Startseite > _Archiv > Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts > Beitrag vom 01.09.2011

Vor den Wahlen: Bollewick steht unter Stom

Bio-Energiedörfer sollen unabhängig von Erdöl, Erdgas und Atomenergie werden

Von Jonas Reese

Mit Biogasanlagen wird Strom produziert. (AP)
Mit Biogasanlagen wird Strom produziert. (AP)

Mecklenburg-Vorpommern soll das alternative Energieland der Bundesrepublik werden. Mit Windkraft, Bio- und Solaranlagen. Bereits jetzt gibt es Dörfer, die ihren eigenen Strom produzieren und fast autark sind.

"Als Landwirt, denkt man erst mal an Lebensmittel und nicht gleich an Energie, aber keiner kann mehr ohne Energie, Fernseher muss laufen und so was."

Henk van der Ham ist Landwirt und Energiewirt. Schnellen Schrittes führt er durch seine neue Biogasanlage. Seit drei Monaten ist sie am Netz und erzeugt Strom für rund 800 Haushalte.

Van der Hams Anlage ist das Herzstück des Bio-Energiedorfs Bollewick. Ein 400-Seelen-Dorf in der Mecklenburger Seenplatte.

Bio-Energiedorf, das heißt: Man will sich hier unabhängig machen von Erdöl, Erdgas und Atomenergie. Man will seinen eigenen Biostrom herstellen und damit auch noch Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen.

Initiator hinter diesem Projekt ist Bollewicks Bürgermeister Berthold Meyer. Wenn er sein Büro in einer alten sanierten Scheune betritt, produzieren über ihm auf dem Dach fast 1000 Quadratmeter Solaranlagen umweltfreundlichen Strom.

Das Erzeugen von eigenem Strom ist für ihn nur der Anfang. Zu Beginn des nächsten Jahres will er unter den Straßen Bollewicks ein Nahwärmenetz verlegen, das die Wärme von van der Hams Anlage im Dorf verteilt. Für Bertold Meyer ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Ressourcennutzung.

"Also ich gebe das Geld, wenn ich meine Bude dann nächstes Jahr warm habe, nicht mehr Herrn Putin, sondern ich gebe es meinem Landwirt, und wir müssen sicherlich 15 Jahre lang das Nahwärmenetz abbezahlen, aber danach ergeben sich ganz neue Investitionsmöglichkeiten."

Erstmal muss die Gemeinde jedoch selbst Geld investieren. Fünf bis zehn Millionen Euro kostet der Weg zum Bio-Energiedorf. Ein Großteil davon kommt aus staatlichen Fördertöpfen und günstigen Förderkrediten.

Mecklenburg-Vorpommern lässt sich das Projekt einiges kosten. In den nächsten zehn Jahren sollen insgesamt 500 solcher Energiedörfer entstehen.

Es ist nur eine Maßnahme für Mecklenburg-Vorpommern auf dem Weg zum "Energieland 2020", wie es die rot-schwarze Landesregierung nennt. Erneuerbare Energie sehen viele hier als große Chance für das Land. Strom-Exportland soll es werden, und außerdem das erste Bundesland, das seinen gesamten Strombedarf aus regenerativen Quellen abdeckt – in den nächsten zehn Jahren, wenn es nach der rot-schwarzen Regierung geht. Auch die Linken sehen das so.

Die Grünen wollen bereits in fünf Jahren so weit sein.

Jutta Gerkan macht Wahlkampf in der Fußgängerzone von Waren am Müritzsee. Sie ist hier die Listenkandidatin der Grünen. Die bundesweite Energiewelle könnte die Partei erstmals in den Schweriner Landtag bringen.

Das Energiethema wird dafür prominent platziert. Grüne Wirtschaftspolitik als Lösung der hiesigen Probleme.

"Ich sehe das eher als Chance. Wir haben ein riesengroßes schönes Land, und da müssen wir es irgendwie hinkriegen, dass wir uns autark versorgen, die Chancen sind so gut, wie in keinem anderen Bundesland."

Windkraft macht heute schon den größten Anteil an der Energiegewinnung im Land aus und deckt den eigenen Strombedarf zu vierzig Prozent.

Strom aus nachwachsenden Rohstoffen folgt dicht hinter. Und gerade Biogas soll nach Meinung von Rot-schwarz in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werden. Landwirtschaft für die Steckdose und nicht für den Teller, nennen das die Kritiker.

Bei aller Euphorie mahnt deshalb die Grüne Jutta Gerkan zur Vorsicht. Die Kunst werde sein, erneuerbare Energie mit Weitsicht auszubauen. Das wird auch am Beispiel Energiedörfer deutlich.

"Dass dort auch Biogasanlagen gebaut werden, hoffentlich auch nicht zu überdimensionierte, das ist immer unsere Befürchtung. Aber wenn es kleinere Dörfer sind, sinds eben auch nicht überdimensionierte. Also so was in Güstrow abgelaufen ist das ist ja ne gigantische Anlage. So was sollte nicht unbedingt passieren, wo dann auch Maismonokulturen oder Fruchtwechsel Mais-Gülle-Mais-Gülle passiert, das sollte nicht sein."

Die Anlage die Gerkan meint, ist die größte Biogasanlage der Welt. Sie steht im Nachbarort Güstrow und produziert genug Energie für 50 000 Haushalte, verbraucht aber dafür riesige Mengen an Mais, Getreide und Gras. Für die Einen ist die Anlage ein Meilenstein in Richtung Energieland Mecklenburg-Vorpommern, für die Anderen ein Meilenstein in Richtung Monokulturland Mecklenburg-Vorpommern.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr