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Venezuelas Präsident Hugo Chavez gestorben

Der Staatschef erlag einem Krebsleiden

Chavez bei einer Militärparade (picture alliance / dpa /EFE /EPA / David Fernandez)
Chavez bei einer Militärparade (picture alliance / dpa /EFE /EPA / David Fernandez)

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez ist tot. Das teilte Vizepräsident Nicolas Maduro im venezolanischen Fernsehen mit. Chavez hatte sich in einem Militärkrankenhaus in der Hauptstadt Caracas wegen seiner Krebserkrankung behandeln lassen. Dort erlag er einer Atemwegsinfektion.

Chavez war 1998 mit einem Erdrutschsieg erstmals zum Präsidenten gewählt worden. Bekannt geworden war er sechs Jahre zuvor durch einen missglückten Putschversuch. Als Anführer einer revolutionären Gruppe wollte der damalige Oberstleutnant die Regierung von Carlos Andrés Perez stürzen. Diese war wegen ihres brutalen Vorgehens gegen Demonstranten und der tiefen Wirtschaftskrise in die Kritik geraten.

Als Sohn eines Dorfschullehrers mit indianischen Wurzeln galt Hugo Chavez gerade der ärmeren, ländlichen Bevölkerung als einer der ihren. Während seiner Ausbildung beim Militär hatte er sich mit sozialistischen und sozialrevolutionären Ideen befasst und im Wahlkampf um das Präsidentenamt einen "dritten Weg" zwischen Staatswirtschaft à la Sozialismus und "wildem Kapitalismus" versprochen.

Dieses Versprechen versuchte Chavez mit tief greifenden Reformen einzulösen. In einem Referendum stimmte das Volk 1999 einer neuen, "bolivarischen" Verfassung zu. Sie stärkte das Amt des Präsidenten auf Kosten des Parlaments, verbesserte in mehreren Bereichen die direkte Bürgerbeteiligung und untersagte die Privatisierung der Ölfirmen und des Gesundheitswesens. Großgrundbesitzer wurden teilweise enteignet und umfangreiche Bildungs-und Sozialprogramme aufgelegt.

Der Erzfeind USA

George W. Bush (AP)Chavez Lieblingsfeind George W. Bush (AP)So wie sein Vorbild Simon Bolivar im 19. Jahrhundert die Unabhängigkeitsbewegung der lateinamerikanischen Staaten gegen die spanischen Kolonialherren angeführt hatte, so wollte Chavez nun erneut für die Befreiung Südamerikas kämpfen. Sein Feind war nun aber nicht Spanien, sondern die Regierung der USA. Unter Chavez kühlten sich die Beziehungen beider Staaten dramatisch ab.

Er verärgerte amerikanische Ölkonzerne mit drastischen Enteignungen und hohen Steuern, durchbrach die von den USA betriebene Isolation Kubas, traf sich mit Saddam Hussein, besuchte den Iran und bezeichnete den damaligen US-Präsidenten George W. Bush vor der UN-Vollversammlung als "Teufel". Chavez warb bei seinen südamerikanischen Nachbarn für eine engere Zusammenarbeit und nutzte das Geld aus der Ölwirtschaft, um die sozialistischen Regierungen von Ecuador und Kuba zu unterstützen. Gleichzeitige schmiedete er Allianzen mit Ländern wie China und dem Iran.

Diktatorische Machtfülle

Die außenpolitischen Angriffe dienten ihm nicht zuletzt auch dazu, über die innenpolitischen Unruhen Venezuelas hinwegzutäuschen. Chavez Reformen hatten die Opposition, Unternehmer, Kirchen und Gewerkschaften in ihren Rechten und Freiheiten stark beschnitten. Wichtige Staatsämter besetzte er mit getreuen Anhängern oder Familienmitgliedern, oppositionelle Medien wurden in den 14 Jahren seiner Präsidentschaft systematisch ausgeschaltet. Obwohl Venezuela zu den größten Erdölförderern der Welt gehört, brach unter Chavez die Wirtschaft ein. Streiks und Demonstrationen versuchte er mit Notstandsdekreten zu begegnen.

Als es während seiner zweiten Präsidentschaft 2002 zu einem Putschversuch kam, beschuldigte Chavez ausländische Agenten - allen voran die USA. In seiner Fernseh-und Radiosendung "Aló Presidente" hielt er stundenlange Vorträge, stellte Sozialprojekte vor, befragte Minister und wetterte gegen seinen Erzfeind – die USA, während er sich gleichzeitig während seiner dritten Amtszeit eine quasi diktatorische Machtfülle sicherte.

Wie der Präsident sich selbst dabei sah - und ein Großteil seiner Anhänger - formulierte er selbst in seinem letzten Wahlkampf 2012: "Chávez ist das Herz des Volkes! Und das ganze Volk ist im Herzen von Chávez!"

Die Krebserkrankung

Venezuelas Staatschef Hugo Chávez (dpa / Miguel Gutierrez)Chavez mit Anhängern (dpa / Miguel Gutierrez)Im Juni 2011 machte Chavez seine Krebserkrankung öffentlich, wegen der er sich wochenlang in Kuba hatte behandeln lassen – ein brisanter Zeitpunkt, denn wenige Monate zuvor hatte er erklärt, ein viertes Mal kandidieren zu wollen. Kurz vor seiner Wiederwahl im Oktober 2012 verkündete er, den Krebs besiegt zu haben, musste sich aber zwei Monate später erneut nach Kuba in Behandlung begeben.

Seitdem gab es von dem sonst allgegenwärtigen Präsidenten nur noch gelegentliche Fotos aus dem Krankenhaus, während er in den staatlichen Medien weiterhin als Heilsbringer gepriesen wurde. Weil er zu krank war, um zu seiner Vereidigung zu erscheinen, verschob das Verfassungsgericht den Termin auf unbestimmte Zeit. Seitdem ist das Land praktisch ohne Regierung.

Unmittelbar vor dem Tod des Präsidenten war es zu erneuten Spannungen zwischen den USA und Venezuela gekommen. Vizepräsident Maduro, der Chavez als Regierungschef vertrat, hatte zwei amerikanische Militär-Diplomaten ausgewiesen. Sie wurden beschuldigt, an der Destabilisierung Venezuelas zu arbeiten. Zuvor hatte Maduro öffentlich darüber spekuliert, dass Chavez gezielt mit Krebs infiziert wurde. Diese Anschuldigungen wies die US-Regierung entschieden zurück: Man sei nicht in eine Verschwörung verstrickt.

Neuwahlen in einem Monat

Stirbt der Präsident, sieht die venezolanische Verfassung Neuwahlen innerhalb von 30 Tagen vor. Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge gilt Maduro. Er war noch von Chavez als dessen Wunsch-Nachfolger benannt worden. Er ist ein loyaler Chavez-Anhänger, soll gleichzeitig aber auch konzilianter und dialogbereiter als sein Vorbild sein.

Auf Venezuelas neuen Präsidenten kommen gravierende Probleme zu: Die Wirtschaft liegt am Boden. Trotz des Ölreichtums muss das Land mittlerweile Benzin importieren, der staatlich festgeschriebene Umtausch-Kurs der Landeswährung hat zu einem florierenden Schwarzmarkt geführt. Dass internationale Investoren bald in das Land zurückkehren, ist unwahrscheinlich - ihr Vertrauen in die venezolanische Regierung hat unter Chavez zu sehr gelitten.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

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