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Türöffner zur Welt

Berliner Migrantenkinder lernen das Leben außerhalb ihres Kiezes kennen

Von Esther Körfgen

Brandenburger Tor bei Nacht. (Deutschlandradio)
Brandenburger Tor bei Nacht. (Deutschlandradio)

Brandenburger Tor, Reichstag und Siegessäule kennen viele Berliner Kinder höchstens aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen. Denn Kinder ausländischer Herkunft verlassen eher selten ihren Kiez. Dass auch diese Jungen und Mädchen einmal ihre Stadt kennen lernen, dafür sorgen seit zwei Jahren Studenten im EU-Projekt "Nightingale".

Das Aquarium des Berliner Zoos. In dem halbdunklen Gang leuchten bläulich-grün die Glaskästen, schwarze Schatten drängen sich davor. Ein Zeigefinger drückt sich auf einer Scheibe platt.

"Es dauert doch ganz viel, bis das hier wächst, ne?"

"Ich glaube schon, ja."

Sinem und Melina: Der einen bieten sich hier nie gesehene Unterwasserwelten, der anderen die unbekannte Gedankenwelt einer elfjährigen Deutsch-Türkin. Die findet, dass die Seerosen starke Ähnlichkeit mit Perücken haben oder dass die Qualle aussieht wie eine Ritterburg. Und dann die Fische:

"Der Schwarze hier sieht wie ein Boxertyp aus Und der Schwarz-weiße sieht wie ein Dingsda aus, der im Gefängnis ist."

Wie ein Sträfling. Wenn Sinem ein Wort sucht, umschreibt sie es. Das ist neu, so wird später ihre Lehrerin erzählen und das als einen Erfolg der Unterhaltung mit der deutschen Studentin bewerten.

"Wächsen die Seepferdchen überhaupt nicht?"

"Ob die was?"

"Wächsen."

Wachsen?

"Ja."

"Wachsen. Doch, ich glaube schon, dass die wachsen."

Sinem hat ihr Wissen aus dem Fernsehen. Seepferdchen kennt sie aus der Reihe "Sponge Bob", Muscheln aus dem Film "Mr. Bean", und der Clownsfisch kommt aus "Findet Nemo". Sie war noch nie im Aquarium, in ihrer Familie gibt es keine Kultur des Miteinander-Ausgehens, um etwas gemeinsam zu erleben. Am Wochenende spielt Sinem mit der Freundin oder hilft der Tante beim Backen. Und unter der Woche bleibt keine Zeit, weil nachmittags die Koranschule auf dem Stundenplan steht.

"Wenn ich von der Schule komme, dann ist es schon zwei, drei Uhr halb, da esse ich schnell, und da gehe ich zur Moschee, bis fünf Uhr bleibe ich da. Und wenn es noch hell draußen ist, dann rufen meine Freunde mich nach unten, und manchmal bleibe ich zuhause und mache meine Hausaufgaben, wenn es dunkel ist draußen."

Es ist ihr fünftes Treffen mit der Studentin. Vor einer Woche waren sie zusammen im Zirkus, davor auf einem Markt. Und die ersten beiden Male haben sie sich gegenseitig ihren Kiez gezeigt - ein Wort, das Sinem zuvor noch nie gehört hatte.

"Also in Kreuzberg, wo sie ja wohnt, war ich bewusst vorher noch nie, vielleicht mal vorbeigefahren, aber sonst kenne ich das nicht. Ich war immer nur in meinem Bezirk, Wilmersdorf und Zehlendorf, und das sind ja schon zwei verschiedene Welten, die da aufeinanderprallen."

Milena Maschmeyer studiert im fünften Semester Grundschulpädagogik. Was sie dort nicht lernt, bekommt sie durch das Projekt mit: Praxis im Umgang mit einer anderen Kultur, einem Kind aus einer Einwandererfamilie. Wichtige Erfahrungen für werdende Lehrer, findet Brunhilde Focke, Konrektorin an Sinems Schule, der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg.

"Ich denke, viele sind doch sehr überrascht, mit welchen Verhaltensschwierigkeiten und welchen Problemen sie konfrontiert werden. Natürlich weiß heute jeder, der in eine Klasse geht, dass nicht mehr alle ruhig sitzen, aber wie anstrengend das manchmal ist, eine klasse zu begeistern und auf den Unterricht zu konzentrieren, das ist schon eine enorme Leistung. Und ich denke, Leute, die schon Erfahrung haben mit Kindern und mal in diesen Bereich hereingeschnuppert haben, auch solche Familien kennen gelernt zu haben, ist das eine richtige Hilfe."

Eine Kollegin hatte das Projekt vor zwei Jahren an die Schule geholt. Sie kannte es aus Schweden. Es ist Kindern aus Einwandererfamilien gewidmet, in der Otto-Wels-Grundschule sind das 90 Prozent. Die meisten Eltern stammen aus der Türkei. Sie haben viele Kinder und gehen arbeiten. Da bleibt wenig Zeit, Ausflüge zu machen. Das Ergebnis: Die Kinder kommen außer mit der Schulklasse nicht aus Kreuzberg heraus.

"Der Großteil meint, wenn man über die Spree fährt, dass wir jetzt Berlin verlassen und ob wir jetzt ins Ausland fahren. Da ist man immer wieder überrascht und sagt, wir sind ja noch in Berlin, das gehört alles dazu, und die haben das Gefühl, aah, das sieht alles so anders aus als da, wo ich wohne, das muss schon ganz weit weg sein."

Die Kinder lernen Neues kennen, und sie lernen jemand Neues kennen, der anders tickt als die Familienangehörigen, und der sich vor allem allein um sie kümmert. Diese Erfahrung sei eigentlich das Wichtigste am ganzen Projekt, meint dessen Leiterin, die Professorin für Grundschulpädagogik an der Freien Universität, Petra Wieler.

"Die Kinder wurden befragt, was für sie das eindrucksvollste Erlebnis gewesen wäre. Und dann waren das gar nicht so die großen Ausflüge, sondern dass sie bei dem Studenten in seiner Wohnung zwei Stunden alleine hätten auf dessen Sofa sitzen dürfen. Das war das Schönste an der ganzen Zeit, und das hat mich ein bisschen mitgenommen, dachte ich, wenn das so eine eindrucksvolle Erfahrung ist, mal ohne Geschwister sein zu dürfen, mal wirklich eine Person für sich alleine zu haben."


"Wenn das die Sonne ist, dann kannst du eine Mondfinsternis machen."

"Das."

"Genau."

Maiko und Hakan unterwegs im Berliner Technikmuseum, in dem sie selbst ausprobieren können, wie sich physikalische Phänomene erklären lassen oder mechanische Abläufe entstehen. Es war Hakans Wunsch, hierher zu kommen, weil er schon einmal mit der Klasse hier war und für manches Interessante keine Zeit gefunden hatte.

"Als wir hingefahren sind, sind wir zwei Stationen zu weit gefahren, weil wir so viel geredet haben, haben wir ganz vergessen auszusteigen, also wir verstehen uns echt gut. Und es ist immer eine ganz andere Sicht auf die Schüler, als was uns an der Uni erzählt wird."

"Wir reden auch über meine Schule, wie es da läuft. Also ich war mal besser."

Die Erlebnisse von Maiko Preller und seinen Kommilitonen sollen schriftlich festgehalten und irgendwann auch für die Wissenschaft ausgewertet werden, Um schwarz auf weiß zu haben, welche Erfolge das Projekt hat. Dass es die durchaus gibt, daran erinnert sich eine Studentin, die beim ersten Durchlauf vor zwei Jahren dabei war.

"Es gab noch mal eine Einführungsveranstaltung für die nächste 'Nightingale'-Generation, und da meinte eine Lehrerin, dass Sera jetzt selbstbewusst die Gänge entlangschreitet, was ich echt nett fand als Feedback, und auch ein bisschen mehr mitmacht im Unterricht, wo sie doch am Anfang sehr verschüchtert war."

Christina Scherzinger hat geschafft, was der Name des Projekts als Ziel vorgibt: "Nightingale", das englische Wort für die Nachtigall. Dazu die Lehrerin Brunhilde Focke:

"'Nightingale' ist der kleine Vogel, der Schutz sucht, und der eigentlich ganz unscheinbar ist. Aber wenn man sich um ihn kümmert, ihn beachtet, ihm die Welt öffnet, dann wird er zu etwas ganz großem."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:27 Uhr