Von der Notwendigkeit, die Welt von beiden Seiten zu betrachten

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot

Wolfgang Herrndorf, deutscher Schriftsteller und Maler (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Wolfgang Herrndorf, deutscher Schriftsteller und Maler (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Er schrieb Romane über Berlin und die Ränder Ostdeutschlands und war Illustrator für das Satiremagazin "Titanic". Der Schriftsteller und Bachmann-Preisträger Wolfgang Herrndorf ist mit 48 Jahren gestorben.

Mit dem Abenteuer-Roman "Tschick" gelang Herrndorf 2010 sein großer Durchbruch. Im gleichen Jahr wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Bis zuletzt schrieb Herrndorf ein Online-Tagebuch über sein Leben mit dem Hirntumor. Er hatte drei Gehirnoperationen, zwei Bestrahlungen und drei Chemos hinter sich. Herrndorf sei jedoch nicht an Krebs gestorben, sondern habe sich das Leben genommen, twitterte seine Weggefährtin Kathrin Passig heute.

Eigentlich hatte der 1965 in Hamburg geborene Autor kein Schriftsteller werden wollen. Er sei in einem "sehr kleinbürgerlichen Haushalt" aufgewachsen, sagte Herrndorf über seine Kindheit. Zu Hause wurde zwar gelesen, aber "Literatur, genauso wie überhaupt ein Museum oder so etwas, das habe ich erst entdeckt, als ich volljährig war".

Nach der Schulzeit studierte er Kunst in Nürnberg. Danach zog es ihn nach Berlin, wo er seit seiner Krebsdiagnose sehr zurückgezogen lebte. Auf seiner Internetseite schrieb er: "Keine Anfragen, keine Interviews, keine Ausnahmen."

Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

Wolfgang Herrndorf bei der Verleihung des Bachmann-Preises 2004 in Klagenfurt (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)Wolfgang Herrndorf bei der Verleihung des Bachmann-Preises 2004 in Klagenfurt (picture alliance / dpa / Gert Eggenberger)In Berlin arbeitete Herrndorf zunächst als Illustrator, unter anderem für das Satiremagazin "Titanic". Herrndorf war zu dieser Zeit auch Hobby-Autor. Über einen Verlagsjob gelang ihm die Veröffentlichung seines ersten Buchs "In Plüschgewittern", einem außergewöhnlichen Berlin-Roman, wie Ulrich Rüdenauer in einem Nachruf im Deutschlandradio Kultur sagt.

Seinen ersten Erfolg feierte Herrndorf allerdings erst 2004, als er in Klagenfurt mit seinem aufsehenerregenden Vortrag "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einheimste. Die Kurzgeschichte beschreibt die Begegnung eines frustrierten Erwachsenen mit einem pubertierenden Jungen, der von einem Leben als Kosmonaut träumt. Präzise und knisternd schildert Herrndorf, wie der zynische 30-Jährige den Jungen mit kruden Verschwörungstheorien aller Illusionen beraubt.

Erst drei Jahre später, 2007, veröffentlichte er "Diesseits des Van-Allen-Gürtels im gleichnamigen Erzählband. 2008 erhielt der Autor schließlich den damals erstmals verliehenen Deutschen Erzählerpreis. Die Jury würdigte damit sein "ironisches und melancholisches Spiel mit zeitgenössischen Wirklichkeiten, seien es nun die Milieus von Werbeagenturen, Literatenzirkeln oder die asozialen Ränder Ostdeutschlands".

Präzise Sprache und scharfe Milieubeschreibungen

Wolfgang Herrndorf: Tschick (Rowohlt Berlin Verlag) (Rowohlt Verlag)Wolfgang Herrndorf: Tschick (Rowohlt Berlin Verlag) (Rowohlt Verlag)Aufsehen erregte Herrndorfs zweiter Roman "Tschick", der über Monate hinweg auf den Bestsellerlisten Deutschlands zu finden war. 2011 wurde der Autor dafür mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In dem Buch geht es um zwei 14-jährige Berliner Außenseiter, die sich mit einem geklauten Lada quer durch den Osten Deutschlands bis in die Walachei durchschlagen. Die Road-Novel "Tschick" ist so grotesk, traurig, dramatisch und komisch, dass man vor Lachen oft gar nicht weiterlesen kann, fand Jörg Magenau in einer Rezension im Deutschlandradio Kultur.

Immer wieder wurde der Schriftsteller für seine Sprache gewürdigt. Er schafft es, eine "mild slang-geprägte Jugendsprache zu entwickeln", die authentisch klingt und nicht peinlich berührt, urteilte Marius Meller im Deutschlandfunk.

Herrndorf schaue seinen Helden aufs Maul, ohne dass es aufdringlich oder peinlich werde, urteilte der Tagesspiegel in einer Rezension. Und auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung würdigte Herrndorfs Sprache, die "so präzise bis ins Detail" sei und sich trotzdem noch locker lesen lasse.

"Sand" als Gegenentwurf zu "Tschick"

Obwohl bei Herrndorf 2010 ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert wurde, schrieb er weiter an seinem letzten Werk "Sand", das 2011 veröffentlicht wurde. Der surrealistische Thriller entführt den Leser in den Sommer Nordafrikas des Jahres 1972. Darin beschreibt Herrndorf einen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und von dem andere Menschen ein Geheimnis erfahren wollen, das er selbst nicht kennt. Die Süddeutsche Zeitung wertete den Roman als einen "parodistischen Agententhriller", die Frankfurter Rundschau würdigte seinen schwarzen Witz, unprätentiösen Tiefsinn und seine unverschämte Albernheit. Nach "Tschick" hatte die Buchwelt nicht mit einem eher düsteren Werk von Herrndorf gerechnet. "Sand" wurde 2012 auf der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet.


Wegen seines Hirntumors fuhr Herrndorf nicht persönlich nach Leipzig. Stattdessen nahm sein langjähriger Freund und Chef-Dramaturg am Staatsschauspiel Dresden, Robert Koall, die Auszeichnung entgegen. "Sand" ist Koall zufolge ein "nihilistischer Gegenentwurf" zu "Tschick". Herrndorf habe die beiden gegensätzlichen Bücher aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschrieben, um die Welt von verschiedenen Seiten zu betrachten, erklärte Koall in einem Interview im Deutschlandradio.

Khuon: Herrndorfs Tod "unglaublich traurig"

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdigte Herrndorf als begnadeten und fantasievollen Autor. Mit seinen Büchern habe er Leser aller Generationen gefesselt. Auch der Berliner Theaterintendant Ulrich Khuon findet Herrndorfs Tod "unglaublich traurig". Ihn zu lesen, habe immer zum Leben ermuntert, sagte Khuon. Es sei ihm gelungen, hinter einer negativen Fassade seiner Figuren eine "zarte Seelenlandschaft" zu zeichnen.

"Mit der Diagnose leben geht, Leben ohne Hoffnung nicht", zitiert Ulrich Rüdenauer Wolfgang Herrndorf in seinem Nachruf bei Deutschlandradio Kultur: "Zumindest in seinen Texten lebt sie weiter, diese Hoffnung."


Weitere Auszeichnungen

Clemens-Brentano-Förderpreis 2011, Hans-Fallada-Preis 2012, Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2012.

Letzte Änderung: 14.10.2015 15:30 Uhr