Trauerfeier in Winnenden

Zehntausende gedachten der Opfer des Amoklaufes

Ein Kranz von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor der Albertville-Realschule in Winnenden. (AP)
Ein Kranz von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor der Albertville-Realschule in Winnenden. (AP)

Mit einem ökumenischen Gottesdienst und einer anschließenden Rede von Bundespräsident Horst Köhler haben viele Menschen im baden-württembergischen Winnenden Abschied von den Opfern des Amoklaufs am 11. März genommen. Tief bewegt rief Köhler zu mehr Fürsorge in der Gesellschaft auf.

Wirklich wichtig sei, "dass wir uns umeinander kümmern, dass wir uns gegenseitig annehmen und dass wir füreinander da sind", sagte Köhler in der Sankt Karl Borromäus Kirche in Winnden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger befanden sich unter den Trauergästen. Die Feier wurde auf mehreren Videoleinwänden im Landkreis übertragen.

Schüler trauern vor der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart. (AP)Schüler trauern vor der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart. (AP)In einem offenen Brief hatten kurz vor der Trauerfeier die Eltern von fünf getöteten Schülerinnen Konsequenzen von der Politik angemahnt. Sie fordern eine Verschärfung des Waffenrechts und ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Computerspielen. Die Diskussion über stärkere Waffenkontrollen hatte nach der schweren Tat begonnen.

Am 11. März hatte der 17 Jahre alte Tim K. an seiner ehemaligen Albertville-Realschule in Winnenden und auf seiner anschließenden Flucht 15 Menschen und danach sich selbst getötet. Auf allen Bundesbehörden wehen heute als Zeichen der Anteilnahme mit den Hinterbliebenen der Opfer alle Flaggen auf Halbmast. In der Stadt Winnenden blieben zahlreiche Geschäfte geschlossen.

Zu der Trauerfeier waren rund 250 Journalisten angereist, darunter auch Fernsehteams aus den Niederlanden, Tschechien und der Türkei.

Blick auf eine Pinnwand in der Kirche von Winnenden, an die Mitschüler ihre Trauer über den Amoklauf zum Ausdruck bringen. (AP)Eine Pinnwand in der Kirche von Winnenden, an der Mitschüler ihre Trauer zum Ausdruck bringen. (AP)

Mehr Achtsamkeit


Der Kommunikationswissenschaftler und Buchautor Axel Dammler hat beim Umgang mit dem Internet ein Auseinanderdriften der Gesellschaft festgestellt. Jugendliche verlagerten immer größere Teile ihrer Lebenswelt dorthin. Problematisch werde die Entwicklung der Einzelnen dann, wenn Beziehungen nur noch online geführt würden, unterstrich Dammler im Interview mit Deutschlandradio Kultur.

Amokläufer kündigen ihre Tat in zwei Drittel aller Fälle an, sagt Klaus Jansen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Der Polizist fordert daher von Staat und Polizei, sich im Internet in den entsprechenden "social networks" präsenter zu zeigen, als eine Art "110"-Notrufmöglichkeit in der virtuellen Welt. Das Stichwort sei Prävention, sagte Jansen im Deutschlandfunk.

Rolf Pohl vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover hat nach dem Amoklauf vor einer Überdramatisierung gewarnt. Das Ausmaß der Jugendgewalt habe in den letzten Jahren eher abgenommen. Wichtig sei es, die Pubertät Jugendlicher zu begleiten und ernst zu nehmen, um gerade junge Männer vor einem überzeichneten Männlichkeitsbild zu bewahren, betonte Pohl im Deutschlandfunk.

Der Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher Hans-Joachim Lenz hat einen Mangel an Hilfseinrichtungen für Jungen beklagt. Unter Bezugnahme auf den Amoklauf in der vergangenen Woche sagte Lenz, es gehe darum, Jungen in ihrer Verletzlichkeit ernst zu nehmen, sagte er im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:32 Uhr