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Uni Gießen überpüft Steinmeiers Doktorarbeit

Fachhochschulprofessor erhebt Plagiatsvorwürfe gegen den SPD-Fraktionsvorsitzenden

Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. (dpa / picture alliance / Minkoff/Augenklick)
Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. (dpa / picture alliance / Minkoff/Augenklick)

Die Universität Gießen will die Doktorarbeit Frank-Walter Steinmeiers zügig überprüfen. Das Verfahren werde nur wenige Wochen dauern, sagte Uni-Präsident Joybrato Mukherjee. Der Fachhochschulprofessor Uwe Kamenz hatte Vorwürfe erhoben, die Dissertation des SPD-Fraktionschefs sei ein Plagiat.

Steinmeier spricht von einem absurden Vorwurf

Der Dortmunder Fachhochschul-Professor Uwe Kamenz hatte am Wochenende Vorwürfe gegen Fank-Walter Steinmaier erhoben, wonach dessen Dissertation zum Thema "Bürger ohne Obdach: Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum. Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit" unter Plagiatsverdacht stehe.

444 Seiten ist die Dissertation lang und soll an über 500 Stellen plagiiert worden sein. Der Wirtschaftsprofessor Kamenz hat die Doktorarbeit Steinmeiers mit einer Computer-Analyse überprüft und dabei eigenen Angaben zufolge "umfangreiche Plagiatsindizien" gefunden. Steinmeier sprach von einem absurden Vorwurf. Der Präsident der Universität Gießen Joybrato Mukherjee sprach im Interview mit dem Deutschlandfunk, dass die Überprüfung der Promotion Steinmeiers der Qualitätssicherung in der Wissenschaft diene.

Aufwandsentschädigungen vom "Focus"

Kamenz hatte die Vorwürfe im Nachrichtenmagazin "Focus" erhoben. Das Magazin soll Presseberichten zufolge Geld an die Fachhochschule beziehungsweise an Kamenz für ein Erstpublikationsrecht gezahlt haben. Nach Angaben einer Sprecherin des Burda-Verlags, in dem das Magazin erscheint, sei zweimal ein dreistelliger Euro-Betrag als Aufwandsentschädigung für das Digitalisieren von Büchern geflossen. "Dies geschah losgelöst von der Untersuchung bestimmter Dissertationen", sagte die Sprecherin. Der Fachhochschullehrer räumte entsprechende Zahlungen des "Focus" ebenfalls ein.

Kamenz hatte vor zwei Jahren mit der Ankündigung für Aufsehen gesorgt, 1000 Doktorarbeiten von Politikern auf Betrügereien zu untersuchen, um "Plagiate in Deutschland auszurotten". Unter Experten war sein computergestütztes Plagiaterkennungssystem "Profnet", für dessen Einsatz er auch Sponsoren suchte, allerdings umstritten. An der Fachhochschule Dortmund ist Kamenz als Professor für Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing tätig.

Problematische Übereinstimmungen

Der Professor gab an, die Arbeit Steinmeiers mit 95 Quellen verglichen zu haben. An mehr als 500 Stellen habe er "problematische Übereinstimmungen" registriert, ohne zu konkretisieren, was damit gemeint ist. 60 Passagen könnten als sogenannte Verschleierungen gewertet werden. Eine Quelle soll im kompletten Wortlaut abgeschrieben worden sein.

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Letzte Änderung: 08.10.2013 23:12 Uhr