Verwirrung ist Programm

Bundespräsident eröffnet documenta in Kassel

Ein Bienenschwarm als Kopf in der Skulptur "Untilled" des Künstlers Pierre Huyghe (dpa / Uwe Zucchi)
Ein Bienenschwarm als Kopf in der Skulptur "Untilled" des Künstlers Pierre Huyghe (dpa / Uwe Zucchi)

Als weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst gilt die documenta in Kassel. Bundespräsident Joachim Gauck hat das "Museum der 100 Tage" eröffnet. Zu sehen sind die Werke mehr als 150 Künstler in Museen, Parks, Bunkern, Auenwäldern - und in Kabul. Eine Reise in die Konfusion.

Das soll wohl Schwarmintelligenz sein: Ein Bienenvolk okkupiert in der Kasseler Karlsaue den Kopf einer Skulptur des französischen Künstlers Pierre Huyghe. Das Bilderrätsel heißt "Untilled", zu deutsch etwa "unkultiviert", mit dem Untertitel "lebendige Wesen und leblose Dinge, gemacht und nicht gemacht". Die Weltkunstschau documenta 13, die nur alle fünf Jahre stattfindet, will den Betrachter verstören und die gewohnten Kunstperspektiven verwischen. Kassel wird zur zur künstlerischen Welthauptstadt.

Ein Schwalbenschwanz sitzt auf einer Blume im Schmetterlingsbeet der deutschen documenta-Teilnehmerin Kristina Buch (dpa / Uwe Zucchi)Ein Schwalbenschwanz sitzt auf einer Blume im Schmetterlingsbeet der deutschen Künstlerin Kristina Buch (dpa / Uwe Zucchi)Bundespräsident Joachim Gauck eröffnete die "documenta (13)". Er habe sich vor seinem Besuch zwar gedacht, "Mein Gott, wo gehst du hin?", stellte aber fest: "Wir brauchen die Kunst wie die Religion und die Philosophie, um tiefer in die Dinge hineinzukommen und uns selber zu entdecken - Kunst kann uns aufwecken".

Die Schau dauert in diesem Jahr bis zum 16. September, genau 100 Tage. Der Maler und Kunstprofessor Arnold Bode hatte das "Museum der 100 Tage" 1955 begründet - als Beiprogramm zur Bundesgartenschau. Bode wollte die von den Nationalsozialisten als entartet geächtete Kunst zeigen. Im Abstand von fünf Jahren fasst die documenta nicht nur aktuelle Tendenzen moderner Kunst zusammen, sondern ist auch Ort für neue Ausstellungskonzepte.

"Die documenta ist immer anders, das ist ja das Witzige", sagte Bodes Tochter, die Künstlerin E. R. Nele (80), der Nachrichtenagentur dapd. Weil der Kurator von Mal zu Mal wechsele, würden immer neue Künstler entdeckt, manche etablierten sich, andere nicht, "aber es gibt immer einen Überraschungseffekt".

Eingang zu einer Halle am Hauptbahnhof in Kassel (dpa / Boris Roessler)Eingang zu einer Halle am Hauptbahnhof in Kassel (dpa / Boris Roessler)Mehr als 150 Künstler aus 55 Ländern präsentieren an so vielen Orten wie nie zuvor ihre Kunstwerke. Mit dabei ist auch Salvador Dalí, der 1964 erstmals vertreten war. Was diese Teilnehmer ausstellen, "mag Kunst sein oder nicht", hatte documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev bei der Vorstellung ihres Konzepts erklärt. "Die Grenze zwischen dem, was Kunst ist und was nicht, wird unwichtiger."

Wichtiger wird der Schauplatz. Die Besucher können nicht nur an den traditionellen Ausstellungsorten wie dem Museum Fridericianum, der documenta-Halle und der Neuen Galerie, sondern auch in mehreren 50er-Jahre-Bauten in Kassel und im fernen Kabul documenta-Kunst ansehen. Weitere Orte sind ein alter Bahnhof, das Bali-Kino in Kassel und leer stehende Büros.

Kunstkritiker sind von dem Konzept der documenta-Chefin wenig begeistert. Solche Kuratoren verstehen ihre Aufgabe als Kenner, Künstler oder Kapitän, meint Frank Kaspar im Deutschlandradio Kultur. Und Martin Tschechne analysiert, dass die Amerikanerin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln der "documenta (13)" einen schlechten Start verschafft hat.

Das Bild eines riesigen Flugzeuges von Thomas Bayrle (dpa / Boris Roessler)Das Bild eines riesigen Flugzeuges von Thomas Bayrle (dpa / Boris Roessler)Für den Bundespräsidenten sei der Rundgang "eine andere Begegnung, als die über die Medien zuvor". Gauck habe das Werk des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle beeindruckt, ein acht Meter hohes und über 13 Meter breites Schwarz-Weiß-Bild eines Flugzeugs, das aus unzähligen kleinen Flugzeug-Bildern zusammengesetzt ist. Sieben auf Podeste montierte Automotoren "beten" Bayrle zufolge und kommentieren so den Traum vom Fliegen. Eine Verbindung von alten Motoren mit Texten aus Kirchenräumen - "das habe ich noch nicht gesehen", sagte Gauck.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr