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Visitenkarte Geistes Haltung

Die Kommentare im Deutschlandfunk

Christoph Heinemann, Leiter Redaktion Zeitfunk (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Christoph Heinemann, Leiter Redaktion Zeitfunk (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)

Einseitig, unausgewogen, nur eine Seite beleuchtend: So verurteilen gelegentlich Hörerinnen und Hörer unsere Kommentare. Zu Recht. Aber so sollen sie eben sein. Denn Kommentare betonen immer eine Sicht der Dinge. Sie drücken eine Meinung aus. Sind subjektiv. Mit Argumenten, die überzeugen – oder auch nicht.

Der Kommentar deutet, bietet eine Lesart an. Und drückt doch zwischen den Zeilen aus, dass alles auch anders beurteilt werden könnte. Unsere Autorinnen und Autoren bewerten den Pegel der Flüssigkeit im Glas: halb voll oder halb leer. Das entschiedene Sowohl-als-auch meiden wir wie der sprichwörtliche
Teufel das Weihwasser.

Die spitze Feder (oder deren Entsprechung im digitalen Zeitalter) ist erwünscht. Schmunzeln erlaubt. Ein Kommentar kann für Ärger sorgen. Vor allem bei denjenigen, die anderer Meinung sind. Weil ein Kommentar eben nicht bloß eine Annotation beinhaltet, sondern mehr ausdrückt als nur eine erläuternde Anmerkung.

Morgens sammeln wir, was unsere Hörerinnen und Hörer interessieren könnte. Im Tageskarussell der Themen gibt es Zu- und Aussteiger. Um 19.05 Uhr kommentieren wir die drei Ereignisse, die wir für die wichtigsten halten (samstags und sonntags jeweils ein Thema). Unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten sowie Sachverständige aus den Fachredaktionen greifen in die Tasten. Oder Kolleginnen und Kollegen, denen es spontan in den Fingern juckt. Wir geben keine Meinung vor: Jede/r soll ihre und seine Überzeugung vertreten.

Politische Weichenstellungen, über die spät entschieden wird, oder gesprächswertige Tweets, die wegen der Zeitverschiebung erst am späten Nachmittag erscheinen, können dazu führen, dass live – also unmittelbar in der laufenden Sendung – kommentiert wird. In der Regel erreichen uns Texte und überspielte Beiträge im Laufe des Nachmittags. Zunächst die Manuskripte, die gelesen und redigiert werden. Manchmal entwickelt sich dabei ein Hin und Her zwischen Redaktion und Autorenschaft.

Und wenn im überspielten Audiobeitrag eine Silbe fehlt, bedarf es weiterer Rücksprache. Unsere Technikerinnen und Techniker achten auf die Hörbarkeit: Nebengeräuschen, Schmatzern sowie Störendem aus Nase oder Luftröhre rücken sie mit der digitalen Schere zu Leibe.

Am späten Nachmittag wächst der Zeitdruck: Die bearbeiteten Kommentar-Audios müssen in das digitale Sendesystem gestellt werden, die Texte zur Einführung in das Kommentarthema geschrieben und an unser Sprecherteam übermittelt werden.

Und online sollen unsere Meinungsbeiträge auch abrufbar sein, schriftlich und audiophon. Damit Hörerinnen und Hörer sie dann hören können, wenn sie Zeit haben. Wahrscheinlich sind diese Kommentare dann wieder einseitig, unausgewogen, nur eine Seite beleuchtend. Zu Recht.

Christoph Heinemann,
Leiter der Abteilung ‚Aktuelles‘,
Deutschlandfunk


Deutschlandfunk
Täglich, 19.05 Uhr
Kommentar


Aus dem Programmheft, Ausgabe Februar 2019