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Türkei: Proteste schicken Börsen auf Talfahrt

Opposition mahnt Erdogan zu Zurückhaltung

Demonstranten am Taksim Platz in Istanbul (picture alliance / dpa / ABACA)
Demonstranten am Taksim Platz in Istanbul (picture alliance / dpa / ABACA)

Bärenstimmung an der Börse in Istanbul: Auch am Montag gerieten die Aktienkurse in der Türkei deutlich unter Druck. Damit setzt sich die Tendenz der vergangenen Tage fort, nach der die Protestwelle gegen Regierungschef Erdogan die Werte in den Keller rasseln lässt.

Der türkische Leitindex gab am Montagmorgen nach einem verzögerten Handelsstart erneut nach und verlor zunächst 2,09 Prozent. In der Vorwoche hatte er bereits ein Minus von fast neun Prozent verzeichnet, zwischenzeitlich sogar rund 15 Prozent verloren.

Wie die Schweizerische Depeschenagentur meldet, sind die Kursverluste im direkten Zusammenhang mit den anhaltenden Unruhen im Land zu sehen. Demnach setzen die Proteste gegen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan den Markt kräftig unter Druck. In vielen Städten gingen die Menschen am Wochenende zu Zehntausenden auf die Straßen. Nach Einschätzung unseres Korrespondenten Christian Buttkereit handelt es sich um die wohl größten Demonstrationen seit Beginn des Aufstandes.

Auch die Stimmung am Anleihemarkt soll sich eingetrübt haben: Für Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren wurde ein neuer Rekordzins von 7,32 Prozent fällig – zu Beginn des Jahres waren es noch 6,7 Prozent. Im EU-Raum hat nur Griechenland noch teurere Schuldtitel: Auf Staatsanleihen muss der Staat hier 9,534 Prozent Schuldzinsen zahlen.

Erdogan während seines Staatsbesuchs in Tunesien (picture alliance / ZUMA Press / Chokri Mahjoub)Erdogan während seines Staatsbesuchs in Tunesien (picture alliance / ZUMA Press / Chokri Mahjoub)

Opposition drängt auf Deeskalation

Derweil rief die türkische Opposition Ministerpräsident Erdogan im Konflikt mit den Protestlern zu Mäßigung auf. Der Chef der größten Oppositionsfraktion, Kemal Kilicdaroglu, unterstellte Erdogan, er versuche sich durch das Erzeugen von Spannungen an der Macht zu halten. Gestern hatte Erdogan erneut mit scharfer Rhetorik gedroht, seine Geduld sei am Ende und Verantwortliche der Proteste würden zur Rechenschaft gezogen.

Das internationales Echo über den Umgang Erdogans mit den Protesten fällt dagegen einhellig kritisch aus: "In der Türkei sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in China, und die offiziellen Medien haben über die Kundgebungen kaum berichtet", urteilt etwa die französische Zeitung "Liberation".

Gleichzeitig macht die slowakische Zeitung "Pravda" den Demonstranten wenig Hoffnung: "Die Proteste werden vermutlich dasselbe Schicksal erleiden, wie die Massendemonstrationen in der Slowakei vor den letzten Wahlen: Sie werden im Sande verlaufen." Erdogans Regierung habe nicht begriffen, wie sehr die eigenen Bürger sie satt hätten.

Özdemir: Erdogan gefährdet AKP-Erfolgsmodell

Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, sieht Erdogan durch die Massenproteste geschwächt: In seinem politischen Lage wachse die Unzufriedenheit über seinen autoritären Führungsstil. Nach Einschätzung Özdemirs könnte ihm dieser nun zum Verhängnis geworden sein: "Erdogan erklärt alles zur Chefsache. Nur so kann doch die Frage, ob auf einem wichtigen Platz in einer Großstadt ein Einkaufszentrum entsteht und ob dafür Bäume abgeholzt werden, zur Überlebensfrage des Ministerpräsidenten werden", sagte Özdemir gegenüber dem Radiosender RBB.

Auch bringe Erdogan die Macht seiner Partei AKP in Gefahr, die auf dem wirtschaftlichen Erfolg der Türkei basiere. "Wenn sich ausländische Anleger zurückziehen, dann ist auch das Erfolgsmodell der AKP gefährdet", so Özdemir.

Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich über die anhalten Spannungen in der Türkei besorgt und rief beide Seiten zum Dialog auf. In einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung fordert sie zudem eine Untersuchung "aller Fälle übermäßiger Polizeigewalt".

Die Protestwelle in der Türkei hatte sich am 31. Mai an einer gewaltsam aufgelösten Kundgebung gegen ein Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park entzündet. Nach Zahlen der türkischen Ärztevereinigung wurden bei den Unruhen bislang drei Menschen getötet und etwa 4800 verletzt.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:12 Uhr

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