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Verhärtete Fronten bei Stuttgart 21

Stresstest für Bahnprojekt offiziell für erfolgreich erklärt

Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler (links) bei der Präsentation der Stresstest-Ergebnisse. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Stuttgart-21-Schlichter Heiner Geißler (links) bei der Präsentation der Stresstest-Ergebnisse. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Im Stuttgarter Rathaus werden derzeit die Ergebnisse des Belastungstests für den geplanten unterirdischen Bahnhof diskutiert. Der Stresstest wurde heute offziell für bestanden erklärt. Die Gegner fordern dennoch weiterhin den Erhalt des bestehenden Kopfbahnhofs und kritisieren die Bedingungen des Tests.

Der Belastungstest hat gezeigt, dass der geplante unterirdische Bahnhof 30 Prozent mehr Züge in der Hauptverkehrszeit abfertigen kann als der bisherige oberirdische Kopfbahnhof. Das hatten die Gegner des Projekts bezweifelt, die auch jetzt noch immer den Verzicht auf das Bauprojekt und die Weiterentwicklung des bestehenden Kopfbahnhofs fordern. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 bemängelt, dass es auf die Prämissen des Stresstests keinen Einfluss gehabt habe. Zudem monierten die Vertreter des Bündnisses diverse Mängel fest und forderten einen weiteren Belastungstest mit strengeren Kriterien.

Die Bahn wies dies zurück. Am Nachmittag kündigte Bahn-Technikvorstand Volker Kefer aber eine Fortsetzung der Simulation an. Dies sei jedoch kein zweiter Stresstest, betonte er.

Schlichter Heiner Geißler rügte die Bahn wegen der mangelnden Beteiligung der Bauprojekt-Gegner. Den Test der Schweizer Beraterfirma SMA als solchen nannte er aber über alle Zweifel erhaben.

Walter Sittler, Schauspieler und bekanntestes Gesicht der Stuttgart-21-Gegner, glaubt dagegen, dass die Simulation des Stresstests auf ein bestimmtes Ergebnis ausgerichtet wurde und zwar auf das "was man haben wollte". Die Kosten, sagte Sittler im Interview mit dem Deutschlandfunk, würden zudem "aus dem Ruder laufen".

Derzeit diskutieren die Gegner und Befürworter die Ergebnisse des Stresstests.

Der Fernsehsender Phoenix überträgt die Präsentation der Stresstest-Ergebnisse sowie die Diskussion darüber live aus Stuttgart.

Der Stuttgarter Hauptbahnhof und das Gelände von Stuttgart 21 (picture alliance / dpa / Benjamin Beytekin)Der Stuttgarter Hauptbahnhof und das Gelände des Bauprojekts "Stuttgart 21". (picture alliance / dpa / Benjamin Beytekin)

Vier Milliarden für zwei Züge mehr

Dass Stuttgart 21 den Stresstest bestanden hat, war bereits vor der offiziellen Vorstellung der Ergebnisse bekannt geworden. Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke bewertete die Ergebnisse des Tests für Stuttgart 21 im Deutschlandfunk: Es sei offenbar tatsächlich möglich, 49 Züge zur Spitzenverkehrszeit auf den acht Gleisen im geplanten Tiefbahnhof abzufertigen. Der Kopfbahnhof habe allerdings früher auch schon einmal mehr Züge abwickeln können: Im Fahrplan 1970 fuhren zu Spitzenzeiten 47 Züge. Für zwei Züge mehr jetzt vier Milliarden Euro auszugeben, sei durchaus hinterfragenswert, so Gäthke.

Die Debatte geht weiter

Der Stresstest stellt eigentlich das Ende des monatelangen Schlichtungsverfahrens dar. Doch Schlichter Heiner Geißler erwartet kein Ende des Streits. "Ich glaube nicht, dass man da einen Schlussstrich ziehen kann", sagte er am Vormittag im ZDF.

Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat denn auch bereits einen neuen Belastungstest mit strengeren Kriterien gefordert. Vertreter der Deutschen Bahn wiesen dies zurück.

Der neue Vorsitzende der CDU in Baden-Württemberg, Thomas Strobl, sagte im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, die Gegner von Stuttgart 21 seien immer "nur dann bereit, Ergebnisse zu akzeptieren, wenn sie ihnen in den Kram passen". Man könne nicht "bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag erneut Gutachten, erneut Schlichtungsverfahren machen". Irgendwann müssten die Dinge auch einmal entschieden sein und das Projekt gebaut werden - zumal es auch sehr viel Geld kosten würde, jetzt noch aus dem Projekt auszusteigen.

Konsequenzen aus Stuttgart 21

Professor Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Uni Freiburg, sagte im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, Schlichtung und Stresstest für Stuttgart 21 eigneten sich nicht als Modell für ein demokratisches Verfahren. Vielmehr dürfe es gar nicht erst dazu kommen, dass eine Schlichtung notwendig wird. Das erfordere ein Nachdenken über Planungsverfahren. Für Stuttgart 21 prognostiziert er einen Volksentscheid am Ende des Jahres.

Weitere Informationen zum Thema auf dradio.de:

Interview mit Walter Sittler: "Stuttgart ist im Moment einer der besten Bahnhöfe" (DLF)
Stuttgart 21 besteht Stresstest (DLF)
Stress mit dem Test - Streit um das Stuttgart-21-Gutachten (DLF)
Interview mit Tübingens grünem OB Boris Palmer: "Stuttgart 21 ist durchgefallen" (DKultur)
Interview: "Stresstestziel ist nicht realistisch" (DKultur)
Interview: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann kritisiert Veröffentlichung des Stuttgart-21-Stresstests (DLF)
Kommentar: Stuttgart 21 nimmt die größte Hürde - ein schwerer Schlag ins Kontor für die Bahnhofsgegner (DLF)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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