sind nicht gut. Von 1500 Dienstposten, die die Bundeswehr noch im 10.000-Einwohner-Städtchen an der Lahn zwischen Westerwald und Taunus aufzuweisen hat, bleiben künftig nur noch 150 erhalten. Eine Sanitätseinheit im Schloss Oranienstein, einem der Stammschlösser des niederländischen Königshauses. Doch nicht wegen des edlen Ambientes ist de Mazière gekommen, betont er:

"Ich halte es für angemessen, dass ich nicht nur dahin gehe, wo es schön ist, sondern auch dahin, wo es schwierig ist. Das ist heute auch Diez. Es bleibt erhalten, als ein hochwertiges Kommando für das Sanitätswesen im Schloss Oranienstein. Aber die Freiherr vom Stein-Kaserne, die Liegenschaft wird ganz aufgegeben, weil die entsprechenden Logistikeinheiten ganz aufgegeben werden."

Mit sorgenvollem Blick verfolgt Lars Martin die Ausführungen des Ministers. Denn der 38 Jahre alte Soldat arbeitete bisher in der Logistikeinheit, die jetzt in Diez aufgegeben wird. Lars Martin lebt ganz in der Nähe von Diez in der Westerwaldgemeinde Elbtal.

"Ich wohne wie gesagt in Elbtal, bin auch dort gebürtig, der Weg bei der Bundeswehr hat mich schon über einige Standorte geführt. Wetzlar wurde ja leider auch geschlossen, Montabaur wurde geschlossen und einige Verwendungen in Köln zum Beispiel. Von daher hat man eigentlich gehofft, hier ein bisschen regional in der Heimatnähe bleiben zu können. Es ist schade, dass hier in der Umgebung fast kein Standort mehr verbleibt, der die Anzahl der Soldaten aufnehmen kann."

Neben Lars Martin steht Kompagniefeldwebel Wellstein, der bisher in der Diezer Freiherr vom Stein-Kaserne, die nun geschlossen wird, als erster Unteroffizier, auch "Spieß" genannt, fungierte.

"Meine älteren Kameraden wissen natürlich, was so eine Strukturveränderung mit sich bringt. Die jüngeren Kameraden fragen natürlich, Spieß, was kommt da auf uns zu? Die Älteren haben natürlich ein bisschen das Problem, weil sie hier ansässig geworden sind. Wenn man sich anguckt, wie sich die Standorte jetzt auf die Bundesrepublik verteilen und in Zukunft auf die Bundesrepublik verteilen, weiß man schon, dass sie entweder eine Wochenendbeziehung führen müssen oder eben Haus und Hof verkaufen und komplett neu anfangen."

"Mir tuts für die leid, weil die haben sich ein Standbein aufgebaut, es müsste nicht sein."

Auf den Straßen im Zentrum von Diez an der Lahn ist das Mitgefühl groß mit den Soldatenfamilien, die jetzt vielleicht an die Küste umziehen müssen. Doch ebenso groß sind die Sorgen im Hinblick auf die Zukunft der Stadt. Buchhänderin Susanne Kaulfuß hat in den vergangenen drei Jahrzehnten den Niedergang des Geschäftslebens in der Diezer Innenstadt hautnah miterlebt.

"In den 70er Jahren, als ich hier rüber kam, 1976, da ging der Punk ab. Wir hatten über 40, 50 Gaststätten, sehr viele Geschäfte und das war eine blühende Stadt, auch nicht zu vergessen durch die Bundeswehr. Und durch diesen Abbau nach und nach ging halt alles zurück, alles ist rückläufig, ja."

Von ehemals drei großen Kasernen mit mehreren Tausend Soldaten bleibt künftig nur noch die kleine Sanitätstruppe oben im Schloss Oranienstein. Doch gerade das Barockschloss symbolisiert auch die Hoffungen der Diezer, die wissen, dass sie sich neu erfinden müssen. Denn Oranienstein gehört zu den Stammschlössern des niederländischen Königshauses.

Schon jetzt finden viele Touristen aus dem nahegelegenen westlichen Nachbarland deshalb den Weg nach Diez – zur Schlossbesichtigung. Die Stadt liegt an der sogenannten "Oranier-Route", einer deutsch-niederländischen Ferienstraße. Diezer Bürger haben sich zum sogenannten "Oraniertisch" zusammengeschlossen, der in mehreren Arbeitsgruppen über die Zukunft der Stadt nach dem weitgehenden Abzug der Bundeswehr nachdenkt. Denn dass die Bundeswehr verkleinert werden muss, versteht auch die Diezer Buchhändlerin Susanne Kaulfuß.

"Ja, ich meine, was wollen die tun? Die Kassen sind leer. Die haben eine Berufsarmee, die müssen die Standorte schließen, die nicht mehr so gebraucht werden. Als normaler Steuerzahler leuchtet einem das ja ein. Es ist bitter, aber man muss halt sehen, dass man da was anderes findet,'ne andere Nutzung. Zwar nicht so was wie den Nürburgring oder so."

Nein, eine staatliche Investitionsruine wie den Freizeitpark am Nürburgring kann man in Diez nicht gebrauchen. Der Diezer Bürgermeister Gerhard Maxeiner ist optimistisch, dass man das große Areal der Freiherr vom Stein-Kaserne, nur zehn Kilometer von der A 3 zwischen Köln und Frankfurt am Main gelegen, langfristig gut vermarkten kann. So könnte die Oranierstadt Diez nicht zuletzt für niederländische Logistikunternehmen interessant sein.

"Interessenten gibt es inzwischen. Jede Woche ruft mal einer an. Fragt nach. Also da denk ich kann man was machen. Worauf wir aufpassen müssen, dass wir nicht im Vorfeld bei einer großen Kaserne die Filetstücke raus schneiden und die Stadt sitzt dann auf den Ecken, die keiner haben will. Ich denke, da werden wir auch die Planungen drauf abstellen."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr