Tristesse in Steilshoop

Schwerpunkt: Wahlen in Hamburg, Teil 5

Von Verena Herb

Stimmabgabe in einem Wahllokal in Hamburg: Normalerweise liegt die Wahlbeteiligung in Steilshoop am unteren Rand. (AP)
Stimmabgabe in einem Wahllokal in Hamburg: Normalerweise liegt die Wahlbeteiligung in Steilshoop am unteren Rand. (AP)

Hohe Arbeitslosigkeit und die schlechte Verkehrsanbindung an die Innenstadt sind die Hauptprobleme von Steilshoop im Nordosten Hamburgs. Dass sich daran nach der Bürgerschaftswahl etwas ändert, bezweifeln viele der rund 20.000 Bewohner des Stadtteils.

Shirley Eileen Wehler bereitet einen Cappuccino zu: Seit September 2007 arbeitet sie im Café, das von der gemeinnützigen Gesellschaft Alraune in Steilshoop betrieben wird. Sie mag ihre Arbeit -

"Die Gäste, die Leute. Das ist einfach schön hier."

Die 20-Jährige hat im Café von Alraune ihre Ausbildung gemacht. Eine Anstellung hat sie danach nicht bekommen,

"Und jetzt mache ich zurzeit ne Maßnahme hier. Weil ich halt nen Job gesucht hab, und nicht alleine zu Hause sitzen wollte."

Shirley Eileen wohnt gleich gegenüber, in einer der Wohnungen über dem Einkaufszentrum Steilshoop. Knapp 20.000 Menschen leben in diesem Stadtteil im Nordosten Hamburgs. Von "Trabantenstadt" sprechen viele, die den Weg aber nur selten hierhin finden. Hochhäuser säumen den Schleyerring – hier ist auch das Café und Alraune untergebracht. Die Arbeitslosenquote in Steilshoop liegt bei über neun Prozent. Drei Prozent über dem Hamburger Durchschnitt.

Martin Kersting wohnt seit zwölf Jahren hier. Der studierte Philologe hat sogar ein Buch über Steilshoop geschrieben:

"Hier wohnt eigentlich ein repräsentativer Querschnitt von Hamburg. Wobei man natürlich immer sagen muss, dass der Anteil von Empfängern von Hartz IV Leistungen relativ hoch ist. Um die 20 Prozent leben von ALG II oder direkt auch Wohngeld, Reste von Sozialhilfe. Und das bringt natürlich auch gewisse Probleme mit."

Steilshoop fällt dann ins Blickfeld der Politik, wenn Wahlkampf ist – sagt Kersting und rückt seine schwarze Baskenmütze zurecht. Er erzählt, dass der Stadtteil in den vergangenen Jahren stark vernachlässigt wurde: Eine Ganztagsschule wurde geschlossen, immer noch gibt es keine richtige öffentliche Verkehrsanbindung an die Innenstadt – und auch die Streichungen von Beschäftigungsprogrammen betreffen die Menschen hier sehr.

"Größtes Problem ist, dass eine bedeutende Wohnungsbaugesellschaft oder Vermietungsgesellschaft hier vor Ort in die Hände eines amerikanischen Hedge Fonds gekommen ist. Und ein knappes Drittel der Wohnungen sind nicht gerade vom Verfall bedroht, aber bewegen sich aber auf dem unteren Standard in Hamburg zu."

Shirley Eileen bringt die Getränke an den Tisch. Vom Wahlkampf hat sie ein bisschen mitgekriegt: aus dem Fernsehen, wegen der Plakate und weil Post vom Wahlleiter im Briefkasten lag.

"Also ich habe den Brief jetzt zwar bekommen, aber ich habe sie nicht geöffnet und gleich zur Seite gelegt. Weil ich auch gar keine Ahnung davon ab."

Und so richtig interessiert sie das auch nicht. Die Politiker,

"Die nehmen sich das vor. Und das wird dann gemacht. Und es passiert sowieso nichts."

In der Küche vom Alraune Café wird fleißig gearbeitet. Es gibt Kartoffelpüree mit karamellisierter Ananas. Am Herd brät eine Frau Spiegeleier mit Speck. Ihren Namen will sie nicht verraten. Die 36-Jährige wird am Sonntag zur Wahl gehen – wen sie wählt, das weiß sie aber noch nicht. Wahrscheinlich die SPD und Olaf Scholz:

"Ich hoffe, dass er etwas Neues bewirkt. Weil alles andere ist zu fest gefahren. Alleingelassen, eher verarscht hier mit diesem Ein-Euro-Job. Jetzt wird das wieder abgeschafft, wenn man was hat. Die können sich nicht entscheiden, die kriegen nichts hin."

Dass so viele Menschen in Steilshoop keine Arbeit haben, das – findet sie – ist das größte Problem:

"Ich habe hier einen Ein-Euro-Job. Ich möchte gerne einen Job haben. Besser als zu Hause rumsitzen, ne. Ich habe zwei Kinder, ich bin ein Vorbild."

Samira Noussari leitet die Küche im Alraune-Café. Sie hat die politische Diskussion vor allem im letzten Jahr über die Schulreform aufmerksam verfolgt. Die junge Frau ist wütend, dass der Volksentscheid gegen die Primarschule ausgefallen ist. Jetzt herrscht Chaos:

"Es ist alles offen. Es ist Chaos, die Eltern sind verunsichert. Die wissen nicht, wie wird sich das entwickeln. Wie wird die Betreuung."

Auch sie hat die Hoffnung, dass eine neue Regierung in Hamburg den Wandel bringt. Die wichtigen Themen für sie:

"Schulbildung, Soziales. Mich interessiert nicht, ob irgendwelche Brücken gebaut werden, oder ob irgendwelche Theater noch gebaut werden. Ich finde es schön, dass Hamburg eine Touristenstadt ist. Dass es auch viel Kultur gibt. Aber ich finde, die Balance muss auch gehalten werden."

An den Straßen in Steilshoop lächeln den Menschen die Kandidaten vor allem von den Grünen und der Partei die Linke entgegen. Christoph Ahlhaus oder Olaf Scholz – die sieht man kaum. Es scheint, die Plakatkleber von SPD und CDU haben diese Ecke Hamburgs irgendwie vergessen.

Normalerweise liegt die Wahlbeteiligung in Steilshoop am unteren Rand, erklärt Martin Kersting, der Stadtteilexperte.

"Ich würde mal die Behauptung aufstellen, bei allgemein niedriger Wahlbeteiligung überhaupt, wird Steilshoop wohl eher im oberen Bereich sein. Das ist eine Prognose, die ich aufstelle."

Weil dieser Wahlkampf auch geprägt ist von den Themen Verkehrsanbindung und Bildung. Ob sich seine Prognose bewahrheitet? Frühestens am Sonntagabend wird man es wissen.

Übersicht zur Serie im Deutschlandfunk:

Vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr