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Über 20 Tote bei Anschlag am Sinai

Ägyptisch-israelische Grenze immer unsicherer

21 Tote bei einem Anschlag an der ägyptisch-israelische Grenze (picture alliance / dpa)
21 Tote bei einem Anschlag an der ägyptisch-israelische Grenze (picture alliance / dpa)

Seit dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak scheint die Sinai-Halbinsel nur begrenzt unter der Kontrolle Kairos. Extremisten richteten nun ein Massaker auf der ägyptischen Seite der Grenze an, um dann in Israel zuzuschlagen. Die israelische Regierung forderte Ägypten zu verstärkten Kontrollen auf.

Bei einem der schwersten Terroranschlägeder vergangenen Jahre in Ägypten haben Unbekannte an einem Sinai-Kontrollposten am Sonntagabend 16 Soldaten getötet. Nach ersten Erkenntnissen sollen schwer bewaffnete Extremisten die ägyptischen Grenzsoldaten nach Einbruch der Dunkelheit beim Fastenbrechen im Ramadan überfallen haben. Die Angreifer seien anschließend mit den entwendeten gepanzerten Truppentransportern zu einem israelischen Grenzübergang gefahren und hätten dort weitere Soldaten beschossen. Nach israelischen Angaben explodierte dann eines der Fahrzeuge. Ein zweites habe den Grenzzaun durchbrochen und sei dann von der israelischen Luftwaffe zerstört worden.

Bisher keine Klarheit über Identität der Täter

Reste eines ausgebrannten Autos nach einem bewaffneten Angriff in Kerem Shalom, Israel (picture alliance / dpa / Gal Ashuach / Handout)Reste eines ausgebrannten Autos nach einem bewaffneten Angriff in Kerem Shalom, Israel (picture alliance / dpa / Gal Ashuach / Handout)Das israelische Militär vermutete Beduinen und islamische Gotteskrieger hinter den Anschlägen, in Ägypten war von einer bislang unbekannten Gruppe aus dem Gazastreifen die Rede. Das aber wurde von der dort herrschenden radikal-islamischen Hamas dementiert. Zunächst bekannte sich niemand zu den Taten. Das ägyptische Militär leitete eine großangelegte Suchaktion nach möglichen überlebenden Terroristen ein. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi versprach, den Sinai wieder unter die Kontrolle des Staates zu bringen. Die Kriminellen würden hart bestraft.

In einem ersten Schritt wurde die Grenze zum Gazastreifen geschlossen. Von dort aus sollen die Extremisten am Sonntag nach Ägypten gelangt sein. Israel forderte die neue Führung des Landes zu schärferen Kontrollen im Sinai auf. "Vielleicht ist das ein Weckruf für die Ägypter, die Zügel auf ihrer Seite anzuziehen", sagte Verteidigungsminister Ehud Barak vor einem Ausschuss des Parlaments in Jerusalem.

Der Vorfall ist eine der ersten großen diplomatischen Bewährungsproben, die der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi bestehen muss, da sowohl eine Belastung der Beziehungen zu Israel als auch zu den Palästinensern droht. Seit dem Sturz des langjährigen ägyptischen Machthabers Husni Mubarak im vorigen Jahr klagt Israel über laxe ägyptische Sicherheitsvorkehrungen auf der seit dem Friedensvertrag entmilitarisierten Sinai-Halbinsel. Mursi hat ein Festhalten am Vertragswerk mit Israel angekündigt. Er hat sich aber auch der radikal-islamischen Hamas angenähert, die den an den Sinai grenzenden Gazastreifen beherrscht. Die ägyptische Regierung hat die Grenze zum Gaza-Streifen bis auf weiteres geschlossen.

Anschlagsserie auf dem Sinai

Nach dem Bombenattentat: zerstörte Strandidylle in Dahab, Ägypten. (AP)Zerstörte Strandidylle nach früherem Bombenattentat auf Sinai (AP)Die ägyptische Sinai-Halbinsel liegt an der Nahtstelle von Afrika und Asien. Im Sechstagekrieg 1967 eroberte Israel den Sinai. Nach dem Friedensvertrag von 1979 wurde er bis 1982 an Ägypten zurückgegeben. Die ägyptische Regierung baute die von Korallenriffen gesäumte Küste am Golf von Akaba zur "Riviera des Nahen Ostens" aus. Von Scharm el Scheich im Süden bis Taba im Nordosten wurden Badeorte mit großen Hotelanlagen aus dem Wüstensand gestampft. Auch viele Israelis verbringen hier ihre Ferien.

Seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak wurden mehrfach Grenzposten angegriffen, Touristen entführt und Gaspipelines attackiert:

28. Mai 2012: Beduinen entführen zwei US-Touristen nahe dem Badeort Dahab. Sie kommen nach drei Tagen wieder frei.

7. Mai 2012: Beduinen verschleppen für mehrere Stunden sechs Soldaten der auf dem Sinai stationierten internationalen Beobachtertruppe.

9. April 2012: Mehrere bewaffnete Männer zünden nahe Al-Arisch ein Sprengstoffpaket unter der Sinai-Erdgaspipeline. Es ist bereits der 14. Anschlag seit dem Sturz Mubaraks im Februar 2011.

27. März 2012: Bei einem Feuergefecht erschießen ägyptische Soldaten an der Grenze zu Israel zwei mutmaßliche Schmuggler.

22. März 2012: Eine tschechische Reiseleiterin wird nahe Scharm el-Scheich von Bewaffneten verschleppt und kurz danach wieder freigelassen. Wenige Tage zuvor hatten Beduinen zwei brasilianische Touristinnen für mehrere Stunden verschleppt. Im Norden des Sinai wurden 25 chinesische Arbeiter für 15 Stunden festgehalten. Die Entführer wollen inhaftierte Beduinen freipressen.

24. November 2011: Zwei ägyptische Sicherheitskräfte werden im Grenzgebiet zu Israel nach israelischen Armeeangaben bei einem Feuergefecht mit beduinischen Schmugglern getötet.

18. August 2011: Terroristen dringen vom Sinai aus in die israelische Stadt Eilat vor und töten acht Israelis. Eine zweite Gruppe Angreifer feuert anschließend von ägyptischem Gebiet aus auf Israelis jenseits der Grenze, um die Flucht ihrer Komplizen nach Ägypten zu ermöglichen. Im Kreuzfeuer sterben mehrere ägyptische Grenzwächter.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr